Problems logging in

Vertrauen in der Arbeitswelt – mehr Schein als Sein?

Der Europäische Gerichtshof will, dass Arbeitgeber in der EU künftig Arbeitszeiten lückenlos registrieren. Schützt die Zeiterfassung die Arbeitnehmer oder ist sie ein Rückschlag für New Work?

Mehr Kontrolle ist Gift für gesundes Arbeiten

Dr. Bernd Slaghuis
  • Der EuGH hat entschieden: Unternehmen in der EU müssen Arbeitszeiten erfassen
  • Doch die Rückkehr zur Stechuhr wird niemanden vor Überstunden schützen
  • Im Gegenteil: Sie würde die Errungenschaften der vergangenen Jahre gefährden

8,959 responses

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat entschieden, in Zukunft jeden Arbeitgeber zu verpflichten, die Arbeitszeiten aller Angestellten systematisch zu erfassen. Nur so könne man gewährleisten, dass bestehende Arbeitszeitgesetze eingehalten und Arbeitnehmer vor Überstunden geschützt würden.

Die Reaktionen auf die Entscheidung sind sehr gemischt: Logisch, dass Gewerkschaften in Champagnerlaune sind und Arbeitgeberverbände zu viel Bürokratie befürchten. Doch auch an der Basis gehen die Meinungen auseinander: Während sich die überlasteten Opfer ihrer grenzenlos Leistung einfordernden Chefs freuen, dass der bösen Ausbeutung nun endlich ein Riegel vorgeschoben wird, befürchten andere, die schon in den Genuss von Vertrauensarbeitszeit oder Homeoffice kommen, das baldige Ende ihrer lieb gewonnenen Flexibilität.

Es ist naiv, anzunehmen, dass eine gesetzlich vorgeschriebene, flächendeckende Arbeitszeiterfassung signifikante Auswirkungen auf die in Unternehmen geleisteten Überstunden haben wird. Wir haben starke Arbeitszeitgesetze, die klare Regeln zum Schutz von Arbeitnehmern schaffen. Gesetze, die die tägliche Arbeitszeit begrenzen sowie Pausen- und Ruheregelungen vorschreiben. Warum sollte eine zusätzliche Aufzeichnungs- oder Meldepflicht von Arbeitszeiten durch Arbeitgeber etwas daran ändern, dass nach dem Ausstempeln auf Anweisung von oben fleißig weitergearbeitet wird oder Arbeitnehmer sich aus freien Stücken entscheiden, mehr als vereinbart zu arbeiten?

Zeigt nicht gerade der Blick zurück, dass eine Begrenzung oder staatliche Regulierung von Arbeitszeit nicht mit dem tatsächlich geleisteten Arbeitseinsatz korreliert? Während die Wochenarbeitszeit von 60 Stunden im Jahr 1900 auf heute durchschnittlich 37,7 Stunden gesunken ist, steigt die Anzahl der Überstunden weiter an. Warum sollte sich dieser Trend durch die nun getroffene Entscheidung umkehren?

Tschüss, Vertrauensarbeitszeit

Ich spreche im Karrierecoaching mit vielen Angestellten über das, was sie sich im Beruf und von Arbeitgebern wünschen, um motiviert und gesund zu arbeiten. Vielen ist es wichtig, über ihre Arbeitszeit in einem definierten Rahmen selbst zu bestimmen und flexibel entscheiden zu dürfen, wann sie wie, wo und woran arbeiten. Das Ergebnis soll im Vordergrund stehen, nicht Präsenz im Büro und Absitzen von Zeit. Sie sind alle bereit, auch über die vertraglich definierte Arbeitszeit hinaus zu arbeiten, wenn es brennt – doch es sollte nicht die Regel, sondern die Ausnahme sein. Fast alle wünschen sich die Möglichkeit, freiwillig einzelne Tage im Homeoffice zu arbeiten, doch auch die gemeinsame Zeit mit Kollegen im Team ist ihnen wichtig.

Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -orten hat in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. Ein hoher Wert, den die EuGH-Entscheidung massiv gefährdet. Auch wenn es in unserer digitalen Welt nicht mehr die Stechuhr sein wird, die als Kontrollinstrument dient, so wird die Zeit der Vertrauensarbeitszeit definitiv gezählt sein.

