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Gleichberechtigung im Job und Alltag: Warum halten sich Rollenbilder?

Frauen und Männer sind nach wie vor nicht gleichberechtigt – weder im Arbeitsleben, noch in der Gesellschaft oder vor dem Gesetz. Wie fühlt es sich an, als Frau nicht ernst genommen zu werden?

Männer definieren Leistung, Frauen sind die Leidtragenden

Robert Franken
  • Nur wer Leistung erbringt, macht auch Karriere, heißt es noch oft
  • Dieses Prinzip fördert allerdings vor allem die Karrieren der Männer
  • Würden Frauen ebenso beachtet, wäre der Fachkräftemangel passé

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Der Leistungsgedanke sitzt tief in unserer Gesellschaft. Über viele Jahrhunderte hinweg hat sich die Vorstellung entwickelt, nach der diejenigen Menschen den wertvollsten Beitrag zum Gemeinwohl liefern, die die größten Leistungen vollbringen. Parallel dazu hat sich ein Wirtschaftssystem etabliert, das das Primat der Leistung fast als religiösen Wert verinnerlicht hat. Doch das uneingeschränkte Ja zum Leistungsprinzip bekommt langsam Gegenwind.

Denn das Prinzip einer Leistungsgesellschaft verursacht zunehmend Probleme. Zum einen wird Leistung am Arbeitsplatz fast ausschließlich quantitativ bewertet, etwa in der Einheit Wochenstunden. Das führt dazu, dass nicht etwa ergebnisorientiertes Arbeiten honoriert wird, sondern der Aufwand, der zur Zielerreichung oder wenigstens zur Zielannäherung führt. Ein Manager, der 60 bis 80 Stunden pro Woche arbeitet, wird als engagiert und fleißig wahrgenommen, während jemand, der seine Aufgaben schnell und gut erledigt, eher wenig beachtet wird. Effizienz oder Kreativität finden als Qualifikation selten Anerkennung.

Das männliche Paradigma schränkt Frauen ein

Viel schwerer wiegt, dass beim Prinzip Leistung diejenigen bevorzugt werden, für die das zugrunde liegende System die besten Rahmenbedingungen bereithält. Und in der Regel sind das die Männer. Unsere Arbeitswelt ist seit jeher auf das Vorankommen von Männern ausgerichtet, trotz der politischen Initiativen in jüngster Zeit. Mit dem Wissen um diese systemimmanente Ungleichbehandlung mutet ein häufig geäußerter Satz wie „Wir brauchen keine Quote, bei uns wird nur nach Leistung beurteilt“ geradezu zynisch an. Denn eine solche Haltung blendet aus, dass das männliche Paradigma Frauen in ihrer vollen Potenzialentfaltung maximal einschränkt.

Statt jedoch an diesen meritokratischen Systemen zu arbeiten und diese in Richtung größerer Chancengleichheit zu verändern, wird weiterhin vorausgesetzt, im System zu arbeiten. Wir machen im Zuge dessen mit großem Aufwand passend, was nicht passt und schon gar nicht passend gemacht werden sollte. Frauenförderung ist in vielen Fällen der solitäre Reflex der Unternehmensführungen in Sachen Personalentwicklung. Und das sieht dann zumeist so aus, dass man den Frauen beibringt, wie sie sich im männlichen System behaupten können.

Was für ein Wahnsinn, was für eine Diskriminierung

An dieser Art „fixing the women“ verdienen ganze Berufszweige enormes Geld. Coaches, Berater und Autoren haben unzählige Methoden, Konzepte und Ratgeber entwickelt, mit deren Hilfe Frauen das angeblich nötige Rüstzeug erwerben können, ihrer Karriere auf die Sprünge zu helfen. Die Folgen sind insofern fatal, als damit nicht nur suggeriert wird, dass Frauen ein Defizit hätten, das es auszugleichen gelte, sondern auch deshalb, weil eine solche Vorgehensweise ein System manifestiert, das systematisch Frauen diskriminiert – mit weitreichenden Folgen.

Die „leaky pipeline“, also die Tatsache, dass zwischen Berufseinstieg und Führungsposition ein signifikanter Teil der weiblichen Belegschaft abhandenkommt, wird häufig durch das Eingeständnis der Frauen begründet, wonach diese ihre Work-Life-Balance nicht mehr im Griff hätten. Was für ein Wahnsinn, was für eine Diskriminierung – und welch eine Ressourcen-Vergeudung! Sieht man sich die echten Kündigungsgründe genauer an, so überwiegen dort stattdessen fehlende Wertschätzung, die Dominanz des männlichen Systems sowie fehlende Entwicklungsmöglichkeiten. Und das ist ein Armutszeugnis für unsere Wirtschaft und unsere Unternehmen.

Diversity ist keine Ideologie, sondern eine Grundvoraussetzung

Und es ist gefährlich. Wir stehen allesamt vor enormen Herausforderungen, deren Bewältigung wesentlich davon abhängt, dass die besten Köpfe daran arbeiten. Wenn wir es jedoch nicht einmal schaffen, aus dem ganzen Talent-Pool zu schöpfen, weil wir die Hälfte der Bevölkerung systematisch benachteiligen, dann sei an dieser Stelle die Frage erlaubt, von welchem Fachkräftemangel eigentlich die Rede ist. Diversity ist keine Ideologie, Vielfalt ist stattdessen eine Grundvoraussetzung zur Lösung komplexer Probleme. Wenn wir es zulassen, dass ausgerechnet der Leistungsgedanke dazu führt, dass wir nicht die besten Köpfe fördern, dann erübrigen sich viele andere Fragestellungen. Erst müssen wir unsere Hausaufgaben machen.

Die Profiteure des Systems, die Männer, werden wenig Veranlassung erkennen, etwas am System zu verändern. Schließlich sind sie ja die Profiteure. Daher müssen wir es zum Prinzip erklären, diese extremen Formen der Benachteiligung abzuschaffen. Notfalls auch auf unorthodoxe Art und Weise.

Die Systeme müssen sich auch von innen heraus verändern. Grundvoraussetzung ist ein Bewusstsein der komplementären Kraft, die sich im Miteinander von Frauen und Männern entfalten kann. Daraus entstehen neue Allianzen, die Unternehmenskulturen nachhaltig verändern können. Am Ende winken ein gerechtes Miteinander innerhalb neuer und zukunftsorientierter Organisationskulturen und nicht zuletzt die umfassende Nutzung aller Talente und Fähigkeiten.

Veröffentlicht:

Robert Franken
© Guido Engels
Robert Franken

Berater Digital Business, Digitale Potenzialentfaltung

für Digital Transformation & Diversity

Robert Franken (Jg. 1973) berät Unternehmen in den Bereichen Digital & Diversity. Er war u. a. CEO von Chefkoch.de und urbia.de und beschäftigt sich heute als Consultant, Speaker, Coach und Autor mit allen Aspekten der Digitalen Transformation. Darüber hinaus engagiert er sich für Diversity und Gender Equality, er hält Vorträge und ist Beirat von Panda, der Competition für weibliche Führungskräfte. Er bloggt regelmäßig unter „Digitale Tanzformation“ und hat „Male Feminists Europe“ gegründet.

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