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Müssen NGOs selbstkritischer und transparenter werden?

Oxfam, Ärzte ohne Grenzen, Weißer Ring – zuletzt häuften sich die Vorwürfe von Machtmissbrauch in Nichtregierungsorganisationen. Welche Schlüsse sollten wir aus den Vorfällen ziehen?

Machtmissbrauch in NGOs ist schwer verdaulich

Dr. Wolfgang Jamann

Geschäftsführer, International Civil Society Centre

Dr. Wolfgang Jamann
  • Die Erwartungen an moralische Instanzen wie Hilfsorganisationen sind hoch
  • Hinzu kommt, dass sie sich durch ihre Arbeit auch Feinde gemacht haben
  • Umso wichtiger ist eine offene und gründliche Aufarbeitung von Skandalen

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Oxfam, Save the Children, Weißer Ring – sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch finden auch in karitativen Organisationen statt. Ist das überraschend? Der gesunde Menschenverstand sagt: Nein, natürlich spiegeln sich auch hier gesellschaftliche Missstände wider. Moralisch ist diese Erkenntnis aber schwerer zu verdauen als etwa die Verwerfungen in Hollywoods Glitzerwelt oder in der bundesdeutschen Medien- und Filmlandschaft.

Die Erwartungen an moralische Instanzen wie NGOs (Nichtregierungsorganisationen), die sich für die Schwachen dieser Welt einsetzen, sind naturgemäß hoch. Ähnlich wie bei Medizinern gilt auch hier das Gebot, niemandem Schaden zuzufügen, selber hohe ethische Standards einzuhalten und vorzuleben und ein Stück entrückt von weltlicher Profanität zu agieren. Geld, Macht, Ausbeutung haben hier eigentlich gar nichts zu suchen.

Deutlich wurde das vor einigen Jahren beim sogenannten Skandal um Unicef Deutschland. Die Enttäuschung Tausender ehrenamtlicher Unterstützer über hohe Beraterhonorare führte zu Streit und Rücktritten auf Geschäftsführer- und Vorstandsebene, zum Verlust von Spendern und zu einem großen Imageverlust im gesamten Sektor der deutschen Entwicklungshilfeorganisationen. Sie führte aber im Nachgang auch zu einer Verbesserung von Governance-Standards bei karitativen Einrichtungen und klareren Verantwortlichkeiten von Entscheidungsträgern.

Aufarbeitung ist dringend nötig, aber bitte keine Jagd auf alle NGOs

Ähnliches ist derzeit zu beobachten. Das Fehlverhalten von Mitarbeitern in Haiti, London und Lübeck und das miserable Management der Aufsichtsorgane bringt eine ganze Branche ins Fahrwasser der #MeToo- und Missbrauchsdiskussion. Dabei ist natürlich keiner der Fälle zu verharmlosen, und ernsthafte Aufarbeitung und die Verbesserung von Schutzmaßnahmen sind dringend geboten.

Im Falle der Entwicklungshilfeorganisationen haben sich einige Verbände, insbesondere Bond im Vereinten Königreich und Interaction in den USA, an die Verbesserung von gemeinsamen Standards, Berichtspflichten und Transparenz gemacht. Auch die in Berlin ansässige globale Organisation für Rechenhaftigkeit Accountable Now! verstärkt die Standards für ethisches Handeln inklusive Schutz von Frauen und Kindern vor Übergriffen.

Aber das wird nicht genügen. Denn Fakten scheinen nicht ausreichend zu sein, um die überbordende Kritik an den Hilfsorganisationen, vor allem in Großbritannien, einzudämmen. Durch Massenmedien wurde dort regelrecht zur Jagd geblasen, mit tagelangen Titelgeschichten, konfrontativen Interviews und der investigativen Suche nach dem nächsten „Fall“.

Die besonderen moralischen Ansprüche an NGOs können die Intensität der Kritik nur zum Teil erklären. Gerade Oxfam hat über Jahre hörbar Unrecht und Ungleichheit angeprangert, sich viele Feinde im Establishment gemacht und wurde so sicher auch sehr angreifbar für eine Gegenreaktion. In den heutigen Zeiten gesellschaftlicher Spaltung reichen oft wenige Anlässe, um massive politische Kampagnen hervorzurufen.

Hilfsorganisationen sind inzwischen auch politische Akteure

So sind Hilfsorganisationen über die vergangenen Jahre eben nicht mehr nur karitative, sondern zunehmend auch politische Akteure geworden und haben dazu beigetragen, dass weltweite Missstände benannt und bekämpft werden. Die Lebenssituation von Millionen Menschen hat sich dadurch spürbar und nachweislich verbessert, und trotz Korruption, Kriegen und Flüchtlingskrisen ist die Arbeit von NGOs einer der Grundpfeiler für stetigen, wenn auch oft zu langsamen Fortschritt im Kampf gegen Armut und Benachteiligung.

Um weiter wirksam arbeiten zu können, müssen diese Organisationen aber die derzeitige Situation als Chance wahrnehmen, sich auf ihre Mission und die moralischen Grundlagen ihrer Arbeit zu besinnen, und das gepaart mit einer weiteren Professionalisierung von Schutzmaßnahmen für die Sicherheit von Mitarbeiterinnen und Anbefohlenen.

Machtmissbrauch ist inakzeptabel, egal ob in karitativen oder staatlichen Organisationen oder anderswo in Wirtschaft und Gesellschaft. Wenn dieser jedoch geschieht, so muss man Verbesserungen anstreben und sich nicht nur auf die Jagd nach Verantwortlichen und Schuldigen beschränken.

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Dr. Wolfgang Jamann
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Dr. Wolfgang Jamann

Geschäftsführer, International Civil Society Centre

Dr. Wolfgang Jamann (Jg. 1960) ist Geschäftsführer des International Civil Society Centre, ein Thinktank für Hilfsorganisationen. Der promovierte Entwicklungssoziologe hat den Großteil seines Berufslebens in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe gearbeitet. Zuletzt war er von 2009 bis 2015 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Welthungerhilfe und anschließend bis Januar 2018 Generalsekretär von Care International in Genf.

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