Trend #10 – Selfmanagement: Wie viel werden Mitarbeiter mitbestimmen?

Jedes siebte von XING befragte Unternehmen glaubt, dass es in 15 Jahren keine Hierarchien mehr haben wird. Wie verändern Trends wie Agilität Führung und Management?

Schafft nicht die Entscheider ab – höchstens die Chefs

Ivo Bättig
  • Hierarchieloses Arbeiten ist ohne Strukturen und Führung chaotisch
  • Für mehr Effizienz brauchen Mitarbeiter Klarheit, Sicherheit und Entscheidungen
  • Kompetenz und Sinnorientierung ist künftig wichtiger als starre Hierarchien

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Immer wieder lese ich die Forderung, Hierarchien abzuschaffen. Das allerdings ist viel zu kurz gedacht. Wenn man die Manager entfernt, dann ist das Management weg. Es braucht also andere Mittel, um die Managementaufgaben weiterhin zu erfüllen.

Doch beginnen wir von vorn. Bisherige Organisationssysteme haben lange gut funktioniert, da sie auf die Bedürfnisse einer früheren Zeit zugeschnitten waren. Damals sah Arbeit noch ganz anders aus als heute: Sie war primär manuell und intellektuell oft weniger anspruchsvoll. Das meiste wurde vor Ort erledigt, und der Ausbildungsgrad war eher niedrig. Das Ziel damals war, Arbeit so messbar, kontrollierbar, vorhersagbar und effizient wie möglich zu machen. Das hat auch funktioniert. Die Unternehmen wuchsen, der Lebensstandard stieg, und ja, Manager waren die Gestalter dieses Wachstums.

Doch heute funktioniert Arbeit anders. Die Globalisierung, die Mobilität, das Internet, das Mobile, das exponentielle Wachstum, die Disruption, die Digitalisierung, die Komplexität und noch vieles mehr haben sie grundlegend verändert. Trotzdem nutzen wir oft noch die Prinzipien von Organisationssystemen, die eigentlich für die Arbeit von damals erfunden worden waren.

Weiterbildungen ohne Wandel verpuffen ohne Wirkung

Heutiges Arbeiten muss logischerweise anders aussehen. Es reicht jedoch nicht, Mitarbeitende in Ausbildungen für Methoden wie Kanban, Design-Thinking oder Agilität zu schicken und sie dann wieder im gewohnten Arbeitsumfeld arbeiten zu lassen. Da verpufft die Energie durch die bestehenden Organisationssysteme. Denn Digitalisierung ist nicht nur die Einführung von neuen Technologien und Methoden, sondern es braucht grundsätzliche Überlegungen, wie Arbeit und Organisation anders gelebt werden können.

Wenn die Überlegung jedoch darin besteht, einfach die Chefs (Manager) abzuschaffen, dann greift dies zu kurz.

In jeder Gruppe, jedem Team und jeder Organisation braucht es Entscheider – jemanden mit der Autorität, die Richtung vorzugeben. Dies muss nicht immer dieselbe Person sein, also kein klassischer Chef. Es kann auch jemand mit der entsprechenden Kompetenz zum jeweiligen Thema sein. Menschen sind fähig, sehr viel selbstorganisierter zu arbeiten, als wir es ihnen oft zugestehen. Das beweisen wir tagtäglich in unserem privaten Umfeld, indem wir laufend selbstständig große Entscheidungen treffen – ohne Chefs. Klar, wir orientieren uns an anderen Personen und Meinungen, doch wir sind selbstverantwortlich. Warum also nicht auch bei der Arbeit? Trotzdem brauchen wir Klarheit darüber, wer entscheidet. Wir brauchen also durchaus noch Hierarchien – jedoch keine Hierarchien von Menschen, sondern von Rollen mit klar definierten Verantwortlichkeiten.

