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Gesellschaft der Zukunft: Wie werden wir wirtschaften?

Schauen wir in die kommenden Jahre, müssen wir eingestehen: Wir haben immer weniger Ressourcen, wir werden weniger arbeiten und haben immer weniger Mut. Wie kann eine Reform unserer Ökonomie aussehen?

Seien Sie mutiger!

Anna Stania und Nils Schnell

New-Work-Experten

Anna Stania und Nils Schnell
  • Elf Monate lang haben wir 26 Länder und viele spannende Unternehmer besucht
  • Immer wieder zeichnete die Menschen eines aus: ihr Mut
  • Hierzulande wird Sicherheit höher bewertet als Mut – das bremst

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Die Sonne knallt auf unseren Jeep. Es sind über 40 Grad Celsius, wir befinden uns mitten in der Wüste Gobi. Allein, ohne Fremdenführer und ohne Fahrer. Wir sind schon den ganzen Tag gefahren. Vor uns liegt laut Google Maps eine Hauptstraße – in Wirklichkeit ist es ein ausgetrocknetes Flussbett. Wir können maximal fünf Kilometer pro Stunde fahren und riskieren trotzdem, steckenzubleiben. Für uns ist klar: Umkehren ist keine Option. Wir ziehen das durch. Genauso bewusst ist uns aber auch: Heute machen wir das nicht mehr. Für dieses Flussbett brauchen wir unsere volle Konzentration. So entschließen wir uns, an dieser Stelle zu übernachten und uns der Herausforderung erst am nächsten Morgen mit frischer Kraft zu stellen.

Das Flussbett haben wir schließlich souverän, aber auch mit viel Nervenkitzel gemeistert. Diese Situation in der Wüste Gobi war nur einer von vielen herausfordernden Momenten, in denen wir uns wiederfanden. Insgesamt waren wir elf Monate lang unterwegs. Fast ein Jahr, in dem wir drei Kontinente, 26 Länder und zahlreiche Unternehmen besucht haben. Wir sind schon von Natur aus experimentierfreudig und neugierig, doch vor allem haben uns die Menschen beeinflusst, die wir getroffen haben. Denn eines hat uns die ganzen elf Monate begleitet: ihr Mut.

Kein Gründer, den wir trafen, schaute wehmütig zurück

Ob die Oma aus dem ländlichen China, die ihre Ofenkartoffeln aus der Garage und nur über WePay verkauft. Oder die Gründer aus Kasachstan, die alles aufgegeben haben – nur für eine Idee und eine Chance. Jeder von ihnen hat einfach gemacht und ist diesen Schritt ins Ungewisse gegangen, egal ob die vorherige Stelle sehr gut oder nur so lala war. Bemerkenswert ist auch: Keiner von ihnen hat zurückgeschaut.

Während wir all diese mutigen Menschen trafen, waren wir auch weiterhin in unserem Beruf als Berater tätig. So wurde uns der Kontrast zwischen diesem mutigen Gründergeist zu unserer deutschen Mentalität erst richtig bewusst. Denn Otto Normalverbraucher wird vor allem durch eines bestimmt: Vorsicht. Man möchte ungern das aufs Spiel setzen, was man hat.

Uns geht es gesamtgesellschaftlich so gut, dass wir wenig Bedarf darin sehen, etwas zu verändern. Selbst wenn der Job keinen Spaß bringt, erträgt man ihn. Denn immerhin bekommt man regelmäßig Gehalt. Und auch wenn vielleicht irgendwo ein innerer Antrieb zum Jobwechsel besteht, am Ende tut man es doch nicht. Der letzte Schritt wird nicht gemacht. Es fehlt schlichtweg an Mut.

