Arbeiten in Zeiten von Corona: Homeoffice, sweet Homeoffice?

Millionen Menschen arbeiten derzeit von zu Hause aus. Das Konferieren und Kooperieren via Chat und Videokonferenz bietet riesige Chancen – hat aber auch Tücken. Wir zeigen, wie es richtig geht.

So schaffen Führungskräfte ein Teamgefühl – trotz Homeoffice

Dr. Laura Sophie Dornheim
  • Viele Deutsche arbeiten jetzt von zu Hause
  • Gerade auf Distanz zählt das Wirgefühl
  • Diese Methoden haben sich bei uns im Team bewährt

24,018 responses

Seit mehreren Jahren leite ich ein Team, das nicht gemeinsam in demselben Büro zusammenarbeitet. Meine MitarbeiterInnen sind sogar auf der ganzen Welt verstreut, von Berlin über Köln bis Kiew, London und sogar Panama. Dass sich eine Kollegin aus einem Coworking-Space in Thailand einwählt, ist für uns genauso normal wie der Kollege, der während der Videokonferenz stolz sein Neugeborenes auf dem Schoß hält. Selbstverständlich empfinden wir uns alle als Teil eines Teams, auch wenn wir uns nicht täglich in der Kaffeeküche begegnen. Um dieses Zusammengehörigkeitsgefühl über die Distanz aufrechtzuerhalten, helfen uns Werkzeuge und Rituale, die auch andere Teams, gerade wenn sie noch Homeoffice-Novizen sind, für sich nutzen können.

Guten Morgen im Chat

Gerade ohne festes Büro ist es wichtig, dass es für alle Strukturen gibt. Unser Tag beginnt mit einem Stand-up, also einem kurzen virtuellen Meeting, in dem alle in knapper Form schildern, woran sie heute arbeiten. Wir halten dieses nicht als Livekonferenz ab, sondern per sich aktualisierendem Chat, da nicht immer alle in derselben Zeitzone sind und es keinen Grund gibt, alle in ein gemeinsames Meeting zu zwingen, das deren Tagesablauf sprengt.

Wenn ich selbst morgens meinen Rechner aufmache, ist meistens schon ein Update im Chat vorhanden, und der Tag beginnt. Ich schicke Guten-Morgen-Grüße und tippe einen Überblick über meine aktuelle To-do-Liste. Gerade wenn es zeitkritische oder neue Aufgaben gibt, ist das die erste Möglichkeit, andere mit einzubeziehen. Natürlich werden hier auch alle über Abwesenheiten oder andere Neuigkeiten informiert.

Das A und O: Persönlich werden

Am Montag trudeln im Laufe des Vormittags von allen MitarbeiterInnen E-Mails ein, in denen sie die kurze wöchentliche Checkliste beantworten: Woran haben sie gearbeitet, was steht an, wie wohl fühlen sie sich mit ihren Aufgaben, worüber sollten wir reden? Den Montagnachmittag verbringe ich mit 30-minütigen Einzelgesprächen. Dieser Termin und die dazugehörige Checkliste ist das Erste, was ich allen schicke, und selbst wenn es nicht viel zu besprechen gibt, finden die Videotelefonate statt, denn besonders wenn man nicht im selben Büro sitzt, ist es wichtig, den persönlichen Kontakt zu halten.

Ich habe mir angewöhnt, jedes Gespräch sehr persönlich zu beginnen. Wir reden über den überstandenen Umzug, den neuen Welpen, das Konzert am Wochenende und die Erkältung des Kindes. Denn wenn man sich zu einer Videokonferenz verabredet, ist die Versuchung groß, sofort und ausschließlich über die gemeinsamen Projekte zu sprechen. Aber Menschen brauchen Aufmerksamkeit und Zugehörigkeitsgefühl, um motiviert ihre Aufgaben erledigen zu können. Das gilt für Teams, die selten persönlich zusammenkommen, umso mehr.

Wenn es Ihnen als Führungskraft schwerfällt, das umzusetzen, machen Sie sich eine Liste mit möglichen Themen. Sehen Sie es als Herausforderung, möglichst viel über Ihre MitarbeiterInnen zu lernen. Natürlich ohne aufdringlich zu werden, das versteht sich von selbst. Und denken Sie daran, dass Konversation keine Einbahnstraße ist. Erzählen Sie von Ihrem eigenen Wochenende, um ein Gespräch zu beginnen und um deutlich zu machen, dass Ihre Fragen keine reinen Höflichkeitsfloskeln sind.

Eine weitere wichtige Aufgabe für alle, die Teams leiten, ist es, Verbindungen herzustellen. Verständnisvolle Rückmeldungen, wie „Ja, von dem Problem hat mir XY heute auch schon berichtet“, vermitteln ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ebnen den Weg, um gemeinsam Lösungen zu finden. Oder Sie vernetzen zwei MitarbeiterInnen, die an einem ähnlichen Thema arbeiten oder sich gegenseitig befruchten könnten.

Meetings – virtuell und trotzdem persönlich

Einmal in der Woche treffen wir uns zu einem großen Teammeeting, diesmal per Videokonferenz. Das Meeting beginnt mit einer Eröffnungsfrage, die sich reihum jemand im Team ausdenkt. So startet auch dieses Meeting „Off-Topic“, aber dafür umso persönlicher. „Wen würdest du stechen, wenn du ein Moskito wärst?“ war ein besonders kreatives Beispiel. „Wenn du für den Rest deines Lebens nur noch eine Speise haben könntest, welche wäre es?“ bekommt in Quarantänezeiten eine ganz neue Bedeutung. Hochaktuell ist natürlich die Frage nach dem besten Händewaschsong.

Neben dem sozialen Zusammenhalt erfüllen solche Eröffnungsfragen eine weitere Funktion: Studien haben gezeigt, dass sich mehr Anwesende an den folgenden Diskussionen beteiligen, wenn alle zu Beginn einmal gesprochen haben. Und für alle, die neu im Homeoffice sind, ist damit der „Hört ihr mich? Seht ihr mich?“-Test abgehakt.

Sich zu sehen ist essenziell, um ein Teamgefühl aufzubauen und beizubehalten. Darauf sollten Führungskräfte achten. Es gilt gerade auch für Sie: Gesicht zeigen! Denn ein Großteil unserer Kommunikation findet nonverbal statt, Mimik und Gestik fängt jede Webcam ausreichend gut ein, um den KollegInnen ein Lächeln oder Kopfschütteln zu übermitteln. Achten Sie also umso mehr darauf, wie Sie rüberkommen wollen. Mit schlecht sitzenden Haaren im Schlafanzug plötzlich vor den MitarbeiterInnen zu erscheinen dürfte keine so gute Idee sein.

Bei unseren Meetings gibt es immer ein Protokoll, das federführend von einer Person geschrieben wird. Wir speichern es in der Cloud, sodass alle das Dokument öffnen und eigene Ergänzungen machen können. So klappen auch Abstimmungen und Meinungsumfragen, jeder trägt sich einfach an der entsprechenden Stelle ein.

Chats zum produktiven und unproduktiven Austausch

Und auch wenn wir nicht gerade gemeinsam in einer Videokonferenz sind, haben wir diverse Chatkanäle offen. Natürlich geht es dort primär um Arbeit, aber eben auch um unsere Tagesform, die lustigsten Memes oder neuesten Nachrichten. In unserem Intranet gibt es zudem eine Seite, in der alle Fotos von ihren Heimarbeitsplätzen teilen können. Wir haben auch eine andere mit den besten Tipps für produktives Arbeiten von zu Hause und wieder eine mit Tipps, „um nicht verrückt zu werden“. Solche Listen können Sie mit Ihrem Team gemeinsam erstellen, denn nicht jede Zusammenstellung passt zu jeder Teamkultur.

Kennen Sie Kaffeeroulette?

Die Coronakrise wird viele wohl länger ins Homeoffice zwingen, Rituale aus der analogen Welt, wie ein gemeinsames Mittagessen, dürften erst einmal wegfallen. Videokonferenzen bieten auch hier die Möglichkeit, das Teamgefühl zu stärken, gerade jetzt. Halten Sie mit allen, die in derselben Zeitzone arbeiten, eine gemeinsame virtuelle Mittagspause ab. So muss nicht jede und jeder ganz allein am Küchentisch essen. Oder Sie initiieren ein Kaffeeroulette, bei dem sich per Los zwei MitarbeiterInnen aus ganz unterschiedlichen Abteilungen für 15 Minuten verabreden, um sich kennenzulernen und auszutauschen. Ich kenne auch KollegInnen, die einfach den ganzen Tag eine Videokonferenz aktiv schalten, auch wenn gerade nichts passiert. So simulieren sie ein bisschen Bürostimmung.


Debattieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Wie nützlich fanden Sie die Tipps der Autorin? Wie haben Sie sich selbst zu Hause eingerichtet?

Posted:

Dr. Laura Sophie Dornheim
© Laura Sophie Dornheim
Dr. Laura Sophie Dornheim

Digitalpolitikerin, Wirtschaftsinformatikerin und Teamlead, Eyeo GmbH

Dr. Laura Sophie Dornheim ist Wirtschaftsinformatikerin und Doktorin der Gender Studies. Die grenzenlosen Möglichkeiten des Internets begeistern sie, seit sie das erste Mal online ist. Heute arbeitet sie als Managerin beim Softwareunternehmen Eyeo und leitet dort ein internationales Team. Als ehrenamtliche Digitalpolitikerin bei den Berliner Grünen befasst sie sich mit der Schnittstelle von Digitalem und Sozialem.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more