Tag des Workaholics: Wie süchtig sind wir nach Arbeit?

Im vergangenen Jahr haben wir so viel gearbeitet wie noch nie. Eine gute Gelegenheit, am 5. Juli, dem Tag des Workaholics, zu hinterfragen, welchen Stellenwert Arbeit im eigenen Leben einnehmen soll.

Meine Patienten machen sich selbst zu viel Druck

Dr. Gernot Langs

Chefarzt, Schön-Klinik Bad Bramstedt

Dr. Gernot Langs
  • Stress gilt als einer der stärksten Krankmacher der modernen Zivilisation
  • Dabei kann er im positiven Sinne Menschen antreiben und motivieren
  • Nur wer ihm auf Augenhöhe begegnet, geht entspannter durchs Leben

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Für viele Menschen ist Stress die Würze des Lebens – mich eingeschlossen. Stress gibt mir den Kick, den ich brauche, um die Routine meines Alltags zu unterbrechen und hin und wieder an meine Grenzen zu stoßen. Wenn ich keine neuen Aufgaben habe, suche ich mir welche – damit ich herausgefordert bin. Stress macht mir Spaß – ohne ihn wäre es mir schnell langweilig.

Für viele meiner Patienten allerdings ist Stress ein Angstgegner: Sie kommen mit Schlafstörungen und Depressionen zu mir, berichten von verspannten Muskeln, schlechter Laune und einer geringen Libido. In schlimmeren Fällen verantwortet Stress bei ihnen sogar Bluthochdruck, Magengeschwüre oder einen Herzinfarkt. Nicht umsonst hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Stress zu einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erkoren.

Stress: Kollateralschaden des modernen Alltags

Der Übeltäter ist längst kein Phänomen vereinzelter Milieus mehr, sondern ein gesellschaftsweites Problem: Wir behandeln Lehrer und Erzieher, die permanent Verantwortung tragen und mehr Auszeit brauchen, als die Schulferien hergeben. Wir kurieren Manager, die sich beruflich überfordert fühlen, ebenso wie Mütter, die daheim die Familie managen und gar nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, zwischen Haushalt, Kindererziehung und Beruf. Aber auch ehemalige Spitzensportler, die auf Leistung getrimmt sind und auf Knopfdruck funktionieren müssen, zählen zu unseren Patienten.

Um ihnen zu helfen, schauen wir uns ihre inneren Antreiber an, die sogenannte intrinsische Motivation. Oftmals erklärt sich allein aus der Lebensgeschichte heraus, warum so viele Menschen vom Stress geplagt sind. Glaubenssätze wie „Ich werde nur geliebt, wenn ich etwas leiste“ oder „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ prägen die Köpfe vieler meiner Patienten. Doch Arbeiten bis zum Umfallen ist damit nicht gemeint.

Nicht immer alles auf einmal

Natürlich kann sich nicht jeder leisten, beruflich kürzerzutreten: Ein Chirurg etwa kann sich am OP-Tisch kaum erlauben, nur 70 Prozent zu geben. Auch bei Erzieherinnen reicht es nicht aus, wenn sie nur mit einem Auge auf die Kleinen schielen. Manche Lebenssituationen erfordern einfach volle Leistung, während andere wiederum lockerer genommen werden können: Das Auto beispielsweise muss nicht jede Woche in die Waschstraße gefahren werden, und der Rasen hält auch mal etwas Unkraut aus. Wer sich durch Gelassenheit in einigen Bereichen entlastet, hat so mehr Kraft für das wirklich Wichtige im Leben. Und begegnet seinem Angstgegner Stress auf Augenhöhe.

Schlussendlich geht es nicht darum, weniger leistungsfähig zu sein; es geht darum, Prioritäten zu setzen und nicht immer allen alles recht machen zu wollen. Für ehrgeizige Menschen und Stressgeplagte eine durchaus bittere Einsicht. Doch sie lohnt sich – und ist der erste Schritt zurück in ein entspannteres Leben.

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Dr. Gernot Langs
© Dr. Gernot Langs
Dr. Gernot Langs

Chefarzt, Schön-Klinik Bad Bramstedt

Dr. Gernot Langs (Jg. 1961) ist Chefarzt der Schön-Klinik Bad Bramstedt, Deutschlands größter psychosomatischer Fachklinik. Nach seinem Studium der Medizin und seiner Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie arbeitete er zunächst als Oberarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Graz, bevor er sich in der Psychosomatik weiterbildete. Ende der 1990er-Jahre wechselte er schließlich in die Klinik Bad Bramstedt, in der er heute noch tätig ist.

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