Ist das Silicon Valley überbewertet?

Es gilt als globales Zentrum der digitalen Welt: Google, Apple oder Facebook – sie alle sind dort zu Weltmarken geworden. Aber ist das Image als innovatives Schaffenszentrum noch gerechtfertigt?

Topmanager, spart euch die Reise ins Silicon Valley!

Frank Weber
  • Die Besichtigungen von Start-ups im Valley erinnern mich an Zoobesuche
  • Die Besucher beobachten die innovativen Arbeitsmethoden oft nur auf Distanz
  • Es braucht keine Reise, es braucht den Mut, einen Kulturwandel voranzutreiben

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Der moderne Topmanager pilgert nicht mehr auf dem Jakobsweg, sondern ins Silicon Valley. Gebetsmühlenhaft wird behauptet, dass sich Start-ups und etablierte Unternehmen gegenseitig viel zu geben haben.

Unsinn! Das Einzige, was Start-ups wirklich von etablierten Unternehmen wollen, ist deren Geld, ohne dabei die eigenen Freiheiten aufzugeben! Für einen Gründer ist Geld die knappe Ressource schlechthin. Und dann ist da auch noch der Engpassfaktor Zeit. Das Geschäft ist in Windeseile aufzubauen. Besteht doch die Gefahr, dass es sonst ein anderer macht. Eigentlich haben Gründer keine Zeit für diese Art von Managernachhilfe und eigentlich – so höre ich immer wieder hinter vorgehaltener Hand – nerven die ständigen Learning-Journeys auch. Es wird nur nicht offen gesagt, denn vielleicht ist ja jemand mit einem dicken Portemonnaie dabei und steigt bei der nächsten Finanzierungsrunde mit ein.

Die Erwartungshaltung: Man lässt sich erklären, was gerade läuft

Was die etablierten Unternehmen dagegen dringend benötigen, ist Innovationsgeist. Ja, den kann man wirklich spüren im Valley und in den Innovationlabs oder Inkubatoren dieser Welt.

Also runter mit der Krawatte, rein in Jeans und Sneakers und ab an die Start-up-Front. Dorthin, wo alles locker zu sein scheint. Dort, wo man sich nicht in Einzelbüros verschanzt, sondern an großen Tischen gemeinsam arbeitet und gleichzeitig auch isst. Dort, wo das Interieur zuweilen eher an Lagerhallen als an Büros erinnert. Dort, wo die Wege kurz sind und die Ideen sprießen. Dort lässt man sich dann von der Spezies Homo Start-up erklären, was gerade läuft.

Ein beobachtender Besucher freut sich und staunt, reflektiert aber nicht

Mich erinnert dieses Zusammentreffen von etablierten Managern mit jungen Gründern eher an Zoobesuche, bei denen die interessante und dann doch verrückte Start-up-Kultur bestaunt wird – dabei aber distanziert. Wie Exkursionen in Tierparks auch vermitteln diese Treffen kaum ein Verständnis dafür, wie es für Gründer in freier Wildbahn wirklich zugeht. Nur beobachtend und nicht mitmachend, reflektieren die Besucher kaum, was sie vom Erlebten mit nach Hause nehmen können und dort anders machen sollen.

Man spürt den Gründergeist. Ja, und dann? Was folgt daraus? Man fährt heim und berichtet von seinen Beobachtungen in der dritten Person und ist längst in der Vergangenheit – „Die da im Silicon Valley haben gemacht … “. Liegt in dieser Distanz das Eingeständnis, dass sich die dort erlebte Kultur nur mit größten Anstrengungen auf das etablierte Umfeld des eigenen Unternehmens übertragen lässt?

Aber genau darum geht es doch. Es geht um den Kulturwandel hin zu einer „Agile Company“, hin zu einem Unternehmen, welches Innovationen hervorbringt, in dem schnell, flexibel und unkompliziert gehandelt wird. In dem Fehler Lernquellen und keine Karrierekiller sind.

Ich schließe mit neun provokanten Appellen ans Topmanagement

  • Fahrt nicht ins Silicon Valley und geht stattdessen mit euren Kindern oder Enkeln in den richtigen Zoo. Habt Spaß und esst gemeinsam Eis und hört ihnen vor allem zu.
  • Ab kommenden Montag macht ihr aus euren Geschäftsführungssitzungen Stand-up-Meetings, trefft euch mit euren Führungskräften zum Morning-Rollcall und nehmt die Kunst von den Wänden und ersetzt sie durch Kanban-Boards.
  • Aus der Armada der vorgesetzten Verwalter des Middle Managements macht ihr agile Führungskräfte, die sich fortan als Beziehungs- und Netzwerkmanager verstehen.
  • Dann schmeißt ihr die abgedroschenen und austauschbaren Hochglanzleitbilder in den Mülleimer und lebt das Agile Manifest.
  • Kultiviert die fünf Scrum-Werte, seid vor allem offen und habt Mut.
  • Hört auf mit endlosen Meetings und fangt an, in Ereignissen und Aktivitäten oder Sprints zu denken.
  • Bringt maximal viele Menschen mit agilen Methoden in Berührung und stellt sicher, dass diese auch im Alltag Anwendung finden.
  • Reißt die über lange Zeit etablierten Silos ein, verdammt Herrschaftswissen und fordert den Gedankenaustausch und das Teilen von Wissen.
  • Macht aus Führungskonferenzen Open Spaces oder Barcamps und aus Teilnehmern Teilgeber.

Wenn ihr damit anfangt, dann werdet ihr langsam anfangen, zu verstehen und zu leben, was ein Start-up ist. Und dann seid ihr irgendwann bereit für den großen Schritt: Statt nur an inkrementellen Innovationen zu arbeiten, fordert ihr Disruption. Arbeitet an Ideen, wie ihr euer Geschäftsmodell kannibalisieren könnt.

Wenn schon Disruption, dann macht es selbst, bevor es andere tun! Und sie werden es tun! #stay-agile

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Frank Weber
© weber.advisory
Frank Weber

Unternehmensberater, weber.advisory

Der Hochschuldozent ist Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Change- und Innovationsmanagement sowie Leadership. Mit seinen Kunden arbeitet er an Unternehmen, die das Wort Disruption als Herausforderung sehen und in denen Innovationen entstehen. Bevor Weber sein eigenes Beratungsunternehmen gründete, leitete er die Bereiche Unternehmensentwicklung und Konzernkommunikation in diversen Firmen. Seine Changeansätze wurden mit dem Deutschen Preis für Wirtschaftskommunikation ausgezeichnet.

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