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Trend #15 – Digital Ethics: Welche Spielregeln braucht die Zukunft?

Blockchain, Künstliche Intelligenz und Roboter – Technik wird unsere Zukunft maßgeblich bestimmen. Einen Kodex für den ethischen Umgang mit KI halten 92 Prozent der XING Mitglieder für notwendig.

Dr. Isabella Hermann
  • Wir brauchen keine neue Ethik, wir müssen geltende Standards digitalisieren
  • Ethisches Design könnte das Markenzeichen europäischer KI werden
  • Wir sollten den Gesetzgebern Zeit lassen, ausgereifte Konzepte zu entwickeln

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Autonomieverlust, Datenbias, Machtmissbrauch: Wenn von digitaler Ethik die Rede ist, stehen häufig die negativen Seiten beim Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) im Mittelpunkt. Weil sich KI-Anwendungen schnell weiterentwickeln, sind ethische Leitlinien gerade ein zentrales Thema. Dabei ist ein Punkt besonders wichtig: Es geht nicht darum, eine neue Ethik für KI zu formulieren. Worum es geht, ist, sicherzustellen, dass unsere ethischen Standards – wie bei allen technischen Neuerungen bisher – auch im Kontext von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz gelten.

Dabei gibt es bereits politische Fortschritte, sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene. So hat die „European Group on Ethics in Science and New Technologies“ im März einen Rahmen für den ethischen Umgang mit KI herausgegeben. Die „High-Level Expert Group“ der EU-Kommission soll Ende des Jahres ebenfalls entsprechende Empfehlungen zu KI vorlegen. In Deutschland befassen sich die „Datenethikkommission“ der Bundesregierung und die Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche Potenziale“ des Deutschen Bundestages mit dem Thema. Viele Experten aus den genannten Gruppen und Kommissionen stehen dabei untereinander im Austausch, um sich abzusprechen.

Wie die Digitalisierung bestehender Ethikstandards aussehen kann, zeigt uns beispielsweise der erste ethische Grundsatz für KI der European Group on Ethics. Er besagt, dass autonome Systeme die Würde des Menschen nicht verletzen dürfen. Das ist nicht neu, sondern entspricht Artikel 1 des Grundgesetzes und der EU-Grundrechtecharta.

Auch Datensätze können diskriminierend verzerrt sein

Doch es ergeben sich neue Fragen, etwa wie Menschenwürde in einem digitalen Umfeld definiert wird. Setzt sie zum Beispiel voraus, dass uns mitgeteilt werden muss, wenn wir mit einem Computersystem oder einem Roboter statt mit einem Menschen kommunizieren? Für diesen Fall bräuchten wir tatsächlich ein neues Gesetz, welches Unternehmen und Institutionen dazu verpflichtet, die User, Kunden und Bürger darüber in Kenntnis zu setzen, wenn sie – wenn wir – mit einer Maschine sprechen.

Doch nicht immer sind neue Gesetze notwendig. Beim vierten Prinzip der European Group on Ethics geht es um Gleichbehandlung. Dazu existiert auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene bereits eine umfassende Gesetzgebung. Neue Regeln brauchen wir dazu nicht. Allerdings müssen wir uns Gedanken machen, wie wir auch in einer digitalen Zukunft sicherstellen, dass die alten Regeln eingehalten werden. Wie gelingt es uns, im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes diskriminierende Verzerrungen in Datensätzen zu verhindern, zu überprüfen und auszuschalten? Darauf brauchen wir spätestens dann eine Antwort, wenn eine Person gegen eine diskriminierende Behandlung durch ein automatisiertes System klagt.

Die Datenethikkommission spricht sich deshalb für einen „Ethics by, in and for Design“-Ansatz aus, also für die Einbeziehung ethischer Standards im gesamten Entwicklungs-, Test- und Anwendungsprozess von KI-Systemen. Ein solcher Ansatz könnte zum Markenzeichen für „KI, made in Europe“ werden. Aufgabe der Politik wäre es dann, auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene glaubwürdige Kontrollinstanzen zu schaffen.

Unternehmensleitlinien ersetzen keine Regulierung

Selbstverpflichtungen der Wirtschaft sind dabei wünschenswert, können aber nur ein Anfang sein. Egal ob es um die Herstellung von Produkten mit KI geht oder um deren Anwendung innerhalb und außerhalb des Unternehmens.

Die Deutsche Telekom hat sich beispielsweise selbst Leitlinien beim Einsatz von künstlicher Intelligenz verordnet. Darin verspricht das Unternehmen Transparenz, wenn ein Kunde mit einem KI-System spricht – was gesetzlich bisher nicht vorgeschrieben ist. Unternehmen können also durchaus Vorreiter sein, wenn es um Anwendungen von KI geht, die unseren freiheitlich-demokratischen Wertvorstellungen entsprechen.

Doch unternehmensinterne Leitlinien ersetzen keine Regulierung. Nur Gesetze sind im demokratischen System legitimiert und können vom Staat verbindlich durchgesetzt werden. Die Politik könnte schneller sein. Aber bisher brauchte es bei jeder großen Veränderung Zeit, bis das Recht die neuen Verhältnisse widergespiegelt hat. Das ist der Preis, den wir in einem demokratischen System, das unsere Werte vertritt, zu zahlen bereit sein sollten.


15 Jahre XING

Vor 15 Jahren gab es weder soziale Medien noch Smartphones, agiles Arbeiten war hierzulande unbekannt. Unvorstellbar, was in den kommenden 15 Jahre alles Neues entstehen und wie sich unsere Arbeitswelt entwickeln wird! In welchen Berufen werden wir künftig überhaupt arbeiten – und wie? Wie verändert die künstliche Intelligenz den Recruiting-Prozess? Wird die Arbeitswelt von morgen gerechter sein – oder tiefer gespalten?

Zusammen mit dem Zukunftsforscher und Gründer des Trendbüros, Professor Peter Wippermann, hat XING 15 Trends untersucht, die Arbeitnehmer und Unternehmen betreffen und die Gesellschaft verändern werden. Unsere Prognosen basieren auf der wissenschaftlichen Expertise des Trendbüros, einer repräsentativen Umfrage unter den XING Mitgliedern und E-Recruiting-Kunden sowie aus unserer Erfahrung als Vorreiter beim Thema New Work.

Die 15 Trends lassen wir seit dem 5. November täglich auf XING diskutieren – hier auf XING Klartext, von unseren XING Insidern und im XING Talk. Alle Beiträge finden Sie gesammelt auf einer News-Seite.

  • In der Woche ab dem 5. November drehte sich alles darum, was sich für den einzelnen Arbeitnehmer ändert.
  • Ab dem 12. November diskutierten wir eine Woche lang die Folgen des Wandels für Unternehmen.
  • Ab dem 19. November thematisieren wir, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird.

Bei Fragen, Feedback und Ideen erreichen Sie die Redaktion von XING News unter klartext@xing.com. Wir freuen uns auf spannende und hitzige Diskussionen!

Veröffentlicht:

Dr. Isabella Hermann
© Hermann
Dr. Isabella Hermann

wiss. Koordinatorin „Verantwortung: Maschinelles Lernen und KI“, BBAW

für Künstliche Intelligenz, Science-Fiction

Dr. Isabella Hermann forscht als Politikwissenschaftlerin zu den ethischen und sozialpolitischen Herausforderungen von KI-Anwendungen und autonomen Systemen. Sie arbeitet als wissenschaftliche Koordinatorin der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Verantwortung: Maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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