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Großbrände in Australien: Sind wir hilflos gegen die Naturgewalt?

Seit September wüten die Buschfeuer in Australien, ein Gebiet in der Größe von Süddeutschland ist bereits verbrannt. Können wir uns gegen die Naturgewalt überhaupt wehren?

Prof. Dr. Birger P. Priddat
  • Australien macht den Klimawandel sehr anschaulich
  • Wir müssen womöglich ganze Ökosysteme aufgeben, um uns selbst zu schützen
  • Stoppen können wir die Folgen für die Umwelt nicht mehr – nur noch abmildern

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Beim Klimawandel sind wir auf Dürren, Wüsten und Hochwasser gefasst, aber auf große Feuer nicht. Jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Momentan brennt in Australien eine Fläche von der Größe der Niederlande. Die Größenangaben schwanken. Es ist prekär.

Der Klimawandel bringt die Erde wieder in die Sphären vorsokratischer Naturphilosophien: Erde, Wasser, Feuer, Luft. In Australien brennen Wälder, weil sie völlig ausgetrocknet sind. Die Restfeuchte im Boden ist längst weggetrocknet (Erde). Es regnet nicht, und der Boden ist entwässert (Wasser). Das Feuer massiert sich zu Feuerwalzen (Feuer), die einen brachialen Windsog erzeugen. Zudem ist die Luft winddurchweht, selber trocken, und hat um die 40 Grad Celsius (Luft). Funkenflüge werden vom Wind in die noch nicht betroffenen Gebiete getragen und entfachen gleich wieder neue Feuer. Das Löschwasser verdampft gleichsam im Anflug. Die Natur wird zum Inferno. Eine Art Kernschmelze des Waldes.

Die Feuerwehrleute sind heldenhaft, auch wenn sie fast vergeblich arbeiten. Ihre Lungen und Bronchien stehen unter Dauerbelastung, die Luft ist voller Rauch, sodass das Atmen schwierig wird. Und woher nehmen sie überhaupt noch das Wasser? Ein wenig ist man in diesen Regionen auf Waldbrände vorbereitet, aber nicht auf diese Dimensionen. Nicht Löschen ist vordringlich – wie denn auch bei diesen Wuchten und dieser Hitze? –, sondern das gezielte Abbrennen von Wald, damit in dem dann verbrannten Gebiet keine Feuerwalze mehr Nahrung findet. Und der Sommer steht erst bevor, die Hitze nimmt also noch weiter zu.

Der Klimawandel wird sinnlich. Ganze Ökosysteme verbrennen. Und mit ihnen, so die Schätzungen, eine halbe Milliarde Tiere. Allmählich glauben ein paar Australier mehr, dass ihr Land zu wenig gegen den Klimawandel getan hat. Dass über das Thema auch ihr Präsident, Scott Morrison, politisch verbrennt und nicht wiedergewählt wird, ist nicht mehr auszuschließen. Noch ist unklar, was alles passieren wird, ob noch mehr Orte verbrennen, ob das Feuer sich in die Städte fressen wird, wie viele Menschen jetzt sterben und wie viele später an Atemwegserkrankungen.

Wir können den Klimawandel nur noch abmildern, aber nicht mehr verhindern

Völlig neuartige Planungen werden künftig relevant, um den Klimawandel anzugehen. Vor allem innere Migration. Viele Gebiete werden für Menschen gesperrt werden müssen, gerade im Wald und darum herum. Es ist riskant, in der Nähe von Feuerbereichen zu wohnen, zumal keine Löschgarantien gegeben werden können. Man wird ganze Ortschaften umsiedeln müssen, ähnlich wie dort, wo Hochwasser drohen. Um die Städte wird man große Waldflächen abholzen, um kein Feuer nahe genug kommen zu lassen. Das alles sind reaktive Maßnahmen. Man wird, um sich zu schützen, ökologische Eingriffe tätigen müssen.

Wahrscheinlich aber wird das die einzige Art von Klimapolitik sein, die uns bleibt, weil wir den Klimawandel nicht aufhalten können. Wir werden nur noch löschen, aber nicht mehr verhindern, dass überhaupt Feuer ausbrechen. Australien ist das Signal, dass wir uns dafür wappnen müssen. Und wir werden die schwere Entscheidung treffen müssen, ob wir eventuell ganze Ökosysteme aufgeben, um uns zu schützen.

So wie wir dann ganze urbane Systeme aufgeben müssen, ganze Siedlungslandschaften, die wegen Feuer, Wasser, Dürre nicht mehr bewohnbar sein werden. Australien ist ein klarer Blick auf Teile unsere Zukunft. Und gleichgültig, ob die Klimaänderungen begriffen oder geleugnet werden, wir müssen so handeln, als ob sie eintreffen würden. Hier nützt einfach keine Ideologie mehr.

Nicht die Feuer sind das Problem, sondern die Dürre durch die zunehmende Hitze

Das Inferno Australien ist das erste große Zeichen des Klimawandels, weil jetzt plötzlich Städte bedroht werden, die Zentren der Urbanität und Zivilität. Dass man in Peking und Neu-Delhi oder Mexiko-Stadt vor lauter Smog kaum noch atmen kann, sind menschgemachte Phänomene; Australien ist ein naturgemachtes Phänomen. Bei den kalifornischen großen Feuern ahnte man es schon, jetzt aber beginnt eine Serie von Naturereignissen, die ankündigen, dass die Evolution inzwischen schneller läuft.

Im Grunde sind die Feuer Phänomene der Dürre. Denn wenn der Boden austrocknet, haben die Eukalyptuswälder nicht genug Restfeuchtigkeit, um derart intensiven Feuern etwas entgegenzusetzen. Es sind nicht die Brände, sondern die Dürren, die zunehmen.

Die verendenden Unterwasserriffe sind schon nur noch Nebenbemerkungen der ökologischen Katastrophe Australiens. Der Kontinent hat eine komplexe Gefährdung. Dass der Ministerpräsident weiterhin die extensive Kohlepolitik fördert, ist ein Witz der Geschichte, die nicht mehr von uns Menschen allein geschrieben wird. Die Natur redet mit.

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Prof. Dr. Birger P. Priddat
© Birger P. Priddat
Prof. Dr. Birger P. Priddat

Ökonom und Philosoph

for Wirtschaft, Philosophie

Der Diplomvolkswirt (Jg. 1950) ist seit 2009 Lehrstuhlinhaber für Politische Ökonomie an der Wirtschaftsfakultät der privaten Universität Witten/Herdecke. Zudem hatte er Gastprofessuren an der Universität Basel und der Zeppelin Universität Friedrichshafen inne.

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