Probleme beim Einloggen

Plastik – Wird uns die Allzweckwaffe zum Verhängnis?

Die EU will Einwegkunststoffprodukte verbieten und so den Müll in den Meeren eindämmen. Kritiker fordern jedoch ein generelles Umdenken in der Produktion. Nur: Können wir ganz auf Plastik verzichten?

Keine Verpackung ist auch keine Lösung

Prof. Dr. Thomas Müller-Kirschbaum

Leiter, Forschung & Entwicklung Laundry & Home Care, Henkel

Prof. Dr. Thomas Müller-Kirschbaum
  • Ja, wir sollten Verpackungsmaterial reduzieren
  • Nachfüll- und Pfandsysteme produzieren mehr CO2 als Kunststoffrecycling
  • Das Ziel: eine Kreislaufwirtschaft

6.307 Reaktionen

Plastik steht derzeit in der Kritik. In dieser sehr einseitigen Debatte erwähnt jedoch keiner, wie wichtig Plastik für uns und, ja, auch unsere Wirtschaft ist. Eine nachhaltige Wirtschaft braucht Verpackungen. Und ich sage Ihnen auch, wieso: Sie schützen das Produkt vor äußeren Einflüssen, sorgen für eine effiziente Logistik, bieten Platz für Verbraucherinformationen und unterstützen die Dosierung und Lagerung des Produkts. Ohne Verpackung geht es nicht. Die Forderung nach wiederbefüllbaren Verpackungen und Nachfüll- beziehungsweise Pfandsystemen im Supermarkt ist zwar nachvollziehbar, denn theoretisch würden dadurch weniger Verpackungen entstehen. Doch dieser Weg ist nicht ideal – weder ökologisch noch hygienisch noch ökonomisch.

Nehmen wir Flüssigwaschmittel: Wenn Sie die leere Flasche wiederbefüllen wollen, muss aufgrund von Kennzeichnungspflichten zunächst einmal sichergestellt sein, dass Sie auch das gleiche Produkt in die Flasche füllen. Was draufsteht, muss auch drin sein. Zudem muss die leere Flasche hygienisch sauber sein. Andernfalls können Keime ins Waschmittel gelangen. Ein weiterer Punkt ist die Konservierung des Flüssigwaschmittels. Waschmittel enthält leicht biologisch abbaubare Stoffe. Damit diese bei einer Nachfüllstation stabil bleiben, müsste ein hoher Anteil an Konservierungsmitteln enthalten sein. Wird das nicht beachtet, ist das ein Nährboden für Bakterien. Außerdem fordert ein Nachfüllsystem die Logistik im Supermarkt immens heraus. Auch ein Pfandsystem führt durch seinen logistischen Aufwand derzeit zu einem größeren Umweltfußabdruck als das in Deutschland gut funktionierende Kunststoffrecycling. Denn Flaschen müssen gesammelt, gelagert, zurück an den Hersteller geliefert und gereinigt werden. Kurzum: Derzeit ist keine Verpackung auch keine nachhaltige Lösung.

Wir müssen mehr Verpackungen entwickeln, die recyceltes Material beinhalten

Doch das heißt nicht, dass wir nichts tun können. Worum sollte es uns allen also stattdessen gehen? Um drei Punkte: Vermeiden, verringern und wiederverwerten. Unser Ziel muss sein – und hier gebe ich den Befürwortern von weniger Verpackungen recht –, die Menge an Verpackungsmaterial im gesamten Produktlebenszyklus zu reduzieren. Aber das muss geschehen, ohne die Qualität, Leistung oder Sicherheit des Produkts zu beeinträchtigen.

Eine unverzichtbare Säule ist dabei die Wiederverwertung, Stichwort: Kreislaufwirtschaft. Wir müssen mehr Verpackungen entwickeln, die recyceltes Material beinhalten und einfacher wiederzuverwerten sind. Im vergangenen Jahr haben wir in 1,2 Milliarden Verpackungen recyceltes Material verwendet. Das ist eine signifikante Menge, aber nach wie vor verwenden wir auch Verpackungen, die kein Rezyklat enthalten. Es ist für uns einfach noch nicht machbar, sämtliche Verpackungen von heute auf morgen aus 100 Prozent Rezyklat herzustellen. Wir sind auf die Anbieter von Rezyklat angewiesen. Doch hier mangelt es derzeit noch an der Menge und der Qualität. So kann recycelter Kunststoff etwa das Erscheinungsbild der Verpackung beeinträchtigen oder unerwünschte Gerüche aufweisen, die sich mitunter auf das Produkt übertragen. Gerade beim Waschmittel ist das ein nicht erwünschter Nebeneffekt. Wir achten also darauf, dass die Qualität des Materials stimmt – allein dadurch steht uns ein geringeres Angebot von Rezyklaten zur Verfügung. Wird uns dann gutes Material angeboten, würden wir gern mehrere Tonnen bestellen, doch diese Menge können die Anbieter oft nicht liefern. Die Aufbereitung der Materialien ist technisch anspruchsvoller, als wir uns das oft vorstellen.

Auch wir Hersteller können mehr tun

Denn manche Kunststoffe lassen sich besser recyceln als andere. Und hier können wir Hersteller ansetzen. Wir können daran arbeiten, die Arten Kunststoff zu verwenden, die besser recycelbar sind. Flexible Verpackungen wie Chipstüten, die aus Folien aus unterschiedlichen Materialien bestehen, lassen sich zum Beispiel nicht gut verwerten. Hier ist auch der Austausch mit Verpackungsherstellern und anderen Partnern entlang der Wertschöpfungskette wichtig. Nur so erreichen wir eine echte Kreislaufwirtschaft.

Und ich bin davon überzeugt, dass wir durch diese Kreislaufwirtschaft mehr erreichen als durch den Verzicht auf Verpackungen. Dafür müssen aber noch mehr Hersteller ihre Verpackungen recyclingfähiger machen. Und auch mit Rezyklatanbietern müssen wir näher zusammenarbeiten. Denn wenn nur eine Handvoll Hersteller recycelbare Verpackungen verwendet und mehr Rezyklat einsetzt, ist das zwar eine gute Sache, doch das reicht nicht. Einen Schritt in die richtige Richtung macht zum Beispiel die New Plastics Economy. Durch sie kommen alle Akteure an einen Tisch – auch wir sind dabei. Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Hersteller und Anbieter dieser Initiative anschließen. Denn nur gemeinsam können wir es schaffen, Ressourcen zu schonen und Verpackungsmüll auf Dauer zu minimieren.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Wie können wir dem Müllverbrauch den Kampf ansagen? Versuchen Sie, auf Plastik zu verzichten? Worauf achten Sie?

Veröffentlicht:

Prof. Dr. Thomas Müller-Kirschbaum
© Henkel
Prof. Dr. Thomas Müller-Kirschbaum

Leiter, Forschung & Entwicklung Laundry & Home Care, Henkel

Der Physiker ist seit 2005 Forschungsleiter für Wasch- und Reinigungsmittel bei Henkel. Als stellvertretender Vorsitzender des Henkel Sustainability Councils koordiniert Thomas Müller-Kirschbaum zudem die weltweiten Aktivitäten zur Nachhaltigkeit. Nach dem Studium in Physik, Chemie und Umwelttechnologie begann er vor mehr als 25 Jahren in der Kosmetikforschung des Herstellers. In den Bereichen Innovation und Nachhaltigkeit vertritt er ihn unter anderem bei Initiativen des Verbands der Chemischen Industrie.

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren