Wie retten wir Menschen und Wirtschaft vor der Coronarezession?

Der deutsche Bundestag beschließt Soforthilfen, Sonderkredite und Unternehmensbeteiligungen, die USA legen ein zwei Billionen Dollar schweres Hilfspaket auf. Was hilft gegen den drohenden Abschwung?

Legt die Wirtschaft in ein künstliches Koma

Dr. Daniel Stelter
  • Die Rettungspakete sind zu bürokratisch und verhindern keine Rezession
  • Stattdessen sollten wir die Wirtschaft für die Dauer der Krise einfrieren
  • Zu 100 Prozent wird das nicht gelingen, aber wir können uns annähern

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Das Coronavirus und unsere Reaktion darauf sorgen für einen sich selbst verstärkenden Abschwung in unserem Wirtschaftsleben. Konsumenten verschieben Anschaffungen oder lassen sie gleich ganz ausfallen, Unternehmen bauen Kosten um jeden Preis ab, weil sie nicht wissen, wie lange die Krise dauern wird. Die angebotene Hilfe des Staates wirkt nur begrenzt, weil sie oft nur in Form von Krediten fließt. Wenn ich als Unternehmer künftig mehr Schulden tilgen oder den Staat als Miteigentümer loswerden muss, setze ich alles daran, dies zu verhindern.

Dabei gäbe es eine Lösung, die zwar auf den ersten Blick radikal wirken mag, auf den zweiten aber deutlich eleganter ist als Notkredite, Staatsbeteiligungen oder ein Grundeinkommen. Diese Lösung lautet: Versetzen wir unsere Wirtschaft für die Zeit, in der diese Krise andauert, in ein künstliches Koma.

Den Begriff kennen wir bisher nur aus der Medizin: „Ein künstliches Koma ist eine lange Vollnarkose, die über Tage – in seltenen Fällen über Wochen – eingesetzt wird. Mithilfe von Narkose- und Schmerzmitteln wird der Patient kontrolliert in einen Zustand versetzt, in dem Bewusstsein und Schmerz ausgeschaltet sind.“

Wir tun so, als würde das nächste Quartal ökonomisch nicht stattfinden

Bezogen auf die Wirtschaft würde das bedeuten, dass wir für eine bestimmte Zeit alles einstellen. Keine Lohnzahlungen, keine Mieten, keine Zinsen. Wir tun einfach so, als würde ein Quartal ökonomisch nicht stattfinden. Es gäbe keine Umsätze, aber es gäbe auch keine Verpflichtungen. Mieten, Löhne, Zinsen, Kredittilgungen – alles würde einfach so lange ausfallen, wie das Koma dauert. Wenn es dann vorüber ist, fangen wir einfach dort an, wo wir aufgehört haben, und tun so, als hätte es die Zeit dazwischen nicht gegeben.

Das geht leider nur in der Theorie. In der Praxis haben wir ja keinen kompletten Shutdown der Wirtschaft, und wir haben echte Ausgaben – wie Nahrungsmittel – und viele Menschen haben unabhängig von der Wirtschaftslage ein Einkommen, zum Beispiel weil sie Rente beziehen. Deshalb müssen wir uns mit den Maßnahmen in der Praxis so nahe wie möglich dem Zustand des künstlichen Komas annähern.

Dies bedeutet: Für die Menschen, die aufgrund des Virus weniger oder keine Einnahmen haben, muss es einen Ausgleich geben, der wirtschaftlich dem Gedanken des künstlichen Komas am nächsten kommt. Damit sie nach der Komaphase keine Schmerzen plagen. Also auch keine Verpflichtungen, die vorher nicht bestanden haben. Ich wiederhole es noch mal: Es muss so sein, als hätte es diese Zeit nicht gegeben.

Wir müssen alle Umsatzausfälle ausgleichen

Darlehen oder Staatsbeteiligungen würden diese Bedingungen nicht erfüllen. Wenn die Betroffenen nämlich aus dem Koma erwachen, sehen sie sich mit finanziellen Lasten konfrontiert, die sie vorher nicht hatten.

Wir müssen also als Gesellschaft den Umsatzausfall ersetzen. Diesen kennen wir natürlich nicht, aber wir kennen die Steuerzahler Deutschlands. Getrost dürfen wir davon ausgehen, dass nur Steuerzahler von dem Einbruch der Wirtschaft betroffen sein werden.

Dabei haben wir verschiedene Gruppen von Steuerzahlern auf Einkommen

Bei Arbeitnehmern wird die Lohn- und Einkommensteuer direkt an der Quelle abgezogen. Tritt Arbeitslosigkeit ein, wird Einkommen durch Sozialleistungen aufgefangen. Weitere unternehmerische Verpflichtungen sollten hier nicht bestehen, nur eventuelle private finanzielle Verpflichtungen aus Krediten. Hier wäre es denkbar, dass wir pauschal die Arbeitslosengelder und die Kurzarbeiterzahlungen deutlich erhöhen. Diese sollten ab Tag eins bezahlt werden.

Bei Selbstständigen und Unternehmen, die Einkommensteuer bezahlen, sind die Einkünfte der vergangenen Jahre bekannt. Hier sollte das Finanzamt in jedem Monat, den die Komaphase andauert, einen Betrag in Höhe von einem Zwölftel des Umsatzes des letzten verfügbaren Jahres auf das Konto des Unternehmens überweisen.

Bei Unternehmen, die Körperschaftsteuer bezahlen, wird genauso vorgegangen wie bei den Selbstständigen. Auch sie bekommen den Umsatz gutgeschrieben.

Entscheidend ist, dass dies ohne Antrag und ohne Bedürftigkeitsprüfung erfolgt. Alle werden so gestellt, als wäre nichts passiert.

Überschüssige Förderung wird im kommenden Jahr zurückgezahlt

Im Jahr darauf müssen dann alle Bürger, die entsprechende Zahlungen vom Staat erhielten, eine Einkommensteuererklärung abgeben. Dabei werden die Zahlungen vom Staat als Einkommen bewertet. Je nachdem, wie der tatsächliche Geschäftsverlauf war, ergeben sich dann folgende Zahlungsverpflichtungen der Empfänger:

Liegt der erzielte Umsatz inklusive der erhaltenen Umsatzausfallzahlungen des Staates auf Höhe des Umsatzes im Jahr 2019, behält der Empfänger die Zahlung und versteuert den sich ergebenden Gewinn.

Liegt der erzielte Umsatz inklusive der erhaltenen Umsatzausfallzahlungen über dem Niveau von 2019, ist der Teil der Ausfallzahlungen zu erstatten, der nicht erforderlich war, um das Umsatzniveau von 2019 zu halten. Gewinn wird wie immer versteuert.

Unternehmer können die Erstattung der Umsatzausfallzahlung umgehend leisten, wenn sie nicht auf die Zahlungen angewiesen sind. Spätestens bei Abgabe der Steuererklärung für das Jahr 2020 wären die unnötig zugeflossenen Gelder zurückzuzahlen. Dabei gilt: Der Umsatz des Vorjahres wird garantiert.

Im Einzelfall vielleicht nicht gerecht, in der Summe aber schon

Der Vorteil einer solchen Vorgehensweise liegt auf der Hand: Sie wirkt wirtschaftlich wie das Koma, ist einfach umzusetzen und kann im Nachhinein, wenn die Krise überwunden ist, korrigiert werden. Denn wer die Zahlung des Staates nicht benötigte, muss diese nach Abgabe der Einkommensteuererklärung erstatten.

Wäre das gerecht? Im Einzelfall vielleicht nicht, in Summe schon. Natürlich mag es Unternehmen geben, die auch ohne das Coronavirus einen Umsatzrückgang erlebt hätten. Es wird auch Fälle geben, in denen das Geld verloren ist, weil die Empfänger die Zahlungen falsch verwenden. Das dürfte aber relativ zum Gesamtvolumen vernachlässigbar sein.

Die kurzfristige Finanzierung ist im heutigen Nullzinsumfeld gar kein Problem. Wir reden vom theoretischen Maximalbetrag von 25 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) des Jahres. Dieser wird bei Weitem nicht erreicht werden – und selbst wenn, stiege die Verschuldung des deutschen Staates auf die Größenordnung von 85 Prozent des BIP – weit unter dem Niveau, das die meisten anderen EU-Staaten schon vor dem Coronaschock hatten.

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Dr. Daniel Stelter
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Dr. Daniel Stelter

Ökonom, Strategy Consultant und Autor

for Strategy Corporate Finance, Finanzkrisen

Dr. Daniel Stelter (Jg. 1964) berät seit 1990 internationale Unternehmen, bis 2011 unter anderem als Senior-Partner bei The Boston Consultung Group (BCG), zu strategischen Fragen, seit 2007 speziell zum Umgang mit den Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Er ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums Beyond the Obvious. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zählt ihn zu den 100 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands.

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