Eltern in der Corona-Krise: Wie lässt sich die Last verteilen?

Während die Bundesregierung weiter über die schrittweise Öffnung von Kitas und Schulen diskutiert, sind viele Eltern längst an ihrer Belastungsgrenze. Vor allem die Mütter sind betroffen.

Dr. Laura Sophie Dornheim
  • Wir haben in unserer Firma eine „Corona-Familienzeit“ eingeführt
  • Auch ohne finanziellen Spielraum können Sie Eltern unterstützen
  • Hören Sie Ihren Mitarbeiter*innen zu und probieren Sie Lösungen aus

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In unserem Unternehmen gibt es seit vergangener Woche eine neue Option im Abwesenheitstool, die „Corona-Familienzeit“. Sie findet sich in der Kategorie „Urlaub“, aber unsere Geschäftsführung hat bei der Einführung dieser neuen Auszeit sofort eines klargestellt: Sich um Kinder zu kümmern ist kein Urlaub und keine Freizeit. Im Gegenteil, es ist oft harte Arbeit.

Deshalb können sich jetzt alle Mitarbeiter*innen stundenweise Familienzeit nehmen und sich so vom Job abmelden, um in Ruhe mit der Familie zu essen, um mit den Kindern zu lernen, zu malen oder eine Runde um den Block zu laufen. Corona-Familienzeit wird nicht vom Gehalt und auch nicht von den Urlaubstagen abgezogen. Sie muss nicht beantragt oder genehmigt werden. Einzige Bedingung ist, dem eigenen Team Bescheid zu geben, damit alle wissen, wer wann erreichbar ist.

Auch wenn Sie als Führungskraft nicht die Möglichkeit haben, Sonderurlaub zu gewähren, können Sie einiges tun, um Ihren Mitarbeiter*innen mit Kindern das (Arbeits-)Leben zu erleichtern.

An erster Stelle steht die Einstellung zu Arbeit und Kindern. Der durchs Bild laufende Nachwuchs taugt 2020 nicht mehr zum Internet-Meme, wie noch vor zwei Jahren beim BBC-Interview mit einem Politikexperten, er gehört zum ganz normalen Arbeitsalltag von Millionen von Eltern und damit allen, die mit Eltern zusammenarbeiten.

Und genau so sollten sie behandelt werden. Wer es jetzt immer noch als Störung empfindet, wenn im Hintergrund ein Kind singt, dem fehlt sowohl Realitätsbezug als auch Empathie. Das Letzte was arbeitende Eltern aktuell brauchen, ist noch mehr Stress. Also geben Sie den Müttern und Vätern in Ihrem Team ganz explizit zu verstehen, dass Sie Verständnis haben. Sperren Sie Ihre eigenen Kinder nicht aus Ihrem Homeoffice aus, es wirkt auf alle entspannend, wenn Sie als „normales“ Vorbild agieren, und dazu gehört es, Ihre eigene Realität zu teilen.

Seien Sie ein unperfektes Vorbild

Wenn Sie sich entschuldigen, weil Ihre Tochter kurz vor Feierabend einfach mal auf Ihrem Schoß sitzen will, suggerieren Sie damit, dass es ein Fehler oder ein Problem sei. Ist es aber nicht. Wenn Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Kolleginnen und Kollegen sehen, dass es auch bei Ihnen manchmal ein bisschen durcheinandergeht, nimmt das viel Druck von allen Schultern: Sie müssen im Homeoffice nicht die perfekte, kinderlose Performance liefern. Bieten Sie proaktiv an, Meetings so zu legen, dass sie nicht mit für Kinder wichtigen Zeiten wie Mittagessen oder Einschlafgeschichte kollidieren. Besser: Hinterfragen Sie, wie viele Meetings es wirklich braucht. Das galt schon vor Corona, ist aber gerade noch viel relevanter geworden. Sie können alle im Team, mit Familie oder ohne, dazu anhalten, Blocker im Kalender einzustellen, damit klar ist, wer wann in der Mittagspause und für ein oder zwei Stunden nicht erreichbar ist.

Fragen Sie nach, was die Eltern in Ihrem Team brauchen, wie es Ihnen mit dieser Dauer-Doppelbelastung geht. Allein die Bereitschaft, zuzuhören, ist Balsam auf die Seele gestresster Eltern, die sich aktuell 24/7 um die Bedürfnisse anderer Menschen kümmern. Als Führungskraft, als Mitarbeiterin und als Mutter bin ich mehr denn je der Überzeugung, dass Mitarbeiter*innen dann am besten arbeiten, wenn sie sich persönlich gesehen und wertgeschätzt fühlen.

Eltern sind weit entfernt vom Normalbetrieb

Wenn Sie gefallen an Ihrer neuen Rolle als #CoronaEltern gefunden haben, können Sie das nächste Level knacken: Achten Sie mal darauf, wie viele Mütter und wie viele Väter sich während der Arbeitszeit um Ihre Kinder kümmern. Bei wem laufen sie durchs Bild, wer reduziert Stunden oder arbeitet neuerdings um 5 Uhr morgens und nach 21 Uhr? Wenn Sie Mitarbeiter (hier fehlt das Sternchen absichtlich, meine Herren) oder Kollegen haben, die Väter sind, aber trotz Corona-Homeoffice ganz normal und entspannt weiterarbeiten, fragen Sie die doch mal, wer sich denn gerade um die Kinder kümmert.

Ermutigen Sie sie ganz explizit dazu, längere Mittagspausen zu machen, mal einen Tag freizunehmen oder sogar temporär Stunden zu reduzieren. Die zugehörige Partnerin wird es Ihnen danken. Und Scheidungen sind auch nicht gerade gut für die Produktivität. Solange Kitas und Schulen nicht wieder Normalbetrieb aufnehmen können, solange werden Eltern es auch nicht können. Gute Führungskräfte wissen, dass der wichtigste Teil ihres Jobs darin besteht, ihre Mitarbeiter*innen zu supporten. Die aktuelle Krise ist auch eine Bewährungsprobe für Sie.

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Dr. Laura Sophie Dornheim
© Laura Sophie Dornheim
Dr. Laura Sophie Dornheim

Digitalpolitikerin, Wirtschaftsinformatikerin und Teamlead, Eyeo GmbH

Dr. Laura Sophie Dornheim ist Wirtschaftsinformatikerin und Doktorin der Gender Studies. Die grenzenlosen Möglichkeiten des Internets begeistern sie, seit sie das erste Mal online ist. Heute arbeitet sie als Managerin beim Softwareunternehmen Eyeo und leitet dort ein internationales Team. Als ehrenamtliche Digitalpolitikerin bei den Berliner Grünen befasst sie sich mit der Schnittstelle von Digitalem und Sozialem.

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