Probleme beim Einloggen

Trend #15 – Digital Ethics: Welche Spielregeln braucht die Zukunft?

Blockchain, Künstliche Intelligenz und Roboter – Technik wird unsere Zukunft maßgeblich bestimmen. Einen Kodex für den ethischen Umgang mit KI halten 92 Prozent der XING Mitglieder für notwendig.

Maschinen müssen ethischen Regeln gehorchen

Tim Cole
  • Wir benötigen Ethikgremien in allen größeren Unternehmen
  • Der Einsatz von Technologie darf nicht nur von Gewinn und Effizienz abhängen
  • Wir brauchen eine Diskussion über die Regeln, nach denen Maschinen entscheiden

1.727 Reaktionen

Wenn uns die Geschichte irgendetwas gelehrt hat, dann dies: Wenn sich genügend Menschen einig sind, dass sich etwas ändern muss, dann können sie es erzwingen. Ob Französische oder Russische Revolution, ob die Arbeiterbewegung des 19. oder die Studentenrevolten des 20. Jahrhunderts – sobald sich genug Druck aufbaut, entlädt er sich, und die Dinge ändern sich. Nicht immer nur zum Guten, zugegeben, aber auf jeden Fall ist danach alles anders.

Am besten ist es, wenn der Druck über Ventile entweicht, die halbwegs steuer- und kontrollierbar sind. Gewerkschaften haben den Arbeitern in den beiden ersten Industriezeitaltern die Möglichkeit gegeben, kollektiv und damit auf Augenhöhe mit den Bossen und Konzernen zu verhandeln, und haben somit für den nötigen Druckabbau gesorgt.

Die Arbeitnehmer erhalten im Digitalzeitalter neue Vertreter

Dass Gewerkschaften auch im Digitalzeitalter eine Rolle spielen werden, davon sind zumindest deutsche Unternehmer überzeugt, wie der IT-Branchenverband Bitkom in einer Umfrage festgestellt hat. Ihre dominierende Rolle als Arbeitnehmervertretungen werden Gewerkschaften allerdings möglicherweise verlieren: Eine Mehrheit der Unternehmen (52 Prozent) ist der Meinung, dass im Zuge der Digitalisierung Arbeitsbedingungen künftig nicht mehr allein von der Politik und den Tarifpartnern reguliert beziehungsweise ausgehandelt werden sollten. Stattdessen sollten neben Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden auch Vertreter von Selbstständigen und neuen Arbeitsformen wie Crowdworking mit am Tisch sitzen.

Zusammengesetzt aus Vertretern von Verbrauchern, Usern und Onlineunternehmen, könnte ein solches Gremium besonders krasse Fälle von Datenmissbrauch, Diskriminierung, Ausbeutung, Onlinesexismus oder Fremdenhass auf einer geeigneten Plattform anprangern und rügen. Wie der Deutsche Presserat könnten die Mitglieder des Onlinerats dazu verpflichtet werden, die Rüge möglichst breit über ihre eigenen Plattformen, Publikationen oder Communitys zu streuen, um so eine maximale Öffentlichkeitswirkung sicherzustellen.

Wir brauchen einen neuen moralischen Kompass

Dazu braucht es aber zuerst eine Übereinkunft darüber, was im Digitalzeitalter überhaupt ethisch ist und was nicht. Der US-Journalist John Markoff schreibt in seinem Buch „Machines of Loving Grace“: „Entscheidungen über den Einsatz von Technologie werden heute auf der Grundlage von Gewinn und Effizienz gefällt. Was wir aber brauchen, ist ein neuer moralischer Kompass.“ Sonst könnte es passieren, dass wir das Schiff, in dem wir alle sitzen, gegen die Klippen steuern.

