Das verteilte Klassenzimmer: Wie umgehen mit den Schulschließungen?

In allen 16 Bundesländern schließen die Schulen, um die Verbreitung des Virus SARS-CoV-2 zu verlangsamen. Wie können Lehrer, Eltern und Schüler darauf reagieren? Wie unser Bildungssystem?

Daniel Jung
  • Die Krise zwingt viele Lehrende zum Sprung ins kalte Wasser der Digitalisierung
  • Ich sage ihnen: Habt Mut, Jugendliche wollen digital gefordert werden
  • Doch dazu brauchen Schulen und Bildungseinrichtungen eine neue Fehlerkultur

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Vorneweg möchte ich betonen: Vor allem in der frühkindlichen Lernphase spielen andere Dinge eine wichtigere Rolle als Tablets, Videos und Co. Wir sollten aber diese Phase der Krise um das Virus SARS-CoV-2 als Chance für eine Neujustierung nutzen, um digitales Lernen endlich zum Teil des täglichen Lebens an unseren Bildungsreinrichtungen zu machen.

Klar sollte uns im Jahr 2020 auch sein, dass wir zukünftig nur durch lebenslange Lernprozesse in der Arbeitswelt bestehen können – und dafür ist es unsere Pflicht als Gesellschaft, vor allem unseren Nachwuchs darauf vorzubereiten. Genau hier bietet moderne Technologie beste Möglichkeiten, diese Prozesse zu starten, alleine oder gemeinsam Tools zu testen, Erfahrungswerte auszutauschen und Schritt für Schritt eine moderne Lernzukunft zu gestalten.

Wie kann der Alltag aussehen, wenn wir vorerst alle Schulen, Universitäten, Aus- und Weiterbildungszentren schließen?

Die aktuellen Studien der Körber Stiftung und vom Rat der Kulturellen Bildung belegen, dass unser Nachwuchs nicht nur in hoher Frequenz in sozialen Netzwerken aktiv ist, sondern mittlerweile aktiv Wissensinhalte konsumiert. Diese vor allem über die Plattform YouTube in Videoform. Das passiert nicht mehr nur, um Wissenslücken zu schließen, sondern auch, um nachhaltig neue Dinge zu erlernen und im realen Leben anzuwenden.

Unter www.mathefragen.de kann man kostenlos gemeinsam Probleme bearbeiten und Übersichten für diverse Lernkanäle vorfinden, Minizertifikate anhand seines Helferverhaltens erwerben. Dazu gibt es Meldemöglichkeiten für Content im Internet, um das Thema der Qualität im Netz voranzutreiben. Es macht großen Spaß, hier gemeinsam mit den Usern weiterzuentwickeln, ohne permanente Auflagen zu haben. Sowohl den Lernenden als auch den Helfern bieten sich Möglichkeiten, dabei zu sein.

Wer nun nach empirischen Untersuchungen schreit, der möge sich bitte die global agierenden Anbieter wie Udacity, Coursera, Udemy oder Khan Academy anschauen, die alle eine Grundstruktur von geführten Videokursen gemeinsam haben. Da das passive Konsumieren von Lernmaterialen natürlich nicht den tiefen Lerneffekt hat wie aktives Machen, werden Möglichkeiten wie interaktive Übungsaufgaben und entsprechende Tests geboten. Individuelle Fragen und Probleme können in einem Frage- und Antwortbereich thematisiert werden. Hier finden echte Menschen digital zusammen und klären Probleme in einer intuitiv zu bedienenden Umgebung.

Schüler können und wollen intuitiv mit digitalen Formaten ihr Wissen erweitern

Meine Wunschvorstellung ist eine geschlossene Plattform gemäß aller Datenschutzrichtlinien, einfach bedienbar, gefüllt mit exzellentem Content und immer online. Auch wenn dieses noch nicht erreicht ist, so gibt es auch jetzt schon alle einzelnen Bausteine, um ohne Probleme und große Budgets zu starten! YouTube bietet so viele Lernkanäle im deutschsprachigen Raum, von Mathematik über Biologie bis zu neuen Themen wie Künstliche Intelligenz. Schüler sind geradezu begierig darauf, sich hier auszutoben und neue Inhalte zu entdecken. Lehrer, Professoren und Ausbilder finden schon heute perfekt aufbereiteten Content. Fragen dazu können über digitale Plattformen besprochen und geklärt werden, und Treffen vor Ort können durch digitale Kommunikationssoftware ersetzt werden.

Ja, wir haben tolle Produkte aus Deutschland, aber sehen wir den Tatsachen ins Auge: Die von den großen Anbietern aus den USA und China sind am schnellsten eingesetzt. Ist das so schlimm? Inhaltlich hochwertigen Content über YouTube konsumiert und über Microsoft Teams gemeinsam live zusammen diskutiert ist weniger verheerend, als unsere Jugendlichen alleine zu lassen im Social-Media-Dschungel ohne Orientierung.

Auch hier fordere ich Lehrkräfte, aber auch Unternehmen auf, aktiv mit Wissensinhalten in die Produktion zu gehen und die Jugend mit fantastischen Inhalten abzuholen. Bestes Beispiel aktuell ist meiner Meinung nach Lehrerschmidt auf YouTube, der ohne großen Aufwand seine Lernvideos produziert und über YouTube bereitstellt. Er ist ein richtiger Lehrer mit derzeit über 400.000 Usern auf seinem Kanal – für ihn wird die Fortführung des Unterrichts trotz Schulschließung einfach sein. Natürlich muss inhaltlich umgedacht werden und auch Kreativität ist gefragt.

Vielleicht ist die nächste Hausaufgabe für jeden, ein Erklärtutorial zu einem aktuellen Thema zu erstellen. Wenn Sachverhalte so erklärt werden, dass selbst ein kleines Kind sie versteht, ist der Lerneffekt immens für alle Beteiligten. Können wir dann noch per Knopfdruck einen Livestream starten, geht der Unterricht unabhängig von Ort und Zeit weiter.

In Bildungseinrichtungen muss Probieren und Testen neben dem Lehrplan erlaubt sein

Unabhängig davon, ob nun alle Schulen schließen, hängt es jetzt von den mutigen Menschen in entsprechenden Positionen ab, digitale Lern- und Lehrprozesse flächendeckend ab einem gewissen Alter zu starten und voranzutreiben. Berührungsängste sind verständlich, wir können sie uns aber nicht mehr leisten. Fragt andere und seid mutig! Auch ich lerne bis heute immer wieder neue technische Dinge von wesentlich jüngeren Menschen und bin mir nicht zu schade, nach Rat zu fragen und gemeinsam zu lernen. Natürlich verstehe ich auch die Sorge, was passieren könnte, wenn man als Lehrkraft „einfach so mal macht“. Ich vertraue hier unserem Lehrpersonal! Probieren und testen muss auch in Bildungseinrichtungen erlaubt sein. Wir brauchen auch hier eine neu gedachte Fehlerkultur.

Vielleicht ist es an der Zeit für eine Vergleichsplattform für Bildungsangebote, inklusive Zertifizierung von Fachleuten. All das kann nun ins Rollen kommen, wenn nicht nur die Bewahrer laut werden, sondern die Pioniergeister, die Macher, die Gestalter. Traut euch. Noch nie gab es so viele digitale Möglichkeiten, einfach loszulegen und unseren Nachwuchs zu begeistern! Und so bitter die Krise um das Coronavirus auch ist: Sehen wir sie auch als Chance, alles neu zu denken und zu testen!


Mehr zu dem Thema „Wie Corona unsere Bildung digitalisierst“ erfährst Du in dieser Woche bei der NWXnow, unserer neuen digitalen Formatreihe, die analog zu unserem Offline-Event NEW WORK EXPERIENCE ein Forum für die Diskussion zur Zukunft der Arbeit bietet. Wir sind davon überzeugt: Es geht mehr denn je um die Frage, wie wir die Weichen für eine Zukunft der Arbeit stellen, die wir wollen. Dazu sprechen wir regelmäßig mit Expert/innen, Vordenker/innen und Praktiker/innen, um Klarheit und Orientierung zu schaffen. Dabei stellen wir zu jedem Thema die zentrale Frage: Was kommt, was bleibt und was verändert sich? Weitere Infos und Webinare findet Ihr hier: https://nwx.new-work.se

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Daniel Jung
© Daniel Jung
Daniel Jung

Mathe-Helfer der Nation & New Learning Entrepreneur

for Bildungstransformation, New Learning, Digitales Lernen, Bildungswesen

Während des Mathematikstudiums gründete Jung (Jg. 1981) seine erste lokale Firma für analoge Nachhilfekurse. Parallel dazu baute er kostenlose Mathematik-Onlinekurse auf, für die er Youtube-Tutorials produziert. Heute hat „Mathe by Daniel Jung“ mehr als 530.000 Abonnenten. Jung ist Gründungsgesellschafter der StudyHelp GmbH, die Intensivkurse für Schüler und Studenten anbietet. Außerdem ist er Gründer der Lernplattform Mathefragen.de und der DJ Academy, über die New-Learning-Lösungen entwickelt und gecoacht werden.

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