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Wie krank macht uns der Kapitalismus?

Jeder zwanzigste Arbeitnehmer ist heute einem DAK-Report zufolge wegen psychischer Probleme krankgeschrieben, 200-mal so viele wie vor 70 Jahren. Experten streiten jedoch über die Ursache.

Psychisch Kranke gelten als Kostenfaktor

Ass. Prof. Dr. Stephan Schleim

Psychologe und Philosoph, Universität Groningen

Ass. Prof. Dr. Stephan Schleim
  • Immer mehr Menschen suchen psychologische und psychiatrische Hilfe
  • Die Bedeutung sozialer Faktoren für psychische Gesundheit ist gut belegt
  • Die herrschende Meinung blendet die sozialen Ursachen allerdings aus

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Epidemiologen, die sich mit der Häufigkeit psychischer Erkrankungen beschäftigen, wiegeln oft ab: Einen Anstieg können sie nicht feststellen. Das ist das Urteil von Fachleuten, die Symptome zählen wie Erbsen. Mit dem Alltag der Betroffenen hat das wenig zu tun.

Machen wir die Gegenprobe: Führende Epidemiologen schätzen, jährlich seien rund 40 Prozent oder 165 Millionen Menschen in Europa von psychischen Störungen betroffen; und dabei haben sie nicht einmal 30 der inzwischen mehreren Hundert unterschiedenen Störungen abgefragt!

Wie passt das einerseits dazu, dass immer häufiger über psychische Störungen gesprochen und geschrieben wird, andererseits aber nicht jedes Jahr die Hälfte der Bevölkerung zum Psychologen oder Psychiater rennt?

Entscheidend ist das subjektive Leiden

Wer sich dem Problem aus makroskopisch-bürokratischer Weise nähert, darf den Grundpfeiler der psychischen Störung nicht vergessen: Es geht immer nur um klinisch relevante Probleme im Denken, Fühlen oder Handeln einer Person, die ihr Sozialleben einschränken.

Will heißen: Selbst wer hinreichend viele Symptome etwa einer Angststörung – Nummer 1 auf der Häufigkeitsliste – oder von Depressionen angibt, ist darum nicht automatisch psychisch krank. Es gibt viele Menschen, die akzeptieren, dass sie so sind, und damit wunderbar leben; oder leben lernen.

Starker Anstieg von Behandlungen und Verschreibungen

Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen Klassifikation (Kategorisierung) und Diagnose psychischer Störungen. Ersteres ist tumbes Erbsenzählen; Letzteres erfordert klinische Erfahrung und eine Berücksichtigung der persönlichen Umstände der Betroffenen. Wer nach fünf Minuten beim Arzt schon eine Depression diagnostiziert bekommt und mit einem Rezept zur Apotheke geschickt wird, der wurde falsch behandelt.

Der leblosen bürokratischen Perspektive steht unsere Lebenswelt gegenüber: Die Anzahl von Menschen in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung steigt seit Jahren. Die Verschreibung von Psychopharmaka zur Behandlung von unter anderem Angststörungen, Depressionen und Aufmerksamkeitsstörungen ist dramatisch gestiegen. Ebenfalls steigen die Krankheitstage und Frühberentungen wegen psychischer Störungen.

Soziale Umstände spielen wichtige Rolle

Jetzt einfach Kapitalismus und Globalisierung die Schuld dafür zu geben, wäre naiv. Ebenso naiv wäre es aber auch, die entscheidende Bedeutung sozialer Faktoren für die psychische Gesundheit zu leugnen.

In den Sozialwissenschaften wurde immer wieder belegt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen, unter anderem, der Arbeitssituation, dem Bildungsniveau, ökonomischem sowie sozialem Kapital, dem Partnerschaftsstatus oder dem Geschlecht und psychischen Störungen gibt. Das Psychische ist also politisch.

Sackgasse der biologischen Psychiatrie

Ein Drama unserer Zeit ist, dass seit den 1980er Jahren Milliarden vor allem in die genetisch-biologische Psychiatrie gesteckt wurden, obwohl diese Ansätze den Patientinnen und Patienten wenig bringen. Selten wurde das so deutlich wie bei der Veröffentlichung des psychiatrischen Diagnosehandbuchs DSM-5 im Jahr 2013.

Trotz jahrzehntelanger Bemühungen, trotz weltweiter Initiativen, trotz Milliarden und Abermilliarden an Forschungsmitteln konnten die führenden Fachleute für keine einzige der mehreren Hundert Störungen eine zuverlässige biologische, genetische oder neuronale Diagnose anbieten. Dabei war dies seit 2000 das erklärte Ziel für die neue, fünfte Ausgabe des DSM. Auch auf der Seite der Behandlungen sieht es leider mau aus.

Sie suchen Fehler nur im Individuum

Neben der Verschwendung von Ressourcen kommt der biologischen Psychiatrie eine weitere politische Bedeutung zu: Durch die Verortung des Problems im Körper des Individuums verschwindet die soziale Dimension. Krank ist dann nicht die Umwelt oder eine Politik, die immer weiter reichende Anpassungen des Einzelnen an das Konkurrenzmodell des globalen Markts erwartet.

Nein, krank ist dann der Mensch, der nicht mehr den Ansprüchen an perfektes Funktionieren genügt. Gemäß dem ökonomischen Ansatz der eingangs erwähnten Epidemiologen ist jeder von uns ein gesellschaftlicher Kostenfaktor, sobald er auch nur einen Tag nicht arbeiten kann.

Stabil ist dieses System, weil es den Menschen gleichzeitig die Verantwortung nimmt: Der Körper sei eben krank. Das könne jedem passieren. Dazu werden dann symptomlindernde Mittel verschrieben.

Eine andere Psychologie/Psychiatrie ist möglich

Damit ist den Menschen aber oft nicht geholfen. Biologische Erklärungen reduzieren zwar allgemein die Schuldvorwürfe, nicht aber die soziale Ausgrenzung. Ferner können die Diagnosen auch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden: Weil jemand angeblich ein krankes Gehirn hat, traut er sich auch weniger zu.

Das Psychische ist politisch. Am Status quo wird sich aber nichts ändern, solange sich die Mehrheit der Patientinnen und Patienten mit der Symptomlinderung anstelle der Bekämpfung der Ursachen zufriedengibt. Unsere Gesundheitsexperten verdienen in der Zwischenzeit hervorragend.

Veröffentlicht:

Ass. Prof. Dr. Stephan Schleim
© Nils Kohrs
Ass. Prof. Dr. Stephan Schleim

Psychologe und Philosoph, Universität Groningen

Ass. Prof. Dr. Stephan Schleim ist Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen (Niederlande). Er promovierte selbst im Bereich Hirnforschung in zwei psychiatrischen Universitätskliniken und analysiert seitdem die Übertragung der Neurowissenschaften in Wissenschaft und Praxis. Mehr zu seiner Arbeit findet sich in seinem Blog „Menschen-Bilder“ beim Spektrum Verlag.

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