Problems logging in

Standort Europa: Wie können wir mit den USA und China Schritt halten?

Bei vielen digitalen Schlüsseltechnologien hängen die USA und China uns immer weiter ab. Ist das Rennen bereits verloren? Wie kann Europa zukunftsfähig bleiben?

„Made in Germany“ muss enkelfähig werden!

Stephan Grabmeier
  • Deutschland fehlt der „Moonshot“, der die Welt enkelfähig macht
  • UnternehmerInnen dürfen sich nicht hinter mutlosen Politikern verstecken
  • Wachstum muss an Qualität und Impact für den Planeten gekoppelt werden

3,224 responses

Das Ansehen von „Made in Germany“ in der Welt ist drastisch gesunken. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die die New Yorker Marketingagentur Edelman mit ihrem „Trust Barometer“ Mitte Oktober 2019 veröffentlicht hat. Dafür hatten die Werber in acht Ländern nach dem wichtigsten Wert der Wirtschaft gefragt: Vertrauen. Das niederschmetternde Resultat: Nur 44 Prozent der Befragten sehen deutsche Unternehmen positiv, ein Rückgang um 15 Prozentpunkte innerhalb eines Jahres.

Eine weitere Erkenntnis der Edelman-Umfrage: Deutschland braucht CEOs, die führen und gesehen werden, denn die deutschen Chefs sind zu meinungsschwach und haben leider oft keine Geschichte zu erzählen. Die aber braucht es heutzutage, um auch in Zukunft wieder aus dem Mittelmaß aufsteigen zu können.

Was fehlt der deutschen Wirtschaft?

Ein mutiger großer Wurf. Ein „Moonshot“, wie ihn der amerikanische Präsident John F. Kennedy 1961 formulierte, als er ankündigte: „We choose to go to the moon – in this decade“ (Wir haben uns entschieden, zum Mond zu fliegen – in diesem Jahrzehnt). Er formulierte ein Ziel, das wir im Businessjargon heute „Purpose“ nennen. Am 21. Juli 1969 betrat Neil Armstrong tatsächlich den Mond. Nur knapp acht Jahre nach Formulierung dieses scheinbar unerreichbaren Ziels.

Es ist nicht nur das aktuelle „Trust Barometer“, das anzeigt, dass Deutschland in eine Schieflage gerät oder bereits geraten ist. Auch die Insolvenzen von Traditionsmarken wie Kettler und Loewe oder die Schockzahlen beim Autozuliefergiganten Continental signalisieren, dass wir dringend eine Wende brauchen.

Doch wie soll die Wende aussehen?

Die Digitalisierung haben wir zugunsten der USA verschlafen, das steht fest. Auch wenn wir mehr digitale „Hidden Champions“ im B2B-Bereich haben als viele denken, wie Hermann Simon im aktuellen „Harvard Business Manager“ treffend analysiert, haben wir im Digitalen den Kampf um die Verbraucher verloren. Wäre es nicht sympathisch und gleichzeitig zielführend, die nachhaltige Energie, die sich derzeit auf unseren Straßen bei „Fridays for Future“ entlädt, mit der Innovationskraft deutscher Unternehmen zu kombinieren?

Lasst uns die Maxime „Höher, schneller, weiter“, die die Wirtschaft zum innovativen Antrieb braucht, für Geschäftsideen nutzen, die das Gemeinwohl im Blick haben und nicht die Interessen einzelner CEO-Egoshooter der Marke Middelhoff, Ackermann oder Baumann.

Denn eine ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Wirtschaft schafft Technologien und Produkte, die unsere Erde nicht mehr lebenswert machen. Die Erde existiert seit rund 4,6 Milliarden Jahren. Einen kurzen Zeitraum davon mit, oder wenn wir so weitermachen, auch wieder ohne uns. Ob wir auf der Erde noch leben werden (können), haben wir selbst in der Hand. Die Verantwortung für den Klimawandel können wir nicht delegieren.

Sollten wir ernsthaft Verantwortung für die Enkelfähigkeit unseres Planeten übernehmen wollen, braucht es viel mehr, als in den vergangenen 50 Jahren geschehen ist. Denn wir wissen seit den Warnungen des „Club of Rome“ in den frühen 70er-Jahren, was zu tun ist.

Lasst uns deshalb jetzt die Verantwortung und Herausforderung annehmen.

Was können Politik und Wirtschaft tun?

Lasst uns nicht auf die Handlungsfähigkeit der Politik warten, die beschränkt ist, insbesondere solange es die GroKo gibt. Das Klimapaket ist das Werk von politischen Machtstrategen, denen nicht unsere Gesellschaft und die Enkelfähigkeit, sondern vor allem der Fortbestand der bisherigen Machtarithmetik wichtig ist.

Doch, liebe UnternehmerInnen, sich hinter der GroKo zu verstecken, wäre genauso enttäuschend. Wenn Politik schon so mutlos ist, brauchen wir umso mehr die Energie der Unternehmer. „Made in Germany“ könnte den Beweis antreten, dass sich Ökonomie und Ökologie nicht ausschließen. Nachhaltig Geld verdienen: Das muss der nächste Businessplan sein.

Wir waren in puncto Innovationen in Umwelttechnologien schon einmal auf einem guten Weg. Wir haben uns zu lange darauf ausgeruht. Und wir haben in den vergangenen 250 Jahren in einem Wirtschaftssystem gelebt, das zwei relevante Grundphilosophien hat: Wettbewerb und Konkurrenz. Also win-lose. Die Kooperation hingegen ist ein Win-win-Verhältnis.

Lasst uns neu definieren, in welcher Gesellschaft wir leben wollen: win-lose oder win-win?

Wie muss Wachstum neu definiert werden?

„Made in Germany“ muss enkelfähig werden. Wir haben so viele Visionäre mit großartiger Expertise in den meisten Industrien, Universitäten, Forschungsinstituten und Fachdisziplinen. Lasst uns all das, was uns wichtig ist, für die Zukunft fit machen. Damit das gelingt, müssen wir unsere gesellschaftliche und ökonomische Sozialisierung auf den Prüfstand stellen. Denn immer mehr vom Gleichen und zu glauben, „das wird schon wieder“, „wir waren doch Weltspitze“ – das funktioniert nicht mehr.

Lasst uns Wachstum neu definieren, indem wir es nicht an Kapital- und Gewinnmaximierung, sondern an Qualität und Impact für den Planeten koppeln. Der Nutzen für die Allgemeinheit muss das neue „Made in Germany“ bestimmen. Ist es nicht ein lohnenswertes Ziel, wenn wir beim nächsten „Trust Barometer“ nicht mehr mit Dieselskandal, mutloser GroKo und meinungslosen CEOs verbunden werden, sondern mit der Feststellung: Deutschland hat die Welt enkelfähig gemacht?! Das wäre doch ein echter Moonshot!

Posted:

Stephan Grabmeier
© grabmeier
Stephan Grabmeier

Autor, Berater und Purpose Contributor

for New Work, Innovation, Social Business, Sustainability

Stephan Grabmeier zählt zu den Vordenkern für Innovation, New Work und Sustainable Transformation. Als Purpose Contributor berät er die deutsche Wirtschaftselite, darunter viele Vorstände und das Management namhafter Unternehmen. Er ist Partner von Hans Reitz und Muhammad Yunus (Friedensnobelpreisträger 2006) im Grameen Creative Lab und Autor des Future Business Kompass.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more