Problems logging in

Scoringtools wie bei Zalando: Leistungsmesser oder Druckinstrument?

Mit der Software Zonar sollen sich Mitarbeiter des Onlinehändlers gegenseitig bewerten. Das hat eine Debatte ausgelöst: Wo hören Feedbacktools für Kollegen auf, wo beginnt die unangemessene Kontrolle?

Ständiger Bewertungsdruck vergiftet das Arbeitsklima

Caro Lobig

Investigativjournalistin und Regisseurin

Caro Lobig
  • Eine neue Studie wirft Zalando vor, Mitarbeiter gegeneinander auszuspielen
  • Ich selbst habe vor sechs Jahren inkognito in einem Lager der Firma gearbeitet
  • Schon damals war das Gefühl von ständigem Druck und Überwachung dort Alltag

7,664 responses

Es überrascht mich überhaupt nicht, was die Gewerkschaft Verdi und die Hans-Böckler-Stiftung vergangene Woche öffentlich gemacht haben: Beim Modehändler Zalando wird offenbar schon seit Längerem eine Software eingesetzt, mit der Mitarbeiter sich ständig und systematisch gegenseitig bewerten sollen und von deren Auswertungen sogar Beförderungen und Gehaltserhöhungen abhängen. Natürlich hat Zalando gleich relativiert und Zonar als ganz normales Feedbacktool bezeichnet.

Davon gibt es viele, und sie sind auch nicht alle zu verteufeln. Wenn die gegenseitigen Bewertungen jedoch so allgegenwärtig und umfassend sind, wie in der Studie beschrieben, vergiften sie das Arbeitsklima. Und aus meiner persönlichen Erfahrung heraus muss ich leider sagen: Es würde zu Zalando passen, wenn genau das der Fall wäre.

Vor inzwischen sechs Jahren habe ich selbst dort gearbeitet, als Lagerarbeiterin im Logistikzentrum in Erfurt. Ich hatte mich selbstständig, aber mit Unterstützung des Investigativjournalisten Günter Wallraff beworben, nachdem zahlreiche Informanten ihm über schreckliche Arbeitsbedingungen an dem Standort berichtet hatten. Ich fand vieles davon bestätigt. Und erlebte eine Arbeitskultur, die geprägt war von Misstrauen, ständiger Überwachung und Leistungsdruck.

Die Kollegin warnte mich: Ich solle aufpassen, was ich sage

In meiner damaligen Reportage, die 2014 bei RTL extra lief, ist zu sehen, wie eine Kollegin mich warnte: Sie sei beauftragt worden, mich auszuspionieren, und ich solle aufpassen, was ich sage. Die Vorgesetzten hätten den Verdacht, ich sei Gewerkschaftsmitglied und würde mit den anderen Mitarbeitenden darüber reden. Ich merkte schnell: Ich musste extrem aufpassen, wem ich vertrauen konnte. Mir war klar, dass es Kollegen gab, die den Chefs näherstanden – und ihnen offensichtlich auch mal Informationen über uns steckten, in der Hoffnung auf einen besseren Posten.

Da wir im Lager waren, ging die Überwachung auf technischer Seite sogar noch weiter. Die Teamleiter konnten auf ihren Computern den Standort der Scanner verfolgen, die wir nutzten, um Ware aus dem Lager einzusammeln. Immer wieder passierte es, dass ich irgendwo zwischen den Regalen stand und der Teamleiter plötzlich hinter mir auftauchte. Ich entwickelte einen regelrechten Verfolgungswahn, den ich selbst in der Zeit danach für Wochen nicht mehr loswurde.

Parallelen zum inoffiziellen System des Misstrauens, das ich erlebt habe

Nun also Zonar. Angeblich ein ganz normales Feedbacktool. Aber wer die Analyse dazu liest, der merkt schnell, dass es so normal nicht ist. In vielen Unternehmen haben die Mitarbeitenden inzwischen die Möglichkeit, auf digitalem Weg Feedback an ihre Vorgesetzten zu geben. Solange wir hier über die interaktive Version eines Kummerkastens reden – anonym, ohne dass das Feedback Konsequenzen für einen selbst hat –, ist das gut und sinnvoll. Aber bei Zonar erkenne ich erschreckend viele Parallelen zu dem inoffiziellen System des Misstrauens, das ich damals erlebt habe.

Denn was auf den ersten Blick wie die Demokratisierung der Leistungsbewertung erscheint, wird sehr schnell zum Gegenteil von Transparenz und offener Feedbackkultur. Wenn meine Kollegen davon profitieren können, falls ich schlechter abschneide als sie – wie soll ich mich dann darauf verlassen, dass sie mich fair bewerten? Und was macht das System schließlich mit den gesammelten Daten? Wie werden sie ausgewertet? Das alles führt am Ende zu mehr Misstrauen, mehr Druck und strengeren Hierarchien – also genau zum Gegenteil von dem, was Zalando vorgibt, damit erreichen zu wollen.

Systeme, die Mitarbeiter dazu ermutigen, sich gegenseitig zu überwachen und zu beurteilen, sorgen deshalb nicht für ein besseres, sondern ein schlechteres Unternehmensklima: Leistungsdruck, Menschen gegeneinander ausspielen, eine Kultur des Bespitzelns. Das unter dem Deckmantel einer demokratischen Leistungsbewertung zu verstecken mag schön klingen. Besser wird es dadurch nicht.

Posted:

Caro Lobig
© Lobig
Caro Lobig

Investigativjournalistin und Regisseurin

Caro Lobig (Jg. 1992) arbeitet als Investigativ- und Undercoverjournalistin und als Regisseurin in Köln. Ihre erste große Enthüllung gelang ihr über die Arbeitsbedingungen im Lager von Zalando, wo sie drei Monate lang undercover gearbeitet hat. Neben ihrer Tätigkeit als Journalistin leitet sie gemeinsam mit ihrem Partner in Köln die Filmproduktion catamaranfilms.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more