Eigentlich sind sich alle einig – und trotzdem passiert nichts

Es ist schade, zu sehen, dass viele lieber in ihrer Komfortzone verbleiben, obwohl sich diese vielleicht gar nicht mehr so komfortabel anfühlt. Ich möchte mein Leben doch wirklich leben und mit einer Tätigkeit füllen, an der ich Freude habe und die mich erfüllt. Aber der Mangel an Mut betrifft nicht nur die individuelle Ebene. Er zieht sich von jedem Einzelnen durch unsere gesamte Gesellschaft, die Politik und unsere Unternehmen.

Eigentlich sind wir uns doch alle einig: Man muss mehr für den Umweltschutz tun, weniger fliegen, mehr unverpackt einkaufen und weniger Fleisch konsumieren. Am Ende passiert jedoch: nichts. Weil wir als Masse relativ träge sind. Um voranzukommen, braucht eine Gesellschaft Menschen, die mutig voranschreiten. So, wie es zum Beispiel eine Greta Thunberg tut. Aber abgesehen von ihr? Da sieht es schon mau aus. Im Moment sind es vor allem junge Menschen, die sich einsetzen und vorangehen. Das ist natürlich eine tolle Entwicklung, aber wenn wir alle an einem Strang ziehen würden, was hätten wir dann für eine Bewegungsmasse!

Wir bewegen uns nicht von der Stelle

Einen Unterschied könnten vor allem Politiker machen. Es klingt so einfach: CO2-neutrale Produkte durch eine geringere Mehrwertsteuer vergünstigen und den Preis umweltschädlicher Produkte erhöhen. Aber der Lobbyismus und der Wille, nach vier beziehungsweise fünf Jahren wiedergewählt zu werden, sind groß. Und so neigt man lieber zur Vorsicht, als mal mutig nach vorn zu schreiten und neue, parteiübergreifende Wege zu beschreiten. Es ist völlig klar, dass wir uns so nicht von der Stelle bewegen. Am Ende besteht Mut eben immer aus Machen.

Allerdings meinen wir damit nicht planloses Machen, das im Chaos endet. Zum Mutigsein gehört auch, sich gut zu überlegen, was man wirklich will und was man dafür aufs Spiel setzt. Aber wer es dann schließlich wagt, der wächst und erlebt deutlich mehr Erfolge.

Es zählt nicht, was Unternehmen sich an die Wand schreiben

Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man einmal schlechte Erfahrungen macht, aus denen man lernt. Hier müssen vor allem Unternehmen ansetzen. Zwar schreiben sich viele diese Fehler- und Lernkultur auf die Fahnen, aber de facto passiert wenig. Fehlerkultur entsteht durch gelebte Praxis und nicht durch ein Banner an der Wand, auf dem steht „Wir wollen schnell lernen, und Fehler sind okay“. Am Ende zählt: Hat man die Möglichkeit, Dinge ganz anders zu machen? Und auch wenn Fehler passieren den Rückhalt, erhobenen Hauptes durch das Unternehmen zu spazieren, denn man hat sich ja getraut?

In China läuft in Sachen Menschenrechte einiges schief – das muss man auch ganz deutlich sagen. Was sich aber unternehmerisch zeigt, ist, dass Chinesen unglaublich viel Mut, Disziplin und Fleiß an den Tag legen. Damit rocken die einfach alles und lassen uns mit einem Affentempo links liegen. Mit unserem deutschen Perfektionismus und Vorhaben, die von vorn bis hinten durchgeplant sind und nicht mehr angepasst werden – denn mit dem Vorstand ist ja alles abgesprochen –, kommen wir nicht weit.

Wo stehe ich eigentlich?

Anders als in China hält unsere Gesellschaft gern an Bestehendem fest und warnt: Bist du dir sicher? Willst du das wirklich? Hast du dir das auch gut überlegt? All das bremst – die gesellschaftliche ebenso wie die persönliche Entwicklung. Uns hat die Reise daher gezeigt, dass wir uns nur noch mit Menschen umgeben wollen, die uns unterstützen möchten. Natürlich lassen wir uns gern herausfordern und hinterfragen, das gehört dazu. Aber gerade bei Dingen, bei denen man mutig sein möchte und manchmal sogar einen Schubser braucht, helfen einem Unterstützer mehr als Miesepeter.