Digitaltechnik muss als Teil eines großen Ganzen gesehen werden, und an seiner Entwicklung sollten neben Ingenieuren und Wissenschaftlern auch Vertreter der Zivilgesellschaft beteiligt sein, um einen motivierenden ethischen Dialog und Diskurs sicherzustellen. Denn zunehmend werden Maschinen sogar selbstständige Entscheidungen über Leben und Tod von Menschen treffen müssen – denken wir nur an selbstfahrende Autos! Deshalb wird in jüngster Zeit die Forderung nach einer „Maschinenethik“ immer lauter.

Wer soll die Verantwortung für Maschinenhandlungen tragen?

Spätestens seit ein Uber-Fahrzeug im März 2018 in Arizona eine Passantin überfahren hat, ist die Frage hochbrisant. Auf welcher ethischen Basis soll eine Maschine ihre – möglicherweise fatalen – Entscheidungen treffen? Und wer soll für das Handeln einer Maschine die Verantwortung tragen? Und um die Sache noch komplizierter zu machen: Wer soll für einen selbstlernenden Algorithmus haften? Denkbare Kandidaten wären der Programmierer oder der Hersteller des Programms, aber auch der Hersteller des Autos oder sein Besitzer. Oder sollen wir das alles als einen Fall von höherer, nämlich digitaler Gewalt betrachten?

Wir können es uns aussuchen – und das werden wir sogar müssen. Aber die Frage nach einer Maschinenethik ist am allerwenigsten eine technische und auch nur eingeschränkt eine juristische, sondern vielmehr eine gesamtgesellschaftliche. Professor Dieter Kempf, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und ehemaliger Bitkom-Chef, fordert in einem Gastbeitrag zu meinem neuen Buch, „Wild Wild Web. Was uns die Geschichte des Wilden Westens über die Zukunft der digitalen Gesellschaft lehrt“, diese wichtige Diskussion nicht nur den Fachleuten, den Konstrukteuren, zu überlassen. Um sich an dieser Debatte beteiligen zu können, sei eine deutlich intensivierte digitale Bildung vonnöten – und dies schon ab der Sekundarstufe. Dabei geht es nicht darum, minderjährigen Programmiernachwuchs heranzuzüchten, sondern darum, den kommenden Generationen das Rüstzeug für digitale Souveränität mitzugeben.

Ein Ethikgremium sollte die Firmenleitung beraten und kontrollieren

Verpflichtender Ethikunterricht an Schulen und Hochschulen und in den Lehrbetrieben ist das eine. Ich denke, wir brauchen diese Art von künftiger Allgemeinbildung auch in unseren Betrieben. Deshalb fordere ich die Berufung eines Ethikgremiums in allen größeren Unternehmen, so wie es heute schon Datenschutzbeauftragte oder in vielen Kliniken und Krankenhäusern Ethikkommissionen gibt. In diesem Gremium sollten möglichst viele Mitarbeiter mitwirken, vom Ingenieur bis zum Hilfsarbeiter, vom Vorstand bis zur Empfangssekretärin. Ihre Aufgabe sollte es sein, die Firmenleitung, aber auch die an Entwicklung und Vertrieb ethisch bedenklicher Produkte Arbeitenden zu beraten und ihnen Leitlinien zu setzen.

Außer digitalen Rechten und Chancen gibt es auch eine Pflicht, nämlich mitzuwirken an der Gestaltung unserer Zukunft und an den Regeln, nach denen wir in ihr leben wollen. Daran kommt keiner von uns vorbei. Und wie die Revolutionen der Vergangenheit gezeigt haben: Wenn sich genügend Menschen einig sind, können sie tatsächlich etwas bewegen.

Veröffentlicht:

Tim Cole
© Tim Cole
Tim Cole

Journalist, Internet-Publizist und Blogger

Tim Cole (Jg. 1950) ist deutsch-US-amerikanischer Schriftsteller, Journalist und Internetvordenker und nach eigenen Aussagen „dienstältester Blogger“ Deutschlands. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen „Erfolgsfaktor Internet“ (1999), „Das Kunden-Kartell“ (2002), „Digitale Aufklärung“ (zusammen mit Ossi Urchs, 2013) und „Digitale Transformation“ (2015).

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren