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Zwei Jahre später: Schaffen wir es?

Es war auf dem Höhepunkt der Zuwanderung, als die Kanzlerin sagte: „Wir schaffen das!“ Über 1,2 Millionen Menschen sind seitdem eingereist. Auch wegen der Wahl ist die Integration wieder großes Thema.

Mir fehlt der kollektive Aufschrei der Muslime gegen Terror

Masoud Aqil

Journalist und Autor

Masoud Aqil
  • Ich bin selbst 2015 vor dem IS aus Syrien nach Deutschland geflohen
  • Die arabischen Staaten lassen den Westen im Kampf gegen den IS allein
  • Auch hierzulande gibt es zu viele Anhänger des „Islamischen Staates“

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Ich habe mir nicht ausgesucht, dass der „Islamische Staat“ mein Leben bestimmt. Aber er tut es, bis heute. Auf eine Weise, die ich mir nicht hätte vorstellen können. Der Albtraum begann, als die Terroristen des IS mich im Dezember 2014 kidnappten. 280 Tage und Nächte wurde ich in ihren Gefängnissen bedroht und gefoltert. Als Journalist war ich für sie ein wichtiger Fang. Als Kurde war ich für sie Abschaum, kein richtiger Muslim, einer, an dem sie Willkür und Gewalt ausleben konnten.

Nach dem Ende meiner Entführung entschied ich mich, meiner Heimat den Rücken zu kehren. Eine wochenlange Irrfahrt führte mich schließlich in ein Land, in dem ich mich in Sicherheit glaubte. Es war ein Schock, als ich erkennen musste, dass mich die Anhänger des IS selbst in Deutschland einholten. Aber nun kann ich mich widersetzen. Und ich möchte auch das Land schützen, das mir Asyl gewährt hat. Gleichzeitig bin ich immer wieder irritiert, wie Muslime hierzulande mit den Anschlägen in Barcelona, London und Berlin umgehen – und wie wenig solidarisch sich die arabischen Staaten zeigen.

Keine ernsthafte Offensive gegen den IS

Saudi-Arabien nimmt keine Flüchtlinge auf – außer sie sind bereit, dafür zu bezahlen. Würden sich alle 22 arabischen Staaten an der Versorgung der Flüchtlinge und Vertriebenen aus Syrien und dem Irak beteiligen, die meisten von ihnen wären in der Region geblieben und nicht nach Europa ausgewandert. Man muss Donald Trump nicht mögen, aber seine Frage ist berechtigt: Wieso sollten wir Muslime aufnehmen, wenn nicht einmal alle arabischen Staaten ihren „Brüdern“ und „Schwestern“ Obdach geben?

Ich frage mich: Wo bleiben die Stimmen aus den muslimischen Ländern, die etwas gegen die Terroranschläge in Europa oder die widerlichen Massaker an den kurdischen Jesiden in Sindschar unternehmen? Wo ist das islamische Land, das glaubwürdig verspricht und unzweideutig handelt, um den IS am Boden militärisch anzugreifen und zu bekämpfen? Stattdessen sähen sie es gern, wenn die USA und Europa diese schmutzige Arbeit übernähmen.

Dem Westen wird Imperialismus vorgeworfen

Mehr noch: Statt konstruktiv an einer Lösung mitzuarbeiten, den Kriegsopfern humanitär zu helfen und Terrorakte von Muslimen gegen Gläubige und Andersgläubige zu verurteilen, liefern etliche muslimische Staaten Waffen in mein verwundetes Land, sitzen auf den Tribünen rund um das Kampffeld und schauen zu wie bei einem Fußballspiel. Das ist beschämend.

Mehr noch: Gelingt den westlichen Truppen ein Schlag gegen den IS, höre ich aus dieser Ecke bedauerlich viele Stimmen, die nun deren Imperialismus beklagen. Recep Tayyip Erdoğan sagte 1999: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Dafür musste er damals in Haft, kam aber schnell wieder frei und durfte sich bald erneut einmischen. Als Ministerpräsident scheint er inzwischen die Zeit für gekommen zu halten, vom Zug abzuspringen.

Nun will ich Erdoğan nicht dafür verantwortlich machen, dass jeder Dritte der selbst ernannten Gotteskrieger aus Deutschland, die in Syrien und im Irak kämpfen, türkischstämmig ist. Aber ich frage: Weshalb schließen sich türkischstämmige (wie auch arabischstämmige) Muslime, die in europäischen Staaten aufgewachsen sind, den Terroristen an? Woher kommt diese Gewaltneigung gegenüber einem Land, das auch ihnen so viele Möglichkeiten bietet? Wie erklärt sich die Rückständigkeit der islamischen Welt? Und wie verträgt sich das mit der Großmäuligkeit muslimischer Jugendlicher, die den Islam gegenüber anderen Religionen überlegen wähnen und die Muslime für bessere Menschen halten?

Der Daesh wird geduldet

Eine wachsende Zahl von Muslimen, die militanten Salafisten, orientieren sich heute an der Lebensweise der „Altvorderen“, an den Gelehrten der ersten drei Generationen nach dem Propheten Mohammed (gestorben am 8. Juni 632). In ihrer Vorstellung ist das Individuum nichts, das islami(sti)sche (Gottes-)Volk alles. Und wenn sie Menschen töten, nehmen sie Suren wie diese wörtlich: „Wenn nun die Schutzmonate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf! Wenn sie aber bereuen, das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, dann lasst sie ihres Weges ziehen! Gewiss, Allah ist allvergebend und barmherzig!“ „Barmherzig“, sagt Jürgen Todenhöfer, sei das am häufigsten benutzte Wort im Koran.

Barmherzig sind diejenigen, die im Namen Gottes töten, überhaupt nicht. Als Feinde des Islam sehen sie sich ebenfalls nicht. Und es gibt eine Menge Muslime, die das auch bestreiten würden. Sie, die Islamisten von Daesh, tragen ihren Krieg nicht ohne Unterstützung oder zumindest Duldung einer bemerkenswerten Zahl von Muslimen in unsere Städte und träumen von der Eroberung der Welt.


Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Masoud Aqils aktuellem Buch „Mitten unter uns. Wie ich der Folter des IS entkam und er mich in Deutschland einholte“ (Europa Verlag).

Veröffentlicht:

Masoud Aqil
© Jörg Schulz / Chuck Knox Photography
Masoud Aqil

Journalist und Autor

Masoud Aqil arbeitete in seiner syrischen Heimat als Videojournalist für einen kurdischen TV-Sender. 2014 wurde er vom IS verschleppt und neun Monate lang gefangen gehalten. Nach seiner Freilassung konnte er nach Deutschland fliehen, wo er seitdem lebt. Seine Erfahrungen und Informationen aus der Gefangenschaft nutzt er, um die deutschen Behörden bei der Suche nach mutmaßlichen IS-Terroristen in Europa zu unterstützen.

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