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Institution Schule - Verstaubte Tradition oder anregende Lernstätte?

Unschooling, Freilernen, School as a Service - neue Konzepte von Bildung treten immer mehr in den Fokus. Verliert die Schule ihre Berechtigung? Oder müssen wir nur beginnen, sie anders zu denken?

Boris Gloger
  • Unsere Kinder werden wie zur Zeit der Industrialisierung ausgebildet
  • Ein starrer Lehrplan mit vorgekauten Themen fördert keine Begeisterung
  • Agilere Unterrichtsformate und das Freilernen befähigen Kinder für das Leben

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Lehrermangel, sanierungsbedürftige Gebäude, Lehrmethoden wie zu Zeiten der Industrialisierung – man könnte meinen, Schule schafft sich selbst ab. Doch ein Wandel des Bildungssystems ist aktuell nicht in Sicht, bisher werden Kinder noch immer zum Frontalunterricht verdonnert. Das hat einen guten Grund. Ich habe den Eindruck, die Politik sieht das Kind als leere Hülle an, das mit (vorgegebenem) Wissen befüllt werden muss, um so ein vollwertiges, leistungsorientiertes Mitglied des Systems zu werden. Individuelle Interessen fördern? Fehlanzeige!

Schule ödet an

Seien wir ehrlich: Kinder lernen im Schulunterricht etwas, das sie in weiten Teilen nicht interessiert und das ihnen – bis auf wenige Ausnahmen – im Leben nicht weiterhilft. Erinnern Sie sich an den Zitronensäurezyklus aus dem Bio-Unterricht oder an den Satz des Thales? Ja – ich finde, jeder sollte wissen, dass F = m · a, aber wer braucht’s? Die Folge sind lustlose Schüler, die sich durch den Unterricht quälen und nicht ausreichend auf das Leben und die Arbeitswelt vorbereitet werden. Ein Dilemma ist das auch für unsere Wirtschaft, denn die ist künftig mehr denn je auf fähige und resiliente Köpfe angewiesen.

Schule bildet für das Leben aus? Meine Meinung ist eine andere: Sie ist eine „Aufbewahrungsanstalt“, gemacht für den Kultusminister, die Lehrer und Schulbehörden sowie für Kinder, deren Eltern in dieser Zeit zur Arbeit gehen können. Es wird deshalb Zeit für einen Paradigmenwechsel, der aus meiner Sicht nur zwei Möglichkeiten zulässt:

  1. Wir brauchen eine radikale Umkehr der Unterrichtsmethoden. Statt der Inhalte muss der Schüler im Mittelpunkt stehen. Erste Initiativen wie „Scrum4Schools“, der Markhof in Wien, die IGS Süd in Frankfurt oder „Schule im Aufbruch“ zeigen, dass die Motivation und die Selbstorganisation so um ein Vielfaches steigen.
  2. Auch das sogenannte Freilernen („Unschooling“) sollte in Deutschland Usus werden, wenn es keine Veränderungen der Schulformen gibt – denn die traditionellen Schulen vernichten Potenzial, statt es zu heben. Die Kernidee dabei ist, dass Lernen an keinen Ort und keine Institution gebunden ist. Kinder lernen also gemeinsam mit einem Elternteil in der Natur oder zu Hause, aber ausschließlich durch intrinsische Motivation. Die Freilerner organisieren sich in Netzwerken, veranstalten Workshops und haben eigene Verbände.

Was bedeutet das nun im Detail?

1. Neue Unterrichtsmethoden fördern Eigeninitiative und Selbstorganisation

Eine Fähigkeit, die Kindern zu eigen ist und uns auch später im Erwachsenenleben antreibt, ist Neugierde. Mit diesem Motor lernen wir leicht, und das Gehirn merkt sich Abläufe und Zusammenhänge einfach besser. Die Aufgabe von Eltern und Pädagogen ist es, einen Ort zu schaffen, an dem Kinder spielerisch lernen – und zwar auch das, was sie interessiert und mehr noch begeistert.

Als Vater zweier Kinder stelle ich mir die Frage: Will ich ihnen dieses Schulsystem zumuten? Und was kann ich selbst tun? Als Berater implementiere ich agile Methoden in Unternehmen – warum also nicht auch in Schulen? So ist „Scrum4Schools“ entstanden. Auf den Prinzipien von Scrum aufbauend, lösen Schüler-Lernteams innerhalb eines festen Rhythmus eigenständig Aufgaben. Die einzelnen Schritte der Teams werden dabei völlig selbstständig geplant. Der Lehrende legt zuvor lediglich das Lernziel fest und steht den Schülern beratend zur Seite, die Erarbeitung des Wissens liegt bei den Kindern selbst.

