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Burn-out – Volksleiden oder Modekrankheit?

Gestresst und ausgebrannt: Immer mehr Deutsche klagen über psychische Leiden. Doch müssen Unternehmen und Gesellschaft wirklich etwas verändern – oder müssen wir einfach belastbarer werden?

Sven Hannawald
  • Mein Burn-out hat mich Jahre meiner sportlichen Karriere gekostet
  • Aus Angst vor Jobverlust und Karriereknick ergeht es vielen Arbeitnehmern ähnlich
  • Unsere Gesellschaft braucht Mut zur Pause, um sich selbst zu stärken

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Ehrgeizig, fleißig, perfektionistisch – das sind nicht nur erfolgreiche Profisportler auf dem Weg an die Weltspitze. In der Wirtschaft verfolgen die besten Mitarbeiter und Führungskräfte mit Akribie und hohem persönlichem Aufwand ihre Karriereziele. Die Besten sind unentbehrlich für den Erfolg des Teams, nicht selten Zugpferde ganzer Unternehmensbereiche. „Auf die ist Verlass“ oder „Der macht das schon“ klingt wie Lob und motiviert nicht selten zu noch höherem Arbeitspensum.

Während Leistungssportler nach Training und Wettkämpfen ihre Pausen „verschrieben“ bekommen, wird aktive Regeneration im Unternehmen den Mitarbeitern selbst überlassen. Am Wochenende und sogar im Urlaub ist man für die Kollegen in „dringenden Fällen“ dann doch irgendwie erreichbar oder nimmt das Übergepäck an Verantwortung, Pflichtbewusstsein und sogar Jobängsten mit in die erholsamsten Wochen des Jahres. Die Ferien sind immer seltener stressfrei, lange Reisen und Jetlag belasten mehr als erwartet. Roaming erleichtert selbst unter Palmen den Stand-by-Modus. Abschalten ist kaum möglich, Bewegung und Sport bleiben Vorsätze. Die eigenen Batterien haben weniger Priorität, der Akku im Handy ist immer voll. Livebilder vom Sonnenuntergang müssen sein, das machen die anderen ja auch. Zurück im Alltag dreht sich der Kreis umso schneller. Von Auftanken kaum noch was zu spüren, so schnell verblasst wie die schöne Sonnenbräune. Die Power und guten Vorsätze sind dahin, die eigene Energiebilanz verheerend, der Krankenschein griffbereit.

Die Unruhe hat mich nicht mehr losgelassen

Zugegeben: Der Ehrgeiz nach Erfolg und sportlicher Perfektion hatte auch mich gepackt. Doch meinen eigenen Ansprüchen hielt ich irgendwann nicht mehr stand. Wenn man die ersten drei Springen der Vierschanzentournee gewonnen hat, entsteht ein Riesenrummel, der Druck wächst, und die Erwartungen von außen steigen ins Unermessliche – das durchzustehen kann man vorher nicht trainieren.

Im Februar 2004, während des Skisprung-Weltcups in Salt Lake City, merkte ich plötzlich, dass nichts mehr ging. Ich habe den zweiten Durchgang nicht mehr geschafft und wusste: „Irgendetwas stimmt nicht.“ So ein körperliches Auf und Ab kannte ich schon, aber da waren eine Müdigkeit und Unruhe, die mich nicht losgelassen haben. Wenige Zeit später, im Urlaub, bin ich zusammengebrochen.

Der perfekte Sprung musste immer perfekter werden

Heute ist mir klar: Es war nicht das Umfeld, das mich krank gemacht hat. Es war der Anspruch an mich selbst. Seit ich denken kann, bin ich ein Grenzgänger und lebe nach dem Motto: „Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.“ Das hat mich zwar zu sportlichen Höchstleistungen motiviert, über die man noch heute spricht. Doch auf der anderen Seite habe ich die Quittung dafür bekommen: „Mein perfekter Flug“ war Illusion, das „immer mehr“ und „immer weiter“ für mich ein schlechter Ratgeber.

Die psychische Krankheit Burn-out hat mich deshalb viele Jahre meiner sportlichen Karriere gekostet. Von den entgangenen Siegprämien und Sponsorenverträgen ganz zu schweigen. Die Reha bis zu meiner Landung im Leben dann noch einmal genauso viel Zeit, Kraft und viel Geduld. Die von mir, meiner Familie und engsten Freunden.

Burn-out verbrennt Human Capital

Können wir uns in der Wirtschaft das leisten, die Besten zu verlieren? Geben wir aufmerksam Acht auf unsere Kolleginnen und Kollegen? Sind wir nicht schon viel zu spät dran? Zu meiner Zeit waren die Symptome für Stress und Burn-out den Experten noch weitgehend unbekannt. Ehe ich deren Rat einholen konnte, war ich auf den Rat meiner Sportfreunde, Trainer und Eltern angewiesen. Viel zu spät konnte ich professionelle Hilfe einholen.

Unsere Gesellschaft braucht Mut zur Pause, wir brauchen mehr Bewusstsein für unsere eigene Gesundheit, für unser Human Capital. Führungskräfte und Unternehmer erreichen nachhaltigen Erfolg nur in Balance. Sie sind Vorbilder für ihre Teams und Talente. Und etwas weniger bringt oft viel mehr. Ich weiß, wovon ich rede, heute als Unternehmer.


Sven Hannawald ist einer von über 100 XING Branchen-Insidern, die ab sofort regelmäßig ihre persönlichen Einsichten mit den mehr als 10 Millionen XING Mitgliedern teilen. Sie können ihm und weiteren XING Branchen-Insidern hier folgen, um keinen der Beiträge mehr zu verpassen .

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Sven Hannawald
© Sven Hannawald
Sven Hannawald

Gründer, Sven Hannawald & Sven Ehricht Unternehmensberatung

für Work Life Balance & Corporate Health

Sven Hannawald (Jg. 1974) ist ein ehemaliger deutscher Skispringer und Gründer einer Unternehmensberatung mit Schwerpunkten Consulting, Sport Speaker und Management von Sportlern. Hannawald gewann 2002 die Vierschanzentournee mit Siegen in allen vier Wettbewerben sowie vier Medaillen bei nordischen Ski-Weltmeisterschaften und jeweils drei Medaillen bei Olympischen Spielen und Skiflug-Weltmeisterschaften. Heute berät er Unternehmen, hält Vorträge, moderiert Talks und veranstaltet Führungskräfte-Seminare.

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