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Deutscher Schulleiterkongress: Wie sieht die Schule der Zukunft aus?

Unmotivierte Lehrer, fehlendes Lehrmaterial und viel zu wenig Betreuung: Schulischer Unterricht steht seit Jahren in der Kritik. Und auch das Notensystem wird oft als unzureichend angeprangert.

Kompetenzorientierter Unterricht braucht keine Noten

Marius Ettlinger
  • Seit einiger Zeit ersetzen wir Noten in der dritten Klasse durch Feedback mit Farben
  • Denn anstatt anzuspornen, vermitteln schlechte Noten das Gefühl, versagt zu haben
  • Farben helfen den Kindern, unsere differenzierten Wortrückmeldungen zu verstehen

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Ich staunte nicht schlecht über das Echo unseres neuen Ansatzes in der Schülerbeurteilung. Um eine kompetenzorientierte Beurteilung kindgerecht darzustellen, ersetzten wir in der dritten Klasse die Schulnoten durch förderorientierte Wortrückmeldungen. Jede Wortrückmeldung wird zudem durch eine Farbe unterstützt, weil wir das noch kindgerechter finden. Die Farben sind angelehnt an das Wachstum einer Sonnenblume, weil wir allen Kindern zum Schuljahresstart eine Sonnenblume mit auf den Weg geben: Braun steht für die Erde – und aus der kann schließlich was Gutes gedeihen. Grün heißt: „Das gelingt mir teilweise. Ich muss noch üben“. Dann kommt Orange für „Das kann ich schon gut“ und Gelb für „Das beherrsche ich“.

Das Thema wurde von Medien in der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden aufgegriffen und im Internet rege kommentiert. Bei „Spiegel online“ waren von 93 Kommentaren 92 negativ. Der 93. und gleichzeitig letzte der Liste war vermutlich nur darum positiv, weil ihn ein Freund von mir geschrieben hatte. Kommentare wie „ein Kleinkind als Schulleiter“ oder „einem Lehrer, der so grinst, würde ich weder eine Note noch eine Farbe glauben“ entsetzten mich zunächst. Dieses Maß an Respektlosigkeit im Schutze der Anonymität war für mich erstmals hautnah erlebbar und hätte ich kaum für möglich gehalten.

Die Umsetzung wird Jahre dauern

Das Medienecho führte dazu, mich intensiver mit der Idee einer notenfreien Schülerbeurteilung auseinanderzusetzen. Heute bin ich überzeugt, dass ein wirklich kompetenzorientierter Unterricht ganz ohne Noten als Be-(oder eher Ver-?)urteilungsmittel auskommen würde. Warum? Weil Kompetenzorientierung ganz neue Wege des Lernens ermöglichen würde. Soll der kompetenzorientierte Ansatz umgesetzt werden, ist die Haltung und die Lernbegleitung der Lehrperson ein Schlüssel. Der traditionelle (meist lehrerzentrierte) Unterricht muss neuen, schülerzentrierten Unterrichtsformen weichen. Die Lehrperson wird zum Coach der Lernenden auf ihren Lernwegen – mit dem Ziel, Selbstlerner zu werden. Aufs Papier ist dieser Anspruch schnell geschrieben, ihn in die Praxis umzusetzen braucht Jahre, weil wir (fast) alle – auch die Lehrenden – von traditionellen Lernmodellen geprägt sind. Statt über Notenzeugnisse, die ohnehin nicht vergleichbar sind, würden die Lernenden über Portfolios verfügen, die ihre erworbenen Kompetenzen dokumentieren.

Kleine Kinder können mit Zahlen wenig anfangen

Aber passt dieser Ansatz in unsere leistungsorientierte, selektive und von materiellen Werten geprägte Gesellschaft? Ich bin der Meinung: Sie würde … wenn wir sie von der Basis anders denken beziehungsweise gestalten würden. Eben nicht leistungsorientiert, sondern kompetenzorientiert und damit nicht durch Notenwerte geprägt, sondern durch das Bewusstsein, wo das eigene Können liegt.

Und da sind wir wieder bei unserem Ansatz an der Primarschule Rotmonten-Gerhalde: Farben, welche differenzierte, förderorientierte Wortrückmeldungen unterstützen, mit einem Symbol verknüpft, welches Kinder verstehen. Dass dieser Ansatz tatsächlich gelingen könnte, zeigt mir die Aussage einer Mutter, deren Kind erstmals ein Notenzeugnis erhielt, das wir nach wie vor am Ende des Semester beziehungsweise Schuljahres abgeben müssen. Sie äußerte sichtlich erstaunt: „Mein Sohn konnte mit diesen Zahlen gar nichts anfangen. Er orientiert sich nur noch an den Farben. Sein Notenzeugnis hat ihn überhaupt nicht interessiert.“

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Marius Ettlinger
© Marius Ettlinger
Marius Ettlinger

Schulleiter, Primarschule Rotmonten-Gerhalde, St. Gallen

Marius Ettlinger (Jg. 1967) ist Leiter der Primarschule Rotmonten-Gerhalde in der Stadt Gallen (CH). Seine berufliche Laufbahn verbrachte er zum grössten Teil im Bildungsbereich. Er war Schulpräsident in Romanshorn, Leiter der Lehrlingsausbildung eines grossen Industriebetriebes, aber auch Radiojournalist und nebenberuflich als Gemeinderat, Werbetexter und in der Erwachsenenbildung tätig. Marius Ettlinger ist ausgebildeter Primarlehrer, Schulleiter und Personalfachmann.

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