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Kirche in der Krise: Ist der Katholizismus noch zeitgemäß?

Das Reformationsjahr 2017 sollte die Ökumene zum ersten Mal einen. Stattdessen aber gebe es „ethische Grunddifferenzen“, beklagte Erzbischof Kardinal Woelki. Ist die katholische Kirche zu weltfremd?

Christiane Florin
  • Selbst Papst Franziskus kritisiert den „theologischen Narzissmus“ der Kirche
  • In der Kirche ist es geradezu chic geworden, dem „Zeitgeist“ standzuhalten
  • Eine Bastion zu sein, die vor Zumutungen der Gegenwart schützt, reicht nicht

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Irgendwas mit Gott – das ist Religion. Etwas Bestimmtes mit Gott – das ist katholisch. Die katholische Kirche hat in zwei Jahrtausenden den Weg zum Heil millimetergenau vermessen und beschildert. Das Vorschriftenaufkommen ist hoch. Bis vor ein paar Jahrzehnten glaubte eine Mehrheit der Katholiken tatsächlich noch, dass sich bei Abzweigungen und Übertreten der Warnschilder das Tor zur Hölle auftut. Mittlerweile ist der Kirche diese Hoheitsgewalt über Gewissen und Betten abhandengekommen. Als der Vatikan 2014 die Gläubigen weltweit befragte, ob sie im Bereich von Ehe und Partnerschaft die Lehre der katholischen Kirche befolgen, stellte sich heraus, dass die Mehrheit die Vorschriften entweder nicht kennt oder bewusst ignoriert. Auch die Glaubenskongregation hat in ihrem Eifer nachgelassen. Eines der letzten Warnschilder aus Rom stammt aus dem Jahre 2011 und stellt klar, was niemand mehr so genau wissen will, nämlich dass aidsinfizierte männliche Prostituierte Kondome benutzen dürfen, brave katholische Ehemänner aber weiterhin nicht.

Die katholische Kirche erlaubt keine Scheidungen und geißelt Homosexualität

Dem aktuellen Papst Franziskus sind solche Detailregelungen peinlich. Wie „Felsblöcke“ sei die kirchliche Moral auf die Menschen gefallen, kritisiert er in einem päpstlichen Schreiben. Eine Kirche, die verletze, anstatt zu heilen, die vor lauter Vorschriften den Blick auf Gott verstelle, die brauche kein Mensch. Schon in seiner Bewerbungsrede vor dem Konklave 2013 wandte er sich gegen den „theologischen Narzissmus“, die Selbstbezüglichkeit einer Kirche, die sich in der Sündenverwaltung gefällt.

Einige Reformen hat Franziskus angestoßen, aber es gibt einflussreiche Gegenbewegungen, nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Welt da draußen: Demokratie, Pluralismus, die Emanzipation von Frauen, die Gleichstellung Homosexueller – all das ist durch Populisten in Verruf geraten. Es ist in rechtsintellektuellen Kreisen chic geworden, die katholische Kirche gerade dafür zu loben, dass sie hart bleibt, dass sie – wie es dann gern heißt – dem „Zeitgeist“ standhält. Sie erlaubt keine Scheidungen, geißelt Homosexualität und schließt Frauen von Weiheämtern aus. Sie sagt Nein im Namen der Wahrheit, alles andere ist Relativismus. Die katholische Kirche wird in dieser Perspektive zur Bastion, die einen vor den Zumutungen der Gegenwart bewahrt.  

Eine Moral wie ein Felsblock

Ich habe mich für mein Buch „Der Weiberaufstand“ intensiv mit der Frage beschäftigt, warum die katholische Kirche Frauen nicht zu Priesterinnen weiht. Jahrhundertelang lautete das wichtigste Argument: Weil Frauen minderwertig sind, das Ebenbild Gottes ist der Mann. Als das nicht mehr sagbar war, wurden andere Begründungen nachgeschoben, die bis heute – gern mit lateinischem Fachvokabular nobilitiert – wiederholt werden: Jesus war ein Mann, die Apostel waren Männer, der Priester repräsentiert Christus, er ist vermählt mit der Kirche, der Braut Christi, die Tradition lässt sich nicht so leicht verändern … Keines der Argumente überzeugte Theologen, deshalb musste ein Machtwort die Debatte beenden. 1994 erklärte Johannes Paul II., die Kirche habe nicht die Vollmacht, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Das sei endgültig entschieden. Seitdem feiern katholische Trump-Fans in jedem Gottesdienst, dass ihre Kirche der Bedrohung durch Feminismus und „Genderismus“ standhält. Die Kirche muss nicht zeitgemäß sein, aber menschengemäß sollte sie sein, einen wachen Blick haben für das, wonach sich Menschen sehnen und woran sie verzweifeln. Sie sollte sich nicht gemein machen mit den Frauenverächtern und Homohassern dieser Welt. Zur Menschenfreundlichkeit gehört zum Beispiel der eine Satz, der seit Jahrtausenden unmöglich zu sein scheint: Frauen sind zu allen Ämtern und Diensten der katholischen Kirche zugelassen.

Hauptsache, gegen den Zeitgeist – ist das das Geheimnis des Glaubens? Der katholische Markenkern? Der Weg, die Wahrheit und das Leben? Hoffentlich nicht. Vor allem ist es Angst. Wer den Zeitgeist nicht mehr prägen kann, der will vor ihm fliehen.

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Christiane Florin
© Christiane Florin
Christiane Florin

Redakteurin für Religion und Gesellschaft, Deutschlandfunk, Autorin

Christiane Florin (Jg. 1968) ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin und Journalistin. Sie war bis Ende 2015 Redaktionsleiterin der Beilage "Christ und Welt" in der Wochenzeitung "Die Zeit" und ist jetzt Redakteurin für Religion und Gesellschaft beim Deutschlandfunk. Zudem schreibt sie Bücher. In „Der Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen“ (Kösel) will sie auf die ganz selbstverständlichen Benachteiligungen gegenüber Frauen in der katholischen Kirche aufmerksam machen.

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