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Gleichberechtigung im Job und Alltag: Warum halten sich Rollenbilder?

Frauen und Männer sind nach wie vor nicht gleichberechtigt – weder im Arbeitsleben, noch in der Gesellschaft oder vor dem Gesetz. Wie fühlt es sich an, als Frau nicht ernst genommen zu werden?

Mein Einsatz als EM-Kommen­tatorin wurde zum Politikum

Claudia Neumann

Live-Reporterin und Redakteurin in der Hauptredaktion Sport, ZDF

Claudia Neumann
  • Meine Tätigkeit als ZDF-Kommentatorin bei der EM löste viele Reaktionen aus
  • Auch heutzutage sind die traditionellen Rollenbilder noch zu stark verankert
  • Ich fühle mich nicht als Quotenfrau und befürworte keine solche Regelungen

31.478 Reaktionen

Anm. der Redaktion: Dieser Text erschien schon im Zuge der EM am 02. August 2016

Müssen Frauen alles können? Natürlich nicht, Männer übrigens auch nicht!

Aber dass Interessen, Vorlieben und Betätigungsfelder beider Geschlechter im Jahr 2016 glücklicherweise weit mehr Überschneidungen finden als noch vor ein oder zwei Generationen, ist ein Segen für alle, die den Sinn von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verinnerlicht haben.

Kaum mehr vorstellbar: Vor weniger als 100 Jahren besaßen Frauen kein Wahlrecht, erst seit 1962 dürfen sie ein eigenes Bankkonto eröffnen, und bis 1977 – laut Gesetzbuch – brauchten sie noch die Erlaubnis ihres Ehemanns, um einer geregelten Arbeit nachgehen zu können.

Auch organisiertes Fußballspielen war Frauen in Deutschland lange Zeit nicht gestattet. In gefühlter Steinzeit, aber im Grunde nicht so lange her. Die Generation meiner Eltern hat diese Zeiten noch erlebt und gelebt.

Toleranz zeigen wäre ein Anfang

Dass Frauen längst sehr ansehnlichen Fußball spielen können, wissen die Deutschen spätestens seit 2003, dem Jahr des ersten deutschen Frauen-WM-Titels. Natürlich erfordert es ein wenig Toleranz, denn man(n) muss sich auf das „etwas andere Spiel“ einlassen. Ähnlich wie beim Tennis, Handball oder Hockey gibt es, biologisch bedingt, athletisch signifikante Unterschiede. Wem die Fantasie für diese Übertragung vom einen auf das andere Geschlecht fehlt, wird keine Freude haben am Frauenfußball. Muss er auch nicht, aber Toleranz zeigen gegenüber Andersdenkenden und -handelnden.

Es ist exakt das gleiche Phänomen beim weiblichen Fußballkommentar: Selbstverständlich können auch Frauen ein hohes fachliches Basiswissen mitbringen, die weibliche Stimme in der gewohnt männlichen Stimmlage beim Fußball bedeutet für einige aber nackte Überforderung. Zu sehr sind die traditionellen Rollenbilder noch im (Unter-)Bewusstsein verankert.

Ausgerechnet Fußball! Des Deutschen liebstes Spiel steht ohnehin im Verdacht, in starrer Historie zu verharren. Seit jeher fällt es schwer, Veränderungen und Entwicklungen zu akzeptieren. Das gilt für das Regelwerk ebenso wie für fußball-taktische Trends, ganz zu schweigen von den Begleiterscheinungen der fortschreitenden Kommerzialisierung. In einer offenen Gesellschaft gilt: Meinung äußern ja, Haltung zeigen ebenfalls, aber dumpfe, hasserfüllte Ablehnung gehört nicht zu meinem Demokratie-Verständnis.

Die Erfahrung war ausschlaggebend, nicht das Geschlecht

Mein Arbeitgeber, das ZDF, hatte es im Sommer also gewagt, eine Frau als EM-Fußball-Kommentatorin ins Rennen zu schicken, wohl wissend, dass die Angelegenheit nicht geräuschlos verlaufen würde. Es kam wie erwartet. Reaktion, Gegenreaktion, viel Wirbel. Aber um was eigentlich?

Niemand hatte behauptet, da kommt jetzt eine Frau und die macht’s besser als all die Männer. Die Botschaft stattdessen: Wir haben eine erfahrene Kollegin, die seit 25 Jahren in allen möglichen Formen über Fußball berichtet, seit Jahren im Frauenfußball (und gelegentlich auch schon im Männerfußball) Livespiele begleitet und sich eben jetzt mal bei einer Männer-EM in die Riege der Kommentatoren einreiht. Nicht gleich an vorderster Front, aber doch dabei. Gesellschaftspolitische Vorbildfunktion, speziell im Bereich der Gleichberechtigung, wird bei einem öffentlich-rechtlichen Sender im Übrigen regelmäßig eingefordert. Und wurde hier verwirklicht!

Die einen schreien nun entsetzt „Quotenfrau“, andere verlangen seit jeher reflexartig geradezu nach ebensolcher Quote. Meine persönliche Wahrheit liegt in der Mitte. Aufgrund meines Werdegangs muss ich mich keinesfalls als Quotenfrau fühlen, mein Einsatz an derart exponierter Stelle lässt diesen Eindruck nach außen aber zu. Genauso wenig befürworte ich erzwungene Quotenregelungen im Bereich des Fußball-Journalismus.

Mit Inhalt lässt sich langfristig punkten

Viel nachhaltiger ist eine gesunde Entwicklung selbstbewusster, kritikfähiger junger Kolleginnen mit entsprechender Fußball-Vergangenheit, die bereit sind, sich dem Leistungsprinzip zu stellen. Genauso wichtig sind mutige Chefs, die das ebenso fördern wie fordern.

Sich mit weiblicher Erotik selbst zu inszenieren mag dem einen oder anderen Fußballfan gefallen, ist in der Argumentation für mehr Gleichberechtigung allerdings wenig hilfreich. Anerkennung bis hin zur Begegnung auf Augenhöhe lässt sich auf Dauer nur mit starkem Inhalt herstellen. Explizit sei aber erwähnt, dass sich eine attraktive Erscheinung vor der Kamera und Kompetenz keineswegs ausschließen.

Am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, wie und wo er sich positioniert. Ich persönlich mache einfach fleißig meine Hausaufgaben weiter wie bisher. Vorzugsweise weniger geräuschvoll.

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Claudia Neumann
© Getty Images
Claudia Neumann

Live-Reporterin und Redakteurin in der Hauptredaktion Sport, ZDF

Claudia Neumann (Jg. 1964) arbeitet seit 1999 als Redakteurin und Reporterin in der ZDF-Hauptredaktion Sport. Unter anderem berichtete sie als Live-Reporterin bei den Frauen-Fußball-Weltmeisterschaften in Deutschland und Kanada und war für das ZDF bei der Tour de France sowie der Fußball-WM 2002, 2006 und 2010 vor Ort. Bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich kommentierte sie als erste Frau bei einem Männerturnier, womit sie teils heftige Reaktionen auslöste. Claudia Neumann hospitierte bei RTL in Köln.

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