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„Sorry, bin total im Stress“: Wie verändert uns permanente Belastung?

Überstunden ohne Ende, Ärger mit dem Partner und kranke Kinder daheim: Stress bestimmt den Alltag vieler. Doch während manche Menschen unter ihm leiden, kommen andere ohne Druck gar nicht aus.

Louis Lewitan
  • Positiver Stress ist gesund, lebensnotwendig und motivierend im Job
  • Erfolgreiche, gesunde Führung erfordert soziale und emotionale Kompetenz
  • Es wird zu wenig in die Persönlichkeitsentwicklung von Chefs investiert

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Ob positiver Stress oder negativer – insbesondere im Job setzen wir uns ihm täglich aus, und das nicht zu knapp. Stress ist ein Prozess, der auf Körper, Psyche und Verhalten einwirkt. Zu den externen Stressquellen zählen Lärm, schlechte Arbeitsbedingungen oder inkompetente, schwierige Vorgesetzte. Die inneren Stressoren entstehen aufgrund von selbst erzeugten negativen, automatischen Denkvorgängen wie Perfektionismus, Schwarz-Weiß-Malerei und Pessimismus. Über einen langen Zeitraum wurde Stress als ein individuelles Problem betrachtet. War eine Person im Job nicht belastbar, lag das an ihrem persönlichen Versagen. Heute wissen wir: Es ist auch ein Führungsproblem, denn anhaltender negativer Stress bei Mitarbeitern ist die direkte Antwort auf inkompetentes Führungsverhalten, überholte Führungsinstrumente und rigide Führungseinstellungen.

Führung darf nicht als Egonummer verstanden werden

Eine häufige Ursache für den Stress, der von Führungskräften verursacht wird, ist die fehlende Offenheit gegenüber Veränderungen. Aus persönlichen Interessen oder aus Machterhalt werden sie zu spät eingeleitet oder bar jeglicher Menschenkenntnis stur nach dem Baukastenprinzip durchgezogen. Konflikte werden unter den Teppich gekehrt, die Mitarbeiter nicht abgeholt und informiert. Chefs, die nur fordern, ohne zu fördern, ihre Mitarbeiter immer wieder unter Druck setzen und erbrachte Leistungen nicht würdigen, gefährden die Arbeitskraft und das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter. Und Vorgesetzte, die Fragen und Widerspruch als Majestätsbeleidigung definieren, wirken demotivierend. Wenn Mitarbeiter sich nicht trauen, ihre Bedenken anzumelden oder Verbesserungsvorschläge einzubringen, ist der Schritt in Richtung innere Kündigung bereits vollzogen. Da helfen weder Yoga noch autogenes Training. Die Erfahrung zeigt: Erfolg beruht nicht allein auf Expertenwissen. Im Zeitalter radikaler Innovationen kann kein Management es sich leisten, stehen zu bleiben. Die Komplexität an Anforderungen und Belastungen erfordert einen Wandel in den Köpfen der Führungsriegen. Innovationen beginnen im Kopf.

Jedes Unternehmen, will es konkurrenzfähig bleiben, muss nicht nur in Fachwissen, sondern parallel auch in die persönliche Entwicklung seiner Führungskräfte investieren. Diese müssen ermuntert werden, über sich zu reflektieren, die eigenen Blockaden und Defizite zu erkennen und an ihnen zu arbeiten.

Wir brauchen mehr Manager mit Sinn für die Belange ihrer Mitarbeiter

Leider gelangen immer noch zu viele emotionale Analphabeten in Führungspositionen, die sich für ihre Mitarbeiter nicht ernsthaft interessieren und einsetzen. Fehler werden nicht aufgedeckt, Verantwortung nicht übernommen, schwierige Entscheidungen hinausgezögert. Die Wirtschaft negiert die Macht der Emotionen, so als ob Rationalität an sich ein Erfolgsgarant wäre. Expertise, Fachwissen, logisches, unternehmerisches Denken sind kein Ersatz für emotionale und soziale Intelligenz. Wer Emotionen ausblendet und ihre Wirkung negiert, sollte nicht Teams führen.

Die vierte industrielle Revolution, die Digitalisierung und Robotisierung, wird nur dann gelingen, wenn die Führungskräfte fähig sind, Sinnhaftigkeit überzeugend zu vermitteln, auf die Sorgen und Ängste ihrer Mitarbeiter einzugehen und sie auf die lange Reise mitzunehmen. Voraussetzung hierfür sind neben einem Interesse an Menschen psychologische Schlüsselkompetenzen wie beispielsweise Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, Stress- und Konfliktmanagement. Nur so kann der Wandel als Herausforderung erfolgreich gemeistert werden. Zukunftsfähige Unternehmen, NGOs oder Verwaltungsbehörden brauchen starke, lernbereite Führungspersönlichkeiten, die sich nicht auf Kosten ihrer Mitarbeiter profilieren, sondern Erfolg als kollektive Leistung begreifen. Und sie brauchen angstfreie Mitarbeiter, die sich zu ihrer Verantwortung bekennen und Leistung bejahen. Nur gemeinsam lassen sich die komplexen Aufgaben lösen. Das ist gesunder, motivierender Stress.

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Louis Lewitan
© Stefan Nimmesgern
Louis Lewitan

Managerberater und Stressexperte, LCC Lewitan Coaching & Consulting

Louis Lewitan (Jg. 1955), Diplompsychologe und Inhaber von LCC – Lewitan Coaching & Consulting, ist als Managerberater und Stressexperte tätig. Er berät national und international Konzerne sowie mittelständische Unternehmen und coacht Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Außerdem ist er Kolumnist des „ZEIT-Magazins“, ein gefragter Moderator und Co-Autor des Buches „STRESSLESS. Das Abc für mehr Gelassenheit in Job und Alltag“.

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