Problems logging in

Burn-out – Volksleiden oder Modekrankheit?

Gestresst und ausgebrannt: Immer mehr Deutsche klagen über psychische Leiden. Doch müssen Unternehmen und Gesellschaft wirklich etwas verändern – oder müssen wir einfach belastbarer werden?

Arndt Kempen
  • Psychische Belastungen beschäftigen verstärkt Unternehmen
  • Beim Burn-out fehlt es noch an einem definierten Krankheitsbild
  • Die beschleunigten Arbeitsprozesse sollten entzerrt werden

4,007 responses

Als Dienstleister im Betrieblichen Gesundheitsmanagement beobachten wir, dass das Thema Burn-out – sowie psychische Belastungen an sich – in Unternehmen an Bedeutung gewinnt. Neben klassischen Leistungen wie Arbeitsmedizin sind daher zunehmend die psychosozialen Dienstleistungen unserer Psychologen und Sozialberater gefragt.

Der Arbeitgeber ist in der Pflicht

Wir ermutigen Unternehmen, bereits proaktiv und präventiv dafür zu sorgen, dass psychische Belastungen gar nicht erst entstehen und unterstützen sie dabei. Letztendlich muss aber der Arbeitgeber selbst die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Menschen lange gesund arbeiten können. Das sehe ich als zentrale und zukunftweisende Aufgaben für Unternehmen.

Im Zuge dynamischer Veränderungen wie beispielsweise der Digitalisierung und der damit einhergehenden Beschleunigung und steigenden Komplexität von Arbeitsprozessen ist das kein leichtes Vorhaben. Gesundheitsfördernde Maßnahmen wie Sport- oder Ernährungskurse sind dabei „nice to have“, aber setzen nicht an den eigentlichen Ursachen, wie Überlastung, Überforderung oder der aktuellen „Always on“-Mentalität an. So spielt auch eine Rolle, wie viel Freiräume und Flexibilität Arbeitgeber ihren Angestellten bieten, um zum Beispiel Beruf und Familie zu vereinbaren – und wie viel Wertschätzung ein Mitarbeiter für seine Arbeit erfährt.

Wichtig ist zu verstehen, dass nicht die Arbeit an sich krank macht. Die Ursachen sind vielmehr multikausal. Wenn Menschen lernen, mit Veränderungen und Verantwortung umzugehen, können Unsicherheiten genommen und das Selbstvertrauen in eigene Fähigkeiten gestärkt werden. Das fördert neben der Gesundheit, auch die Motivation und die Produktivität der Mitarbeiter. Letztendlich hat Arbeit auch eine sinnstiftende Wirkung. Diese Ressource müssen Unternehmen mehr nutzen.

Prävention auf dem Vormarsch

Konkret bieten sich Unternehmen heute eine Reihe an unterschiedlichen Maßnahmen, um die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu stärken: Bei der Beurteilung psychischer Gefährdungen am Arbeitsplatz, die übrigens auch gesetzlich vorgeschrieben ist, untersuchen unsere Psychologen vor Ort, welche Faktoren sich belastend auf die Psyche auswirken können und entwickeln Maßnahmen, wie diese verringert werden können. Darüber hinaus ist der Bedarf an einer betrieblichen psychosozialen Beratung für Mitarbeiter in den letzten Jahren stark gestiegen. Zunehmend mehr Unternehmen bieten ihren Angestellten ein Employee-Assistance-Programm (EAP) und schaffen damit die Möglichkeit, bei familiären und beruflichen Fragestellungen vertraulich mit einem Psychologen oder Sozialberater zu sprechen. Sie verhindern, dass aus Problemen Krisen werden – mit gesundheitlichen Folgen.

Letztendlich appelliere ich aber dafür, die öffentliche Debatte rund um Burn-out differenziert zu betrachten. Auch wenn Phänomene wie Burnout sich nicht als reine Modeerscheinung abtun lassen, gibt es doch kein definiertes Krankheitsbild wie beispielsweise bei der Depression. Die Erforschung steckt hier noch in den Kinderschuhen. So werden inzwischen mehr als 160 Symptome mit Burn-out in Zusammenhang gebracht. Zudem sollte man bedenken, dass die steigende Anzahl „öffentlicher Fälle“ in Zusammenhang steht mit der zunehmenden Enttabuisierung psychischer Leiden. Menschen sind heute eher bereit, sich damit zu outen.

Posted:

Arndt Kempen
© ias AG
Arndt Kempen

Geschäftsführender Gesellschafter, kempen: executive consulting GmbH

Arndt Kempen (Jg. 1966) ist geschäftsführender Gesellschafter der kempen: executive consulting GmbH. Zuvor war er Vorstandsvorsitzender der ias Aktiengesellschaft und Geschäftsführer der dgbs Gesundheitsservice GmbH. Davor sammelte er bereits bei der Deutschen Bahn AG langjährige Erfahrungen in zentralen kaufmännischen Positionen. Kempen engagiert sich seit vielen Jahren als Mentor in Stiftungen wie der Deutschen Sporthilfe und der Initiative Wertestipendium.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more