Wie retten wir Menschen und Wirtschaft vor der Coronarezession?

Der deutsche Bundestag beschließt Soforthilfen, Sonderkredite und Unternehmensbeteiligungen, die USA legen ein zwei Billionen Dollar schweres Hilfspaket auf. Was hilft gegen den drohenden Abschwung?

Lasst uns jetzt das Grundeinkommen testen

Tonia Merz
  • Die aktuellen Anticoronamaßnahmen treffen uns alle sehr unterschiedlich
  • Um das auszugleichen, schlage ich ein vorübergehendes Grundeinkommen vor
  • Meine Petition hat inzwischen mehrere Hunderttausend Unterstützer

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Vor noch nicht einmal zwei Wochen war es eine fixe Idee, während ich die Pressekonferenz von Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier im Fernsehen sah. Inzwischen ist es eine Petition mit rund 400.000 Unterzeichnern. Und ich bin das Gesicht zu einer Forderung, die ich nun noch überzeugter vertrete: Lasst uns das viele Geld, das jetzt zur Rettung vor der Coronarezession in die Wirtschaft gepumpt werden soll, für die Menschen nutzen. Lasst uns, zeitlich begrenzt auf ein halbes Jahr, das bedingungslose Grundeinkommen einführen. Testweise, unbürokratisch und als riesiges Konjunkturprogramm.

Wir verhindern so nicht nur den Absturz von Millionen betroffenen Künstlern, Kleinunternehmern und Selbstständigen in die Sozialhilfe. Wir sorgen auch dafür, dass weiter Geld ausgegeben wird und die Wirtschaft nicht in Sparreflexe verfällt, die eine Rezession nach unserer erzwungenen Auszeit noch verstärken würden.

Was uns nach der Krise bliebe, wären neue Schulden

Ich selbst bin ebenfalls Kleinunternehmerin. Ich bin seit 19 Jahren selbstständige Modedesignerin, inzwischen habe ich fünf Angestellte. Nennenswerten Umsatz mache ich seit Wochen nicht mehr. Trotzdem muss ich Miete und Gehälter weiterzahlen. Ähnlich wie mir geht es Millionen anderen Kleinunternehmern, Freiberuflern und Soloselbstständigen.

Inzwischen gibt es zahlreiche Hilfsprogramme, die die Bundesregierung angekündigt hat. Dabei ist auch immer wieder von kleinen Unternehmen und Selbstständigen die Rede. Das ist gut, man hat uns auf dem Schirm. Doch es bleiben einige große Probleme: Für viele von uns ist es sehr kompliziert, an die staatliche Unterstützung zu gelangen. Und wenn, dann sind es meistens Kredite. Was uns nach der Krise bliebe, wären also neue Schulden.

Wir brauchen eine schnelle und unbürokratische Lösung

Ich selbst habe zehn Jahre lang meinen Existenzgründerkredit zurückgezahlt und war froh, als der endlich weg war. Sollen wir Kleinunternehmer nach der Krise nun weitere Jahre am Existenzminimum leben, weil wir neue Schulden bedienen müssen? Oder, falls wir welche haben, unsere Altersvorsorge riskieren, damit wir weiterarbeiten dürfen?

Es ist also klar: Wir brauchen eine schnelle und unbürokratische Lösung. Nicht nur für uns Selbstständige, sondern auch für viele Angestellte, die jetzt in Kurzarbeit müssen oder deren Job sogar auf der Kippe steht. Kurz: Ein Grundeinkommen von 800 bis 1200 Euro im Monat für jede Bürgerin und jeden Bürger, begrenzt auf sechs Monate.

Die aktuellen Maßnahmen treffen uns alle sehr unterschiedlich

Diese Lösung würde nicht nur denjenigen nutzen, die sonst auf Hilfsprogramme angewiesen wären. Sie sorgt auch dafür, dass die Kaufkraft in der Bevölkerung steigt. Vieles von dem Geld würde also sofort wieder in die Wirtschaft und damit indirekt auch an den Staat fließen. Damit würde die befürchtete Konjunkturdelle gedämpft.

Die aktuellen Maßnahmen gegen das Coronavirus treffen uns alle extrem unterschiedlich. Das Grundeinkommen würde diese Ungerechtigkeit zumindest ein wenig nivellieren und wäre ein starkes Zeichen für Solidarität. Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen auch langfristig die richtige Lösung für Deutschland wäre, weiß ich nicht. Aber wann, wenn nicht jetzt, ist die perfekte Gelegenheit für einen zeitlich begrenzten Versuch? Das Geld wäre da. Der Staat könnte ein starkes Zeichen setzen, dass er bereit ist, nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Menschen zu unterstützten. Und gleichzeitig Millionen Betroffenen zwar nicht die Angst vor dem Virus, aber die Angst um ihre Existenz nehmen.

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Tonia Merz
© Tonia Merz
Tonia Merz

Inhaberin, TO.mTO Korsettmanufaktur

Tonia Merz (Jg. 1974) ist selbstständige Modedesignerin und Gründerin des Korsettlabels TO.mTO Berlin. Nach einer Ausbildung als Modedesignassistentin in Heidelberg absolvierte sie erfolgreich ein Studium als Modedesignerin in Berlin und gründete 2002 ihr eigenes Label. Am 13. März 2020 startete Sie die Petition „Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen durch die Coronakrise“.

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