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Kuckucksvaterschaften: Wenn herauskommt, dass man nicht der Vater ist

Experten schätzen, dass jedes fünfte bis zehnte Kind ein Kuckuckskind ist. Bisher können betroffene Scheinväter Geld vom leiblichen Vater zurückfordern. Eine neue Regierung könnte die Rechte umkehren.

Kuckucksmütter können Verantwortung tragen

Ludger Pütz
  • Kuckucksmütter werden noch nicht in die Verantwortung genommen
  • Ein obligatorischer Vaterschaftstest – OVAG – könnte viel Leid verhindern
  • Gesetzlich muss geregelt sein: Vater eines Kindes ist der, der es gezeugt hat

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Per Gesetz können drei verschiedene Männer Vater werden: der Ehemann der Mutter, ein Mann, der die Vaterschaft anerkennt, oder der Mann, der erwiesenermaßen der leibliche Vater ist. Wer letztlich die Rolle übernimmt, entscheidet die Mutter – ganz allein. Ich habe das erlebt und gesehen, wie die Menschen, egal in welcher Rolle, unter dieser Entscheidung leiden. Der neue Gesetzesentwurf könnte die Situation nun noch verschlimmern.

Mir selbst wurde in erster Ehe ein Kind untergeschoben, und ich fand es erst heraus, als es fast sieben Jahre alt war. Bei Familienberatungsstellen, Kinderpsychologen und im Netz suchte ich nach Hilfe, fand aber keine. Daraufhin gründete ich 2011 einen Blog für alle Betroffenen, für Kuckuckskinder, Scheinväter, die leiblichen Väter und auch für Kuckucksmütter. Die zahlreichen anderen Fälle, die ich dadurch kennenlerne, wie auch mein eigener zeigen, dass der Gesetzgeber, der hier vieles leichter machen könnte, versagt.

Mütter werden vor Gericht behandelt wie Zeugen

Nach jetziger Gesetzeslage würden Scheinväter den gezahlten Unterhalt vom leiblichen Vater zurückbekommen – wenn dieser denn bekannt wäre. Ist er aber in bemerkenswert vielen Fällen nicht. Der neue Gesetzesentwurf begrenzt den Unterhaltsanspruch nun sogar nur noch auf zwei Jahre in die Vergangenheit. In den meisten Fällen stünde den Scheinvätern rein gar nichts zu – denn deren Ansprüche wären längst verjährt. Sowohl das geltende Gesetz als auch der Gesetzesentwurf bieten Müttern hier ein großes Schlupfloch: „… Die Verpflichtung besteht nicht, wenn und solange die Erteilung der Auskunft für die Mutter des Kindes unzumutbar wäre.“ Wenn ein Elternteil keinen oder unregelmäßig Unterhalt zahlt, zahlt der Staat an seiner Stelle einen Vorschuss. Dieser Vorschuss verjährt nicht. Er muss zurückgezahlt werden. Wenn der Unterhalt nun jedoch von einer echten Person gezahlt wurde, die noch dazu unschuldig ist, begrenzt man den Anspruch auf zwei Jahre. Ist das fair?

Natürlich hat dieses Drama mehrere Seiten: Häufig weiß der biologische Vater gar nicht, dass er der Vater ist. Ihn mit dieser Hiobsbotschaft in den finanziellen Bankrott zu drängen, kann natürlich auch keine Lösung sein. Auch die leiblichen Väter erleiden einen seelischen Schock. Er wird nie der Vater sein, der er hätte sein können. Dass leibliche Väter nun mehr Rechte bekommen würden, ist gut so. Doch eine Person wird in der Diskussion häufig vergessen: die Kuckucksmutter. Sie ist juristisch für ihr Handeln nicht zur Verantwortung zu ziehen. Dabei ist die Mutter der Dreh- und Angelpunkt. Ohne ihre Entscheidung kann kein Kind ein Kuckuckskind werden. Doch die Mutter kommt in keinem einzigen Rechtssatz vor. Sie ist stets nur Zeugin. Das muss sich ändern.

Der Gesetzgeber schadet der ganzen Familie

Natürlich kann sie nachvollziehbare Gründe haben, den beteiligten Männern nicht die Wahrheit zu sagen und sie im falschen Glauben zu lassen. Jeder sollte vorsichtig sein und nicht einfach den Stab über die Mütter brechen. Doch es muss möglich sein, dass Scheinväter ihr Geld von den Kuckucksmüttern zurückklagen dürfen, selbst wenn der Vater bekannt ist. Er hat den von ihr erschlichenen Kindesunterhalt ihr ausgezahlt. So sollte auch sie die Person sein, die es ihm zurückerstattet. Anschließend kann die Kuckucksmutter auf eigene Kosten abwägen, ob ihr Geheimnis weiter zu hüten sei oder ob sie sich den Kindesunterhalt beim Vater einklagt. Dann kann das Justizministerium sich Gedanken machen, ob diese Forderungen begrenzt werden sollten.