Inzwischen haben wir gemeinsam mit Schulen erste Pilotprojekte in Deutschland und Österreich durchgeführt. Die Schüler übernahmen selbstständig mehr Verantwortung für ihren Lernprozess. Die Noten verbesserten sich dort – in ganz traditionellen Fächern wie Geschichte – erheblich, und die Schüler übernahmen freiwillig mehr Aufgaben als vorgegeben.

2. Freilernen – ein Konzept, das Schule machen sollte

Noch konsequenter ist ein Ansatz, der Eltern sowie Schülern größtmöglichen Freiraum gewährt: das schon genannte „Unschooling“. Beim Freilernen besuchen die Kinder gar keine Schulen mehr. In einem Land wie Deutschland, in dem schlimmstenfalls die Polizei bei Nichterscheinen auf der Matte steht, ist das undenkbar. Doch in Ländern wie Österreich, Großbritannien oder den USA ist es bereits gang und gäbe. Im Wesentlichen gibt es dabei zwei Stufen:

  • Beim klassischen – eher verschulten – Homeschooling bringen die Eltern den Kindern den gleichen Lehrstoff wie in der Schule bei. Allerdings in der Regel nicht so, wie es in der Schule geschieht – frontal –, sondern sie gehen mit ihren Kindern in Museen, reisen, schauen Filme, animieren zum Lesen oder führen auch mal die Regel ein: Jeden Morgen stehen zwei Stunden Lernzeit an. Jede Familie macht das ein wenig anders. Eltern berichten hier oft, dass sie selbst erst lernen müssen, was ihre Kinder lernen wollen, und sich von überholten Methoden des Lernens frei machen. In Österreich beispielsweise darf Unterricht auch außerhalb der Schule stattfinden – die Kinder müssen am Ende eines Schuljahres aber im Rahmen einer sogenannten Externistenprüfung darlegen, dass sie den Schulstoff beherrschen. Betreuungsgruppen wie der oben erwähnte Markhof sind eine Mischform: Hier entscheiden die Kinder, wie sie sich den Stoff, der für die Externistenprüfung gelernt werden muss, selbst beibringen.

  • Beim, ich nenne es mal, radikalen Freilernen bestimmen Kinder selbst, was sie lernen möchten, und sind dabei nicht an das gebunden, was Kultusministerien vorgeben – Eltern sind hier lediglich die Ermöglicher. Es gibt dabei weder vorgeplante Zeiten noch Inhalte oder Orte, an die das Lernen gebunden ist. Dieses Konzept ist in Großbritannien und in weiten Teilen der USA verbreitet. Natürlich ist hier Voraussetzung, dass mindestens ein Elternteil Zeit hat, das Kind dabei anzuleiten.

Begeisterung ist der Schlüssel zum Erfolg

Jeder Mensch ist individuell – und für Grundlagen wie Schreiben und Rechnen spreche ich der Schule ihre Berechtigung nicht ab. Doch entgegen der eigenen Anlagen und Interessen zu lernen ist einfach absurd. Als Gedankenanstoß möchte ich abschließend aus einem Buch von André Stern zitieren, der nie eine Schule besucht hat:

„Die Neurobiologie beweist, was wir alle schon durch Erfahrung wissen: Die Begeisterung ist der Generalschlüssel. Sie verleiht uns Flügel, lässt uns Hindernisse überwinden. Wenn wir uns begeistern, ist nichts mehr unerreichbar, das Lernen geht scheinbar ‚von allein‘. Die Beobachtung kleiner Kinder hat gezeigt, dass sie alle drei Minuten einen Begeisterungssturm erleben. Erwachsene empfinden im Durchschnitt dieselbe Menge Begeisterung nur zwei bis drei Mal pro Jahr. […] Warum hat sich niemand je die Frage gestellt, was aus einem Kind würde, das sein ganzes Leben lang im angeborenen Zustand der Begeisterung bleiben dürfte?“

Stern selbst dürfte die Antwort darauf sein: Er ist Gitarrenbauer, Musiker, Komponist, Autor, Journalist und Institutsleiter. Ein Multitalent, das sich seine Fähigkeiten überall antrainiert hat – außer in der Schule.


Diskutieren Sie mit: Haben Sie Kinder im schulpflichtigen Alter? Was halten Sie davon, die Schule abzuschaffen und selbst zu lehren?

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Boris Gloger
© Privat
Boris Gloger

Gründer und Geschäftsführer, borisgloger consulting GmbH

for Agiles Management, neues Arbeiten

Boris Gloger ist Gründer und Geschäftsführer der Managementberatung borisgloger consulting GmbH mit Sitz in Baden-Baden und Wien. Der Managementberater ist Autor mehrerer Bücher zum Thema Scrum – ein Framework, mit dessen Hilfe Software beziehungsweise Projekte agil entwickelt werden können. Weltweit setzen Unternehmen das Vorgehensmodell für die Produkt- und Organisationsentwicklung ein. Boris Gloger ist Speaker und Keynote-Speaker zahlreicher Branchenveranstaltungen rund um das Thema Management.

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