Ich kann nur jedem empfehlen, regelmäßig in sich hineinzuhorchen und sich zu fragen: Wo stehe ich eigentlich? Was ist mein Status quo? Und wie zufrieden bin ich damit? Das ist ein guter erster Schritt, um sich zu trauen und sich auch zu erlauben, nachzuspüren, ob man zufrieden ist oder nicht. Im Coaching stellen wir oft fest, dass vielen tatsächlich gar nicht bewusst war, dass sie in ein paar Punkten feststeckten.

Überlegtes Handeln statt waghalsigem Ausbrechen

Weiß man, wo eine Veränderung nötig ist, besteht der nächste Schritt darin, ein Albtraumszenario zu skizzieren. Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Erlaubt man sich, darüber nachzudenken, erscheinen die Folgen oft gar nicht mehr so schwerwiegend. Vielleicht kehrt man reumütig in den alten Job zurück. Oder man braucht ein paar seiner Ersparnisse auf, weil die Selbstständigkeit nicht geklappt hat.

Die Veränderung muss nur wohlüberlegt sein. Statt waghalsig auszubrechen, sollte man sich gut überlegen: Was möchte ich wirklich? Was brauche ich dafür? Wie kann ich loslegen? Und dann sollte man auch loslegen und sich gern auch einen Tritt in den Hintern geben (lassen). Denn den braucht man. Wenn man das erste Mal auf einem Drei-Meter-Brett steht, fällt es einem auch schwer, zu springen, obwohl man weiß, dass man es kann. Man braucht diesen kleinen Impuls. Und wenn die ersten Schritte gegangen sind, dann sind die Schritte danach auch einfacher.

Im Kleinen beginnen

Dabei muss es nicht immer direkt die Kündigung oder das Gründen eines Start-ups sein. Mut kann man auch im Kleinen austesten. Es ist dabei völlig egal, ob man sich als Teammitglied vor eine Gruppe stellt und sich traut, frei zu sprechen, oder ob man den Schritt in die Führungsrolle wagt, auch wenn man dort in vielen Dingen Anfänger ist und lernen muss.

Auch wir werden uns immer wieder selbst hinterfragen, ob wir so zufrieden sind, wie wir leben. Und wir freuen uns jetzt schon auf neue Abenteuer und Herausforderungen. Die nächste Tour ist schon geplant. Wir fahren vier Monate lang durch Afrika. Da warten noch einmal ganz andere Situationen auf uns, sei es auf Roadtrips, in Organisationen oder im Verkehr. Aber genau das möchten wir, denn wir wissen jetzt schon: Wenn wir das machen, dann werden wir daran wachsen und uns richtig freuen, uns das getraut zu haben.


Diskutieren Sie mit: Wann waren Sie das vergangene Mal mutig? Wo wollen Sie als nächstes mutig sein?


Die Debatte zum Thema „Wie wollen wir in Zukunft wirtschaften?“ ist Teil des Themenspezials zur Gesellschaft der Zukunft. Geplant war auch, hier einen Beitrag von Autor Anders Indset zu veröffentlichen. Leider wurde dieser kurzfristig abgesagt. Wir versuchen, diesen zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlichen zu können.

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Anna Stania und Nils Schnell
© Movomind
Anna Stania und Nils Schnell

New-Work-Experten

Die Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Mowomind, Anna Stania und Nils Schnell (beide Jg. 1985), begleiten und beraten Unternehmen wie Privatpersonen bei New-Work-Themen. 2018 waren die Coaches elf Monate lang unterwegs, um auf ihrer Modern-Work-Tour nicht nur durch drei Kontinente und 26 Länder zu reisen, sie lernten auch spannende Unternehmen kennen. Ihre Route führte sie von Hamburg über Zagreb, Bishkek, Peking und Singapur bis nach Sydney und zurück über Dubai, Beirut und Istanbul.

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