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Power of Diversity: Wie verschieden wollen wir sein?

78 Prozent der in einer XING Studie befragten Personaler glauben, dass mehr Vielfalt eine Firma erfolgreicher macht. Aber nur gut die Hälfte achtet schon heute bewusst auf Diversity.

Mein Coming-out ließ sich im Büro nicht verheimlichen

Sarah Ungar
  • Mir hat die Flucht nach vorn geholfen, das Versteckspielen kostete Kraft
  • Wer seine sexuelle Identität verheimlichen muss, arbeitet weniger effizient
  • Ich wünsche mir und anderen vorbehaltlose Akzeptanz

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Diversity war schon immer allgegenwärtiger Teil unserer Realität. Menschen sind einfach unterschiedlich. Die Frage ist, wie wir damit umgehen: Haben wir Angst vor Vielfalt, oder sehen wir sie als Chance?

Für mich überwiegen klar die Chancen. Auch mein persönlicher Weg mit meinem Coming-out als transsexuelle Frau zeigt mir, dass sich mit einer positiven Herangehensweise viel erreichen und Akzeptanz schaffen lässt.

Zu meiner Erleichterung waren viele Reaktionen erfreulich entspannt

Solange ich zurückdenken kann, weiß ich, dass ich weiblich bin. Doch ins Büro ging ich aus Angst viele Jahre lang in männlicher Rolle. Auch als ich mich endlich privat geoutet hatte, ließ ich die Kollegen im Unklaren über mein Leben. Ich hatte Angst um meinen Arbeitsplatz. Dieses Versteckspiel kostete mich viel Kraft. Irgendwann konnte ich meinem Coming-out auch im Büro nicht mehr aus dem Weg gehen. Doch zu meiner Erleichterung waren viele Reaktionen erfreulich entspannt, auch von Menschen bei meinem Arbeitgeber ThyssenKrupp bekam ich Unterstützung.

Mir hat die Flucht nach vorn geholfen, außerdem konnte ich so etwas bewegen in unserem Unternehmen: Meine Geschichte wurde im Mitarbeiterblog veröffentlicht, und ich beteiligte mich 2016 an der Gründung des Netzwerks für lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle Beschäftigte.

Diverse Belegschaften sind innovativer

Ein erfolgreicher Weg in Richtung Vielfalt und Veränderungen ist meiner Erfahrung nach nur möglich, wenn Organisationen Unterschiede wertschätzen und Wandel durch die Belegschaft ermöglichen. Wenn sich eine Organisation mit der Diversitydimension „LSBTI“ (= lesbisch, schwul, bi-, trans- und intersexuell) beschäftigt, kann dies als Indikator für die Offenheit der Organisation gesehen werden.

Warum aber sollte Diversity aus Unternehmenssicht überhaupt relevant sein? Weil es um die wichtigste Ressource eines Unternehmens geht: uns Menschen. Und weil Unternehmen mit diverser Belegschaft beispielsweise innovativer sind und sich dadurch Wettbewerbsvorteile sichern können.

Sexuelle Orientierung hat nichts mit dem Arbeitsplatz zu tun? Von wegen!

Arbeitgeber haben den Anspruch, 100 Prozent der Leistungsfähigkeit ihrer Beschäftigten zu nutzen. Doch es gibt Studien, nach denen Menschen bis zu einem Drittel ihres Leistungsvermögens nicht für die Arbeit einsetzen können, wenn sie verheimlichen müssen, dass sie gleichgeschlechtlich lieben oder transsexuell sind. „Cost of thinking twice“ heißt das im Englischen anschaulich. Neben der menschlichen und gesellschaftlichen Verantwortung spielt also auch der wirtschaftliche Aspekt eine Rolle für Unternehmen. Eine offene Firmenkultur, die Menschen akzeptiert, wie sie sind, ist auch ökonomisch relevant.

Manche sagen, sexuelle Orientierung und Identität haben nichts mit dem Arbeitsplatz zu tun. Dem kann ich nur entgegnen, dass heterosexuelle Menschen in der Regel auch nicht verheimlichen, ob sie eine Partnerin oder einen Partner haben. Spätestens beim Small Talk am Montagmorgen über Aktivitäten am Wochenende kommt zur Sprache, mit wem man seine Freizeit verbracht hat. Menschen, die sich hier bedeckt halten oder eine Geschichte erfinden müssen, stehen unter einem permanenten Druck – eine Situation, die ich aus eigener Erfahrung niemandem wünsche. Wenn die Kraft dafür da ist, kann ich allen nur zu einem offenen, ehrlichen Umgang raten. Seien Sie mutig und kommunizieren Sie viel.

Werden Homosexuelle wirklich schon im Arbeitsleben akzeptiert?

Es gibt noch viel zu tun für unsere Gesellschaft, und das umfasst auch Arbeitgeber, die sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Ein Beispiel: Die gleichgeschlechtliche Ehe ist in Deutschland und vielen anderen Ländern inzwischen rechtliche Realität. Doch es gibt Länder, in denen gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe steht. Akzeptiert es ein Arbeitgeber, wenn sein mit einem Mann verheirateter Ingenieur eine Auslandsentsendung in ein solches Land ablehnt? Ist es selbstverständlich, dass dieser Kollege ein Hochzeitsfoto von sich und seinem Mann auf dem Schreibtisch hat? Es gibt im Arbeitsalltag viele Situationen wie diese, für die ein Bewusstsein gerade erst entsteht.

Mein Wunsch für die Zukunft ist, dass Gesellschaft und Arbeitswelt lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle Menschen vorbehaltlos und uneingeschränkt akzeptieren. Denn es lohnt sich, offen zu sein.


Sagen Sie uns Ihre Meinung, liebe Leserinnen und Leser! Welche Erfahrungen haben Sie mit Diversität in Unternehmen gemacht? Teilen Sie die Meinung der Autorin, dass eine offene Kultur auch den Unternehmen gut tut? Wir freuen uns auf spannende und hitzige Diskussionen!

Veröffentlicht:

Sarah Ungar
© thyssenkrupp AG
Sarah Ungar

Personalleiterin und Transsexuelle

Sarah Ungar (Jg. 1981) studierte Betriebswirtschaftslehre, begann 2006 bei thyssenkrupp als Trainee und wurde drei Jahre später Personalleiterin. Während dieser Zeit outete sie sich als transsexuell und lebt seither in ihrem tatsächlichen Geschlecht: als Frau. Seit Ende 2016 ist sie im Bereich Executives & Talent Development tätig und berät dort Führungskräfte. Sie ist zudem in Vereinen und Verbänden aktiv, hat das lgbti@thyssenkrupp-Netzwerk mit aufgebaut und wurde für ihr Engagement mehrfach ausgezeichnet.

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