Probleme beim Einloggen

Biete Beruf, suche Berufung: So klappt der Neustart in der Lebensmitte

Schon längst geht es im Job nicht mehr nur darum, Geld zu verdienen, sondern sich auch zu verwirklichen. Aber wie geht man damit um, wenn man die Weichen dafür falsch gestellt hat?

Sie wollen unbedingt Astronaut werden? Na, dann los!

Hermann Scherer
  • 99 Prozent aller Menschen geben sich mit Mittelmaß zufrieden
  • In der Folge ist der Wettbewerb um „normale“ Jobs sehr hoch
  • Sie müssen nicht alle Ziele erreichen, sollten aber stets streben

13.241 Reaktionen

Der Junge wollte noch zum Mars fliegen, nach der Schule machte er eine Banklehre. Das Mädchen wollte Wimbledon gewinnen wie Steffi Graf – und nein, sie hieß nicht Angelique Kerber, denn sie hat als junge Frau nur noch wenig mit Sport am Hut und büffelt stattdessen Jura an einer Feld-Wald-und-Wiesen-Uni. Und wenn wir beide heute darauf ansprechen, wie sie nun Astronaut oder Tennisprofi werden wollen, ernten wir nur ein Stirnrunzeln. War da noch was?

Beileibe habe ich nichts gegen Banker, Studierende oder Juristen, bitte legen Sie mir das nicht falsch aus. Wenn sich ein Mensch leidenschaftlich wünscht, gern Banker zu werden, die Hand am Puls der Geldströme dieser Welt zu haben, jungen Unternehmern zu helfen, auf die Füße zu kommen, Familien das eigene Dach über den Köpfen zu ermöglichen, die Wirtschaft am Kreiseln zu halten – ja, dann sage ich: Vorwärts! Werde Banker!

Wenn eine junge Frau unschuldige Menschen aus der Zwickmühle hauen, solide Unternehmen vor perfidem Betrug schützen, das Recht und den Souverän und die Ehre verteidigen, für weise Gerechtigkeit und damit für die Stabilität des Gemeinwesens sorgen will, dann sage ich: Mach’s! Werde Anwältin oder Richterin!

Nur leider, wenn ich mich so umschaue, habe ich höchst selten das Gefühl, dass die Banker, Anwälte und wir alle das tun, was wir tun, weil unsere Ansprüche so hoch sind. Ich glaube eher, die meisten Menschen sind bereit, ihre Ansprüche zu senken, wenn sie damit gegen Wände laufen. Und weil das oft passiert, bis wir erwachsen sind, sind die Ansprüche meistens sehr, sehr niedrig, gemessen an den Möglichkeiten.

Third life

Und jetzt zu Ihnen. Sie sind also Banker, Anwältin oder vielleicht auch Friseur geworden und stellen jetzt in der Lebensmitte fest, dass Astronaut, Tennisprofi oder Tenor viel besser zu Ihren Potenzialen gepasst hätte, dann lauten meine ersten Reaktionen:

  1. Willkommen im Club!
  2. Herzlichen Glückwunsch! Sie sind auf einem guten Weg!
  3. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Natürlich kenne ich auch keinen Weg, wie man mit 40 noch Astronaut oder Tennisprofi wird. Und sicher sind das verrückte Beispiele. Aber vermutlich auch, weil sie beispiellos sind. Dabei gilt: Es ist oft leichter, das Unrealistische zu erreichen als das Realistische. 99 Prozent der Menschen auf dieser Welt glauben nicht daran, dass sie in der Lage sind, etwas Großes zu vollbringen, und streben nur nach dem Mittelmaß. Folglich ist gerade bei den realistischen Zielen der Wettbewerb am schärfsten. Deshalb ist es paradoxerweise besonders zeit- und energieaufwendig, solche vermeintlich einfachen oder normalen Ziele zu erreichen.

Und das wären dann meine fünf Zutatentipps für Ihren Neustart. Sie benötigen:

1) Mut: Bitte unterschätzen Sie nicht Ihre Potenziale und überschätzen die der Konkurrenz. Es sind gewöhnliche Menschen, die außergewöhnliche Dinge machen – und damit vielleicht sogar außergewöhnlich werden.

2) Potenzialentfaltung: Die Frage ist doch, warum wollen Sie unbedingt Astronaut werden. Wollen Sie einfach nur mal Ferien im All machen? Dann schauen Sie doch mal unter weltraumtouristik.de. Aber wenn Sie da oben wirklich etwas beitragen wollen, müssen Sie eine Idee haben, was das sein soll und was das mit Ihren Potenzialen zu tun hat.

