Problems logging in

Darüber wurde in diesem Jahr gesprochen - in der Wirtschaft

Seit Monaten taumelt die Welt am Rande eines Handelskriegs, Deutschland ringt um die Verkehrswende und einzelne Vordenker machen mit neuen Arbeitszeitmodellen von sich reden.

Mobilität 2019: Aufbruch, Abschiede und ein Messias

Victoria Jäger
  • Noch nie hat die Autobranche sich so schnell in Richtung Stromer bewegt
  • Viel Dynamik bei Shared Mobility – aber auch die Suche nach Geschäftsmodellen
  • Die größten Showeinlagen kamen nicht aus Deutschland. Mal wieder

3,228 responses

Ein Jahr, wie es unterschiedlicher für die vielen Marktteilnehmer nicht sein könnte. Wichtige Ankündigungen, Unternehmensumstrukturierungen und neue Fahrzeugmodelle wechselten sich mit Verlust- und Erfolgsmeldungen und neuen Servicelaunches ab.

Automobilindustrie

Das Jahr 2019 war stark geprägt von den angekündigten Stellenstreichungen bei vielen Autobauern und Zulieferern. Ein Ruck ging deutlich spürbar durch die Industrie und sorgte für besorgte Mitarbeiter, insbesondere bei den Zulieferern, die aufgrund der Umstrukturierungen und Strategieänderungen der großen Automobilkonzerne (OEMs) ihr Portfolio diversifizieren und Strategien für ihre Zukunft aufbauen müssen. Zulieferer wie ZF und CATL haben es dennoch geschafft, die Zeichen früher zu erkennen, und sich dementsprechend anders aufgestellt. ZF ist beispielsweise dieses Jahr als erster Zulieferer der MaaS-Allianz (einer europaweiten Interessengemeinschaft zum Thema „Mobility as a Service“) beigetreten. Das passt zur Mehrheitsbeteiligung von ZF an dem niederländischen Unternehmen 2getthere, einem Anbieter autonomer Shuttles.

Automobilhersteller mach(t)en sich auf in eine neue Ära der Elektromobilität, was Auswirkungen auf Unternehmensstrukturen, Zulieferer und angrenzende Branchen hat. Alles dreht sich um die Elektrifizierung des Antriebsstrangs, Nachhaltigkeit und Null-Emissions-Politik.

Volkswagen hat dieses Jahr nicht nur seinen neuen Markenauftritt präsentiert, sondern auch den ID.3 als erstes elektrisches Volumenmodell vorgestellt. Eine ganze ID-Familie ist im Anmarsch. Die zweite große Modellvorstellung bei VW war der Golf 8 mit einer komplett neuen Interieurgestaltung und -interaktion. Zusätzlich verkündete Volkswagen dieses Jahr nicht nur die Schaffung eines neuen IT-Bereichs, der dem Konzern helfen soll, möglichst viel Software selbst zu entwickeln. VW startete auch die Partnerschaft mit Ford zum autonomen Fahren, gemeinsam mit Argo AI.

Doch nicht nur Volkswagen ist aktiv bei Kooperationen. BMW und Daimler haben sich bei der Entwicklung von autonomen Fahrzeugen zusammengetan, und BMW hat sich für Elektromobilität mit Jaguar und Landrover (JLR) in ein Boot begeben. Überrascht hat jedoch die Ankündigung von BMW, kein Mobilitätsanbieter werden, sondern Automobilproduzent bleiben zu wollen. Ein klares Signal in die entgegengesetzte Richtung des „Mobilitätsrucks“ der Branche. Eine Branche, in der zukünftig Hildegard Müller Bernhard Mattes als Cheflobbyist und Präsident des VDA ablöst, welcher kurz nach Beginn der IAA seinen Rücktritt verkündet hat. Eine IAA, die es in dieser Form wahrscheinlich zum letzten Mal gegeben hat.

Zumindest den letzten Teil des Jahres dürfte dann aber Elon Musk mit Tesla dominiert haben, der zunächst bei der Verleihung des Goldenen Lenkrads in Berlin verkündete, seine Gigafactory 4 und ein Design- und Entwicklungszentrum in Brandenburg zu errichten, und dann sein mediales Meisterwerk, den Cybertruck, vorstellte und somit dafür sorgte, dass sich innerhalb kürzester Zeit 250.000 Menschen den Wagen mit einer Anzahlung von 100 Dollar vorbestellten. Man kann von dem Wagen selbst und von Tesla halten, was man möchte, doch eines muss man beiden lassen: Sie erzeugen Faszination und mediale Großereignisse. Eine Emotionalität und Begeisterung, die trotz des vielen Wirbels bei den etablierten Herstellern etwas gefehlt hat.

Mobility Services

Das Jahr war geprägt von dem einheitlichen Marken- und Marktauftritt der Mobilityservices von BMW und Mercedes unter der Dachmarke Now. So wurde zum Beispiel MyTaxi zu FreeNow, und das Carsharingangebot wurde unter ShareNow zusammengefasst. VW startete We Share, das elektrische Carsharingangebot in Berlin, mit 1500 E-Golf. Was aber besonders stark diskutiert wurde, war die Einführung der elektrischen Scooter auf den Straßen der Großstädte. Eine interessante Ergänzung zum Angebot der vielen Mobilitätsdienste rund um Fahrräder, Autos, Ridehailing, Ridesharing und Mopeds. Leider hat sich gegen Jahresende mit Coup ein Service mit einer treuen Fanbasis bereits wieder verabschiedet. Bosch hatte elektrisch betriebene Motorroller verteilt, die ähnlich wie bei Carsharing bei Bedarf ausgeliehen werden konnten. Man sei aus wirtschaftlichen Gründen ausgestiegen, hieß es beim Unternehmen. Das Feld um Micromobility wird jetzt von anderen Marktteilnehmern bespielt, Scootern und E-Bikes sei Dank.

Doch es gab noch weitere Rückschläge für den Markt: Uber hat seine Lizenz in London verloren und CleverShuttle in drei Städten seinen Betrieb aufgegeben. Was die Zukunft der innerstädtischen Fortbewegung angeht, können wir nur weiterhin gespannt bleiben, welche Anbieter den längeren Atem haben beziehungsweise wann Städte erkennen, wie wichtig solche Services inzwischen sind, und sie auch monetär unterstützen.

Dass Mikromobilität zwar noch nicht überall profitabel ist, aber dennoch notwendig, um Menschen in urbanen Regionen eine realistische Alternative zum eigenen Auto zu bieten, sollte eigentlich unumstritten sein.

Während die hiesige Industrie beim Thema Antriebssysteme langsam aufholt, scheint sie bei der Digitalisierung immer noch etwas abgehängt zu sein. Anbieter wie Waymo, Uber, Tesla, Softbank oder Didi Chuxing digitalisieren nicht einfach nur ihre Produkte, sie bauen Plattformen auf, um ihre Geschäftsmodelle aggressiv weiterzuentwickeln.

Die Politik hat die Wichtigkeit der Fortbewegung ohne eigenes Auto erkannt, weshalb auch die Mehrwertsteuer auf Fahrkarten der Deutschen Bahn auf sieben Prozent gesenkt wurde. Doch es reicht nicht aus, Dieselfahrverbote für Privat-PKW ins Gespräch zu bringen, wenn sich nicht alle angrenzenden Geschäftsmodelle, wie zum Beispiel der KEP-Verkehr (Kurier-, Express- und Paketdienste) nachhaltig umstellen und Städte neue (infrastrukturelle) Lösungen für innerstädtischen Verkehr finden.

Trotz aller Fortschritte rund um Plattformen und Mobilitätsservices sollten wir nicht vergessen, dass es den wohl größten Sprung bei der Elektrifizierung der Antriebe gab. Wenn unter anderem der größte Autobauer der Welt, der Volkswagen-Konzern, zur Elektrifizierung seines gesamten Portfolios aufruft und es mit Milliardeninvestitionen untermauert, ist dies definitiv ein Signal an die Branche und zwingt diverse Unternehmen zur Umstrukturierung.

Gleichzeitig scheinen Mobilitätsservices unter starkem Druck zu stehen, es gab sowohl Konsolidierungen als auch Marktaustritte. Was die Frage aufwirft, ob wir nicht verstärkt über alternative Nutzungskonzepte wie Abos reden sollten. Denn dass wir die Angebote zunehmend brauchen werden, steht außer Frage. Wenn der Maßnahmenkatalog des Positionspapiers des Umweltbundesamts so in Kraft treten sollte, damit die Klimaziele bis 2030 eingehalten werden, bedeutet das zum Beispiel eine schrittweise Anhebung des Dieselpreises um 70 Cent pro Liter bis 2030. Was dann mit Individualmobilität und individuellem Fahrzeugbesitz passiert, bleibt abzuwarten.

Es bleibt spannend!

Posted:

Victoria Jäger
© Jäger
Victoria Jäger

Automobil- und Mobilitätsexpertin, TLGG Consulting

for Automobil & Mobilität, Digitale Transformation, Innovation & Strategie, Organisation & Leadership

Victoria Jäger ist seit Mitte 2019 als Expertin für Automobil- und Mobilitätsthemen bei TLGG Consulting tätig. Über knapp sieben Jahre arbeitete sie bei der Volkswagen Financial Services AG und kümmerte sich dort um Business Development für Mobilitätsdienstleistungen der unterschiedlichen Marken des Konzerns. Victoria Jäger unterstützt Firmen und Konzerne dabei, sich und ihre Produkte zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more