Zudem braucht es Sicherheit. Dafür wiederum müssen klare Regeln definiert werden, an denen sich alle orientieren können. In diesen Regeln wird festgelegt, wie die neu verteilte Autorität funktioniert, wie die für eine Selbstorganisation wichtige Transparenz geschaffen wird und wie die Organisation in stetig kleinen Schritten verändert werden kann. Ein wichtiger Baustein ist dabei, Klarheit über den Sinn und Zweck der Organisation zu schaffen: nicht einfach vorgegebene Visionen und Ziele, sondern etwas, womit ich mich selbst identifizieren kann. Etwas, was mich morgens aus dem Bett holt und mir eine persönliche Befriedigung gibt. Ein Warum und nicht nur das Was und das Wie.

Wir brauchen keine Befehlsgeber, sondern kompetente Personen mit natürlicher Autorität

Erfahrene, kompetente und motivierte Antreiber, welche andere begeistern können und neue Ideen oder Initiativen ein- und vorwärtsbringen, sind noch wichtiger als in der alten Arbeitswelt. Personen, an denen sich Mitarbeitende orientieren, ohne Befehlsgeber zu sein, sondern mit einer natürlichen Autorität, gegeben durch die Art und Weise ihrer Arbeit und ihrer Zusammenarbeit.

Was wir jedoch in vielen Arbeitsumfeldern nicht mehr brauchen, sind Mitarbeitende, die andere Mitarbeitende managen oder die als Mensch über andere Menschen gestellt werden. Alle Akteure, die etwas verändern wollen, brauchen also Unterstützung, wie sich dies umsetzen lässt. Nicht in der Theorie, sondern mit konkreten Praxisansätzen. Dort ist es, wo ich in unserer modernen Arbeitswelt einen Beitrag leisten möchte.


15 Jahre XING

Vor 15 Jahren gab es weder soziale Medien noch Smartphones, agiles Arbeiten war hierzulande unbekannt. Unvorstellbar, was in den kommenden 15 Jahre alles Neues entstehen und wie sich unsere Arbeitswelt entwickeln wird! In welchen Berufen werden wir künftig überhaupt arbeiten – und wie? Wie verändert die künstliche Intelligenz den Recruiting-Prozess? Wird die Arbeitswelt von morgen gerechter sein – oder tiefer gespalten?

Zusammen mit dem Zukunftsforscher und Gründer des Trendbüros, Professor Peter Wippermann, hat XING 15 Trends untersucht, die Arbeitnehmer und Unternehmen betreffen und die Gesellschaft verändern werden. Unsere Prognosen basieren auf der wissenschaftlichen Expertise des Trendbüros, einer repräsentativen Umfrage unter den XING Mitgliedern und E-Recruiting-Kunden sowie aus unserer Erfahrung als Vorreiter beim Thema New Work.

Die 15 Trends lassen wir seit dem 5. November täglich auf XING diskutieren – hier auf XING Klartext, von unseren XING Insidern und im XING Talk. Alle Beiträge finden Sie gesammelt auf einer News-Seite.

  • In der Woche ab dem 5. November drehte sich alles darum, was sich für den einzelnen Arbeitnehmer ändert.
  • Ab dem 12. November diskutieren wir eine Woche lang die Folgen des Wandels für Unternehmen.
  • Eine Woche später, ab dem 19. November, thematisieren wir, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird.

Bei Fragen, Feedback und Ideen erreichen Sie die Redaktion von XING News unter klartext@xing.com. Wir freuen uns auf spannende und hitzige Diskussionen!

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Ivo Bättig
© Privat
Ivo Bättig

Partner, Unic

for Responsive Organisations

Ivo Bättig ist Partner von Unic, einer Digitalagentur mit Sitz in der Schweiz. Dort ist er unter anderem zuständig für die Umsetzung des Holacracy-Prinzips. In seiner Rolle als Chief Strategy Officer hat er die Erarbeitung einer neuen Unternehmensstrategie inklusive des neuen Organisationssystems verantwortet. Davor war er fünf Jahre als COO von Unic tätig und hatte diverse Führungspositionen bei Unternehmen in unterschiedlichen Branchen inne, unter anderem mehrere Jahre bei Accenture als Berater.

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