Was mich an der Entscheidung des EuGH stört, das ist die altgewohnte Fokussierung auf Kontrolle. Es ist wichtig, im Straßenverkehr Geschwindigkeit zu kontrollieren, um Menschenleben zu schützen. Doch ist es ebenso wichtig, jeden Arbeitnehmer davor zu beschützen, Überstunden zu leisten? Wie wird sich Herr Müller aus der Buchhaltung fühlen, wenn die Ampel in seinem Arbeitszeitkonto am 20. des Monats auf „Gelb“ springt, der Rückstand in der Bearbeitung jedoch weiter ansteigt? Wie wird es all jenen gehen, die wirklich Lust auf ihre Herausforderungen und Themen haben, engagiert sind und gern mehr leisten, um ihre persönlichen Ziele zu erreichen? Ja, es gibt sie reichlich, die ambitionierten Macher, für die Arbeit Erfüllung im Leben ist. Zeit gegen Geld war einmal, heute sind es andere Werte, die Menschen in Arbeit zufrieden stimmen und gesund halten.

„Ich fühle mich im Job wie im Gefängnis“, dieses Empfinden vieler Arbeitnehmer habe ich vor zwei Jahren hier beschrieben. Die Klicks gingen durch die Decke, die Zustimmung war hoch. Freiheit ist in unserer modernen Arbeitswelt zu einem hohen Gut erwachsen. Doch Kontrolle ist der Feind von Freiheit. Als ich gestern von der Entscheidung erfuhr, hatte ich ein Bild von einer Arbeitswelt im Kopf, deren Räume wieder enger werden. Ein Mehr an Kontrolle, die im ersten Moment sinnvoll für den Schutz von Arbeitnehmern anmutet, jedoch gleichzeitig die Gefahr birgt, den für die Mehrheit der Arbeiter und Angestellten wichtigen Wert „Freiheit“ nicht nur zu gefährden, sondern in der Umsetzung dauerhaft zu verletzen. Wenn Arbeit so gegen unsere persönlichen Werte verstößt, dann ist sie ungesund!

Mehr Selbstverantwortung macht Arbeit in Zukunft gesünder

Mal angenommen, die EuGH-Entscheidung verändere wirklich etwas in unserer Arbeitswelt zum Positiven – was könnte dies sein?

Na klar, die Hersteller von Zeiterfassungssystemen werden fette Jahre erleben, und es werden neue Stellen in Personalabteilungen und Behörden geschaffen, die die Umsetzung der Vorschriften sicherstellen. Doch Sie ahnen vermutlich, dass es mir nicht um diese Effekte geht.

Ich bin der Überzeugung, dass erst die weitere Stärkung von Selbstverantwortung jedes einzelnen Menschen als Chef seines eigenen Lebens dazu führen wird, dass Arbeit als integraler Teil des Lebens gesünder wird.

Es ist nicht der staatlich auferlegte Schutz vor ungerechter Ausbeutung und harter Lohnknechtschaft durch böse Arbeitgeber, der uns ein gesundes Arbeitsleben ermöglicht. Es ist die Freiheit zur individuellen Entscheidung, sowohl die tägliche Arbeit als auch die berufliche Entwicklung so gesund wie möglich zu gestalten – passend zur Lebenssituation und auf Basis der persönlichen Werte und Ziele.

Hierzu könnte die Pflicht zur Dokumentation von Arbeitszeiten etwas beitragen. Sie würde allen Arbeitnehmern konsequent vor Augen führen, wie viel Zeit sie für Arbeit verwenden, und sie kann saisonale Schwankungen oder unbewusste Entwicklungen sichtbar machen. Dies kann dazu beitragen, die vielfach bereits als Normalität hingenommene Mehrarbeit sichtbarer zu machen, so den eigenen Blick auf die Arbeitszeit zu schärfen und die Entscheidung über den persönlichen Arbeitseinsatz regelmäßig bewusster zu reflektieren.

Aus einem Instrument der stärkeren Kontrolle von Arbeitgebern würde somit eines zur Stärkung der Selbstkontrolle für Arbeitnehmer werden. Das kann nicht schaden.

Posted:

Dr. Bernd Slaghuis
© Privat
Dr. Bernd Slaghuis

Ökonom, Karriere- und Business-Coach

for Karriere, Neuorientierung, Bewerbung, gesunde Führung

Dr. Bernd Slaghuis ist promovierter Ökonom, Systemischer Coach und Experte für neue Karrieren und gesunde Führung. In seiner Kölner Coaching-Praxis hat er sich auf Anliegen der Karriereplanung und beruflichen Neuorientierung sowie das Coaching von Führungskräften aus dem mittleren Management spezialisiert. Er schreibt in seinem Karriere-Blog „Perspektivwechsel“ über seine Sichtweisen auf Karriere, Bewerbung sowie Führung und hält zu diesen Themen deutschlandweit Vorträge und gibt Seminare.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more