Darüber wurde in diesem Jahr gesprochen - in der Wirtschaft

Seit Monaten taumelt die Welt am Rande eines Handelskriegs, Deutschland ringt um die Verkehrswende und einzelne Vordenker machen mit neuen Arbeitszeitmodellen von sich reden.

Kürzer arbeiten? Eine Idee aus Bielefeld erobert die Welt

Lasse Rheingans
  • Nachdem ich lange Zeit in meinem Job frustriert war, wagte ich etwas Neues
  • Ich übernahm eine Agentur und führte den 5-Stunden-Tag ein – bei vollem Lohn
  • Das Modell funktioniert und hat zuletzt weltweit für Schlagzeilen gesorgt

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Im Sommer 2017 saß ich in meinem Garten und war es leid, dass ich meine Frau und meine zwei Kinder eigentlich nur am Wochenende richtig sah. Dass ich jeden Abend nach einem Zehn-Stunden-Tag gestresst und überarbeitet nach Hause kam. Dass ich jeden Morgen völlig übermüdet im Büro saß, weil ich unbedingt noch mit ein paar Freunden ausgehen wollte. Zu viele Angelegenheiten, Aufgaben, Verpflichtungen, die ich irgendwie versuchte unter einen viel zu kleinen Hut zu quetschen – für einen hohen Preis, den ich nicht mehr zahlen wollte.

Durch eine fokussierte Arbeitsweise konnte ich bis mittags meine Arbeit erledigen Ein erster Schritt zur Veränderung war, dass ich mir an zwei Nachmittagen in der Woche freinahm. Als einer von vier Gesellschaftern in einer Digitalagentur, in der ich damals noch arbeitete, musste ich das aber erst mal durchboxen und verzichtete auf einen Teil meines Gehalts. Ich merkte schnell, dass ich durch eine fokussierte und strukturierte Arbeitsweise alle Aufgaben bis mittags erledigen konnte – und dass die größte Produktivität auch an den anderen Tagen meist in den Vormittagsstunden steckte.

Ich wurde neugierig: In vielen Büchern fand ich weitere Ansätze und die Bestätigung, dass der althergebrachte Acht-Stunden-Tag bei dem sichtbaren Wandel in Privat- und Berufswelt nicht mehr zeitgemäß war: So las ich unter anderem „Rework“ von David Heinemeier Hansson und Jason Fried, „Die 4-Stunden Woche“ von Timothy Ferriss oder auch „The 5 Hour Workday“ von Stephan Aarstol, die mich allesamt darin bestärkten, dass meine persönliche Haltung so falsch nicht sein konnte.

Unter anderem um neue Schritte wagen und meiner Neugier nachgehen zu können, entschied ich mich, die Agentur zu verlassen und im Oktober 2017 eine andere, bestehende Agentur zu übernehmen. Und dort für alle Mitarbeiter den Fünf-Stunden-Tag einzuführen, ohne das Gehalt und den Urlaubsanspruch zu reduzieren. Die Philosophie dahinter? Ich bin überzeugt, dass nur ein zufriedener Geist in einem gesunden Körper die Höchstleistung, die wir in der heutigen Arbeitswelt benötigen, erbringen kann. Und ich wollte das Umfeld schaffen, das für die kreativen, komplexen, anstrengenden Jobs von heute die bestmöglichen Leistungen ermöglicht.

Mit meinen Mitarbeitern testete ich den Fünf-Stunden-Arbeitstag

Neues Team, neue Ziele UND neues Arbeitszeitmodell. Schon nach einem halben Monat fragte ich die mir damals noch weitgehend unbekannten Mitarbeiter, ob sie Lust auf dieses Experiment hätten: einen Fünf-Stunden-Arbeitstag bei gleichem Lohn- und Gehaltsanspruch. Ich war, und bin es immer noch, davon überzeugt, dass jeder Mensch einen guten Job machen möchte. Da muss nichts von außen gedrückt und geschoben werden – an manchen Stellen ist es einfach der Job, der nicht passt, oder die Führungskraft, die die Motivation im Keim erstickt.

Gemeinsam sprangen wir ab November 2017 ins kalte Wasser und diskutierten über Prozesse mit Optimierungspotenzial, Zeitfresser und Störfaktoren. Wir hielten Teamworkshops mit externer Supervision ab, um uns und unsere Arbeitsweisen besser kennenzulernen.

Was danach passierte, hat mich mehr als überrascht: Die Lokalpresse berichtete im Dezember 2017 über unser Konzept, und noch am gleichen Tag tickerte die DPA dazu. Die „Bild“ wurde vorstellig und das bundesweite Fernsehen. Es folgten Presseanfragen über Presseanfragen. Unser Modell und meine neue Agentur gingen 2018 und dann auch 2019 medial durch die Decke! Offensichtlich sprach und spricht meine Idee viele Menschen an: nicht verwunderlich bei der aktuellen Überlastung in der Arbeitswelt (sichtbar in den Statistiken zu Burn-out) und dem akuten Fachkräftemangel. Nach der Presse folgten Auszeichnungen – für die Chancengleichheit, die unser Modell bisher in Teilzeit angestellten Frauen bietet. Im März 2019 erhielten wir den ersten Preis beim XING New Work Award, der in der Hamburger Elbphilharmonie überreicht wurde.

Auch international traten wir einiges los: Auf unserer Webseite haben wir einen Pressespiegel, in dem von kleineren lokalen Zeitungen über die „Zeit“ bis hin zum „Wall Street Journal“ oder die „New York Times“ die Veröffentlichungen gesammelt sind. Über diese Zeit – von der Idee, über die Einführung, die Resonanz und die Learnings im Team – habe ich auch bereits ein Buch geschrieben, das in diesem Sommer erschienen ist: „Die 5 Stunden Revolution“.

Wo stehen wir heute, zwei Jahre nach Einführung?

Einige der größten Learnings, die uns bis heute begleiten: Es geht nicht mehr um Zeit, die jemand auf der Arbeit verbringt. Die Gleichung Arbeitszeit = Arbeitsleistung gilt schon lange nicht mehr. Es geht um Lösungen, Kreativität, Gestaltungsmöglichkeiten und nicht mehr um repetitives Wegschaffen von immer wiederkehrenden Tätigkeiten. Für Unternehmen bedeutet das: Schafft das Arbeitsumfeld, in dem eure Mitarbeiter die bestmögliche Leistung bringen können. Evaluiert, gemeinsam mit dem Team, und zwar kontinuierlich! Denn Ideen, die heute gut klingen, können morgen schon wieder überholt sein.

Die Vuca-Welt erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen: In der global vernetzten und komplexen Gegenwart, in der es meistens mehr als eine richtige Sichtweise gibt, müssen alte Strukturen aufgebrochen und Führung und Miteinander neu gedacht werden. Der allwissende Patriarch (wenn es ihn denn je gegeben hat) hat ausgedient. Wir brauchen die Kompetenz und das Wissen von allen Mitarbeitern und müssen dementsprechend Kompetenzen in den Mittelpunkt stellen, mehr als Hierarchie oder Status.

Lebenslanges Lernen ist schon lange ein Buzzword. Aber nie war es wichtiger als heute. Jeder – ja, JEDER – Job ist massiv beeinflusst von der technologischen Entwicklung. Kein Job bleibt so, wie er war. Das hebt die Wichtigkeit stetiger Weiterentwicklung und Weiterbildung hervor. Wer stehen bleibt, verliert. Und dabei geht es nicht um die reine Lehre von Arbeitsabläufen, sondern viel mehr um die persönliche Weiterentwicklung! Wir benötigen kompetente Menschen an den richtigen Stellen im Unternehmen.

Für Unternehmen bedeutet das: Steckt mehr Energie und Geld in die Weiterbildung eurer Mitarbeiter! Wir haben aus unseren Erfahrungen und den Beratungen, die wir für unzählige Menschen leisten, das „Rheingans Prinzip“ abgeleitet: Die wichtigste Ressource, und daher auch der innerste Kreis, ist der Einzelne – das Individuum. Unternehmen sollten absoluten Fokus auf die Entwicklung, das Coaching und die Begleitung ihrer Mitarbeiter legen. Auch ihrer Führungskräfte!

Der Fünf-Stunden-Tag ist ein Symptom des gewaltigen Umbruchs, in dem die Welt sich befindet. Viele Unternehmen verharren aufgrund von „Gedankengefängnissen“ in alten Prozessen. Wir sehen das täglich in der Beratung und im Geschäft mit unseren Kunden: digitale Prozesse, die nicht einheitlich von vorn bis hinten durchdacht sind und Arbeitsabläufe behindern; Daten, die nicht sinnvoll abgelegt und miteinander verknüpft werden; Tools, die nicht vorhanden sind, oder auch Technologie oder Maschinen, die schon lange nicht mehr dem Stand der Technik entsprechen.

Gleichzeitig ein Arbeitsumfeld, in dem Dinge gemacht werden, wie und weil sie schon immer so gemacht wurden. Dafür ist heute kein Platz mehr! Schmeißt Faxe aus dem Fenster, weg mit 1000 Excel-Dateien, die sich per E-Mail hin- und hergeschickt werden. Weg mit Zetteln, auf denen Besuchsprotokolle vermerkt werden. Weg mit Hauspost. Hin zu Prozessen, die für alle Beteiligten Sinn ergeben.

Ich wünsche uns viel Erfolg: dass wir alle flexibel genug sind, dem Wandel aufrecht und optimistisch entgegenzusehen!


Debattieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser! Was halten Sie von diesem Arbeitszeitmodell? Wir freuen uns auf lebhafte Diskussionen!

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Lasse Rheingans
© Lasse Rheingans
Lasse Rheingans

Geschäftsführer, Rheingans Digital Enabler

for Kulturwandel, New Work, Digitalisierung, Wirtschaft & Management

Lasse Rheingans (Jg. 1980) ist seit 20 Jahren in der Digitalbranche tätig und war für verschiedene Agenturen im Einsatz. Seit 2017 führt er seine eigene Agentur. Lasse Rheingans arbeitet als CEO, Berater, Speaker und Autor. 2019 hat er für sein innovatives Konzept und die Einführung des Fünf-Stunden-Tages den XING New Work Award gewonnen.

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