In dem Bemühen des Gesetzgebers, die Mutter zu schützen, passiert genau das Gegenteil. Die rechtlich legitime Möglichkeit, sich nicht der Wahrheit stellen zu müssen, hat erhebliche Nachteile für alle Beteiligten und die Mutter selbst. Sie wird verdammt dazu, ihr Leben lang die Personen anzulügen, die ihr am nächsten sind. Sie muss mit einer Lüge leben, die ihre Psyche verändern wird. Und das nicht zu ihrem Vorteil. Es ist auch keine Lüge, die mit der Zeit an Kraft verliert, sondern – im Gegenteil – an Energie gewinnt. Da bleiben zunächst die Partnerschaften auf der Strecke, denn es kann letztlich keine Beziehung gut funktionieren, die mit einer derartigen Lüge belastet ist. Der vielleicht wohlgemeinte Versuch des Gesetzgebers, dem Kind einen Vater zu sichern, der dauerhaft an der Seite der Mutter ist, da sie ihn ja frei wählen konnte, kehrt sich mit großer Wahrscheinlichkeit ins Gegenteil.

Was bleibt, ist alles andere als ein Gefühl des Triumphs

So anerkennenswert es ist, dass ein Mann überhaupt die Möglichkeit einer Vaterschaftsanfechtung hat, so sehr führt der Gesetzgeber dies auch wieder ad absurdum. Der Mann muss nachweisen, dass er innerhalb der vergangenen zwei Jahre Zweifel an der Vaterschaft hegte und nicht bereits vorher. Sollte die Mutter dagegen argumentieren, um den Scheinvater als Zahlesel zu behalten, dann wird sie behaupten, er habe es ab Geburt gewusst und hat auch meist gleich ein paar Bekannte an der Hand, die ihre Aussage aus falsch verstandener Solidarität bestätigen. Da ist es schier unmöglich, das Gegenteil zu beweisen, und der Scheinvater ist abermals der gesetzlichen Willkür ausgesetzt.

Ohnehin herrscht das Bild des egoistischen, geldgierigen Mannes, der begeistert jegliche Verantwortung loswerden will, um sich wieder ein schönes Leben zu machen. Ohne jeden Skrupel, so die Vorstellung, stößt er die Mutter und das Kind von sich, in ihr Elend. Die Welt ist doch so einfach. Weder ich selbst noch ein anderer mir bekannter Scheinvater erlebte zu dem Zeitpunkt das Gefühl des Triumphs. Es mag zwar das Gerechtigkeits- und Ordnungsempfinden etwas beruhigen, aber es ist kein Triumph. Schon gar nicht dem Kind gegenüber. Zurück bleiben eher Zweifel und das Gefühl des Versagens.

Was wiegt mehr: der Schutz des Kindes oder der Schutz der Mutter?

Würde der Gesetzgeber konsequent sein und das Wohl aller bedenken, dann würde sehr schnell eine Konstellation entstehen, in der die Mutter in die Haftung genommen wird. Schon kleinen Kindern bringen wir bei, dass sie für die Konsequenzen ihres Handelns geradestehen müssen. Und Mütter sind keine kleinen Kinder. Man bekommt fast den Eindruck, dass der Gesetzgeber Frauen für unmündige Bürger hält, um sie gleichzeitig als Schutzschild gegen finanzielle Forderungen zu missbrauchen. Wäre es der Regierung ein Anliegen, der Situation entsprechend gerecht zu handeln, könnte sie sich beispielsweise vorab erkundigen, wie der tatsächliche finanzielle sowie familiäre Bedarf bei den Betroffenen aussieht. Doch stattdessen werden Gesetze verfasst, die meilenweit an der Lebenswirklichkeit vorbeigehen und wie blanker Hohn wirken. Es gäbe sogar eine Möglichkeit, all dem Leid Einhalt zu gebieten, bevor es entsteht: durch die gesetzliche Einführung des OVAG, des obligatorischen Vaterschaftstests ab Geburt.

Mit dem OVAG würden Identitätsraub, Kindesunterschiebung und schwarze Adoption einen Riegel vorgeschoben bekommen und die Mutter motivieren, Klarheit in ihre Beziehungen zu bringen. Wir müssen uns fragen: Was wiegt mehr, der Schutz des Kindes oder der Schutz einer Mutter, die keine Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen möchte? Kuckuckskinder haben ihre Situation nicht herbeigeführt, und dennoch zwingt die Gesetzeslage den Scheinvater dazu, sein zumeist sehr geliebtes Kind vor Gericht zu verklagen, um seine gesetzliche Vaterschaft anzufechten. Bei einem negativen Vaterschaftstest müsste dieser ausreichen, um einen simplen Amtsgang daraus zu machen. Alles andere gehört mit einem Adoptionsverfahren geregelt.

Veröffentlicht:

Ludger Pütz
© Ludger Pütz
Ludger Pütz

Kuckucksvater, Vater und Blogger

Im Jahr 2011 erfuhr Ludger Pütz, dass er nicht der leibliche Vater seines sechsjährigen Sohnes ist. Er sagte seinem Kind die Wahrheit und focht die rechtliche Vaterschaft an. Zuvor suchte er bei Beratungseinrichtungen und im Netz nach Unterstützung. Doch er fand sie nicht. Um endlich Aufmerksamkeit und Empathie für die Belange aller Beteiligten zu schaffen, gründete er selbst einen Blog, über den er auch Kuckuckstreffen mit Kindern, Vätern und Müttern organisiert.

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