3) Zeit: Laut gut recherchierten Gerüchten soll es bei einem Brainstorming die 71. Idee sein, die etwas taugt. Also wirklich nicht die ersten Einfälle, die oft noch im bekannten Fahrwasser schwimmen. Nein, in der Regel brauchen Sie 70 Ideen, die Sie wieder aussortieren – ab dann wird’s spannend! Bitte fragen Sie mich nicht, wie man auf so eine Zahl kommt. Das ist mir auch völlig egal. Was mir gefällt an dieser 71, ist, dass es Zeit braucht, bis man da überhaupt hingekommen ist.

4) Eine Timeline mit „Deadline“: Machen Sie zunächst mal die alte Bundeswehr-Übung und fertigen Sie ein Maßband des Lebens mit Ihrer durchschnittlichen Lebenserwartung an. Jedes Jahr unterteilt in 365 Einheiten, und die schneiden Sie täglich um eine Einheit ab. Wenn Sie das abgeschnittene Stück zu Boden fallen sehen, denken Sie: Aus. Ende. Das Teil ist endgültig abgeschnitten, der Tag kommt nie mehr zurück.

Was ich damit sagen will: Wenn Sie jetzt in der Lebensmitte Ihren Lebenszweck gefunden haben, dann ist das nicht zu spät. Sie haben Ihre Idee ja noch eine ungewisse Zeitspanne vor Ihrer Deadline geschenkt bekommen. Alles andere ist ungewiss. Wenn wir nun in dieser Situation einen Lebenszweck ausmalen, dann doch bitte schön so groß, dass er auf jeden Fall über die Deadline hinausweist! Alles andere ist doch zwecklos. Wir denken immer, warum dann nicht groß? Ich muss das Leben, wie ich es mir in allen Einzelheiten ausmale, nicht bis zu meinem Tod erreicht und erfüllt haben. Vielleicht ist es nie erreichbar. Das macht nichts. Hauptsache, ich strebe danach.

5) Einen Vertrag mit sich selbst: Es wäre sogar schlimm, wenn ich ins Ziel kommen würde. Ich will nicht, dass es mir so geht wie Boris Becker nach dem Erreichen des Wimbledon-Sieges. Mit 17 war alles vorbei. Er hatte als erster Deutscher, als erster ungesetzter Spieler und als jüngster Spieler aller Zeiten das größte Tennisturnier der Welt gewonnen. Was konnte da noch kommen? Nicht mehr viel, der Höhepunkt war überschritten, alles andere ist nicht der Rede wert – jedenfalls im Vergleich zu diesem ersten Wimbledon-Sieg. Zum Glück kann es Ihnen nicht mehr so schlimm ergehen, die Volljährigkeit haben Sie längst erreicht. Aber bitte bedenken Sie: Wenn Sie sich mit 40 plus gefragt haben, was Sie noch mit Ihrem Leben anfangen wollen, dann ist das, was Sie als sinnvolle Antwort mit Mut, Zeit, innerem Kompass und in Kenntnis Ihrer Potenziale entwickelt haben, ein Leistungsversprechen an sich selbst. Und genau das machen Sie sich jetzt bewusst, legen den Fokus auf das eigene Wort und geben alles, um es zu halten. Wirklich alles, auch in der letzten Spielminute bei zwei Toren Rückstand. Selbst wenn Sie dennoch verlieren, haben Sie gewonnen. Ein Stückchen Selbstachtung nämlich.


Hermann Scherer ist einer von über 100 XING Branchen-Insidern, die ab sofort regelmäßig ihre persönlichen Einsichten mit den mehr als 10 Millionen XING Mitgliedern teilen. Sie können ihm und weiteren XING Branchen-Insidern hier folgen, um keinen der Beiträge mehr zu verpassen.

Veröffentlicht:

Hermann Scherer
© Privat
Hermann Scherer

Autor und Vortragsredner; Geschäftsführer

für Exzellenz, Chancenintelligenz, Fokussierung

Hermann Scherer baute nach dem Studium der Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Marketing und Verkaufsförderung mehrere eigene Unternehmen auf. Ein Unternehmen platzierte er nach kurzer Zeit unter den Top 100 des deutschen Handels. Parallel dazu wurde er internationaler Unternehmensberater, Trainerausbilder und Manager of Instruction der weltweit größten Trainings- und Beratungsorganisation.

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren