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Dürfen Top-Manager Schwäche zeigen?

An der Spitze ist es einsam: Mit jeder Karrierestufe steigt auch der Druck auf die Führungskräfte. Sie sollen Stärke repräsentieren, Schwäche gilt als Makel. Aber ist das noch zeitgemäß?

Mein Rücktritt als CEO wurde häufig als Schwäche belächelt

Hermann Arnold
  • Vor drei Jahren bin ich von meinem Posten als Vorstandschef zurückgetreten
  • Ich hatte das Start-up etabliert – nun brauchte es einen anderen Führungsstil
  • Nicht nur ich, auch Haufe-umantis entwickelte sich dadurch allerdings weiter

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Vor gut drei Jahren habe ich mich entschieden, freiwillig als CEO der von mir mitgegründeten Haufe-umantis AG zurückzutreten. Ich war der Meinung, jemand anderes würde das Unternehmen besser weiterführen als ich selbst. War das schwach? In den Augen vieler ja, nach meinem Empfinden nicht. Denn in Wirklichkeit war es ein schwerer, wohlüberlegter Schritt, der letztlich nicht nur mich, sondern auch das Unternehmen extrem gestärkt hat.

Meine vermeintliche Schwäche hat das Unternehmen gestärkt

Meine Führungsmethode würde ich so beschreiben: Ich bin der Pionier, der Wege aufzeigt und zugänglich macht. Für ein Start-up ist das eine sehr wichtige Eigenschaft. Doch wenn ein Unternehmen größer wird, sind Führungskräfte gefragt, die diese Wege so ausbauen, dass Mitarbeiter ihnen leichter folgen können. So jemand bin ich nicht – ich entschloss mich daher zum Rücktritt. Ich wurde gefragt, ob ich mich nicht lieber zu einem professionellen CEO weiterentwickeln möchte, anstatt aufzugeben. Nein. Für mich fühlte es sich nicht nach Aufgeben an: Mir erschien es richtig, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich gut beherrsche und mir Spaß machen, anstatt mich zu quälen und zu versuchen, jemand zu sein, der ich nicht bin. Zumal jemand in unserem Unternehmen den erforderlichen Führungsstil bereits mitbrachte, ohne sich dafür verbiegen zu müssen: Marc Stoffel. Er ist bis heute unser CEO.

Für mich bedeutete der Rücktritt, wieder im Team mitzuarbeiten. Diese Erfahrung hat sich extrem gelohnt – ich habe in der Zeit sehr viel über Führung gelernt: etwa, dass die Anerkennung und Machtzuschreibung, die einem als Führungskraft zuteil wird, zum Großteil der Rolle geschuldet ist. Die Person dahinter ist nicht unbedingt klüger, talentierter oder spannender als andere. Zudem kommt man ins Reflektieren über die eigene Führungsrolle, wenn man jemand anderen aus dem Team heraus dabei beobachten kann, wie dieser die Position ausfüllt. Ich hätte vieles anders gemacht – aber nicht besser.

Mitarbeiter sollen Führungspositionen übernehmen und sie auch wieder abgeben

Doch nicht nur ich, auch Haufe-umantis entwickelte sich durch meinen Rücktritt weiter. Denn ich konnte meinem Nachfolger ein guter Mentor sein: Einerseits kannte ich seine Herausforderungen nur zu gut. Andererseits konnte ich beobachten, wie sein Führungsstil aus Sicht des Teams wirkte, und ihm das als Feedback spiegeln. Daraus entwickelten wir das Modell der spiralförmigen Karriere: Wir wollen, dass Mitarbeiter Führungspositionen übernehmen, aber auch wieder abgeben, um aus dem Team heraus zu beobachten und zu lernen – und zu einem späteren Zeitpunkt erneut Führungsverantwortung zu übernehmen.

Dieses „Abdanken“ darf nicht als Ausdruck von Schwäche gewertet, sondern muss zu einem völlig normalen Vorgang im Unternehmen werden. Ich bin mir sicher, viele Führungskräfte trauen sich nicht zurückzutreten – aus Angst vor Gesichtsverlust. Das schadet der Person und dem Unternehmen gleichermaßen, denn wer nicht der Richtige für eine Position ist, macht keinen guten Job und ist dementsprechend unzufrieden. Meines Erachtens braucht es also ein Umdenken in den Unternehmen und auch in der Gesellschaft hin zu einer deutlich vorsichtigeren Bewertung von Schwäche: Denn vieles, was vielleicht auf den ersten Blick wie Schwäche erscheinen mag, kann bei genauerem Hinsehen das Unternehmen entscheidend voranbringen.

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Hermann Arnold
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Hermann Arnold

Mitgründer, Haufe-umantis AG

Hermann Arnold ist Mitgründer des St. Galler Softwareunternehmens Haufe-umantis. Dort war er auch langjähriger Geschäftsführer, bis er sich dazu entschloss, den Posten an einen Kollegen abzugeben. Mit dieser Entscheidung lebt er vor, was sein Unternehmen bietet: Ansätze wie Vorgesetztenwahlen, teamverantwortete Mitarbeitergewinnung und spiralförmige Karriere als Führungskräfteentwicklung. Arnold hält zudem Vorträge und ist Autor. Im Juni erscheint sein neues Buch „Die Entzauberung des Chefs“.

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