Probleme beim Einloggen

Baustellenfrust: Warum müssen wir immer länger auf Handwerker warten?

Der Fachkräftemangel in Deutschland nimmt immer drastischere Ausmaße an, vor allem im Handwerk. Bis zu zehn Wochen warten Verbraucher inzwischen auf einen Termin. Der Ärger wächst - auf allen Seiten.

Unsere Preise sind nicht zu hoch, sie sind angemessen

Peter Hübner

Präsident, Hauptverband der Deutschen Bauindustrie

Peter Hübner
  • Ja, es gibt Engpässe im Baugewerbe – aber wir haben Strategien dagegen
  • Mehr Nachwuchs und ausländische Fachkräfte helfen, den Bedarf auszugleichen
  • Jetzt brauchen Firmen mehr Planungssicherheit, um weiterzuinvestieren

3.659 Reaktionen

Kritiker trauen der deutschen Bauwirtschaft die Bewältigung ihrer Aufgaben nicht mehr zu. Die Branche stehe angeblich kurz vor einem „Kapazitätsnotstand“ und werde so zu einem Risiko für den gesamtwirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik Deutschland. Seit Jahresbeginn häufen sich diese Befürchtungen. Doch sie sind weit überzogen. Warum?

Wir können den Fachkräftemangel nicht leugnen

Ja, das Fachpersonal in den Bauunternehmen ist knapp. Selbst im saisonal bedingt eher ruhigen Wintermonat März meldete jedes zehnte Unternehmen, dass sein Geschäft durch Arbeitskräftemangel behindert werde. Doch kennen wir Strategien, um mit solchen Engpässen umzugehen: Die Unternehmen haben schon 2017 viele Fachkräfte aus anderen EU-Mitgliedstaaten in ihre Belegschaften integriert. Mit ihnen konnte zumindest der Aderlass durch Mitarbeiter, die in Rente gingen, ausgeglichen werden. Inzwischen hat knapp ein Sechstel unserer Mitarbeiter einen ausländischen Pass.

Zudem setzen wieder mehr Firmen darauf, den eigenen Fachkräftenachwuchs selbst auszubilden. Nach langer Durststrecke – auch in unserer Branche – gibt es ein gestiegenes Interesse an unseren Berufen. 2017 konnten fast 13.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen werden. Knapp 8 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Das zeigt sich auch im Bauingenieurstudium. Hier stieg die Zahl der Absolventen ebenfalls an.

Dieser Trend wird sich in den kommenden zwei Jahren in der Beschäftigungsbilanz niederschlagen: Wir erwarten für 2018 eine weitere Zunahme auf 830.000 Beschäftigte, für 2019 auf 845.000 Personen, das wären 140.000 mehr als zum Tiefpunkt im Jahre 2009 und über 30.000 mehr als 2017.

Natürlich braucht dieses Wachstum Zeit. Um sich diese zu verschaffen, setzen die Bauunternehmen verstärkt auch auf den Einsatz von Partnerfirmen aus anderen EU-Ländern. Die Zahl der nach Deutschland entsandten Arbeitnehmer hat sich zwischen 2009 und 2017 auf über 100.000 verdoppelt. Hier hilft uns der europäische Binnenmarkt, akute Engpässe zu überbrücken.

Auch Auftraggeber profitieren von der Normalisierung der Preise

Ja, die Baupreise steigen, aber bisher waren die Erhöhungen überschaubar. Im vergangenen Jahr lag das Plus bei 3 Prozent, in den beiden Jahren zuvor bei weniger als 2 Prozent. Im laufenden Jahr dürfte sich der Anstieg noch etwas beschleunigen. Experten rechnen mit 4 und 4,5 Prozent.

Allerdings liegt der Grund dafür vor allem in externen Faktoren. Zum einen verteuern sich Baustoffe und Bauprodukte: Der Preis für verschiedene Betonprodukte stieg 2017 um rund 20 Prozent. Zum anderen wird auch die Baustellenentsorgung immer teurer, weil der Platz auf den Deponien fehlt. In nur fünf Jahren haben sich die Gebühren verdoppelt. Allein den Bodenaushub für ein durchschnittliches Einfamilienhaus zu entsorgen kostet mittlerweile im Großraum Stuttgart mehr als 30.000 Euro. Das zeigt sich am Ende auch in den Baukosten.

Der Preisanstieg ist aber auch Ausdruck einer allmählichen Normalisierung auf dem deutschen Baumarkt. Nach Jahren der Krise, in der sich die Unternehmen oft an der Preisuntergrenze bewegt haben, sind sie nun nicht mehr gezwungen, auch erkennbar ertragsschwache Aufträge anzunehmen. Am Ende zahlt sich das auch für den Auftraggeber aus. Er muss nicht mehr mit den enormen Insolvenzrisiken im Bauhauptgewerbe rechnen, die gerade zwischen 1995 und 2005 viele Projekte in Schieflage gebracht haben. Auch hier gibt es allerdings noch Luft nach oben. Von der hohen Insolvenzquote aus der Baurezession sind wir zwar mittlerweile weit entfernt, das Risiko einer Insolvenz ist im Bauhauptgewerbe aber immer noch deutlich höher als in der Gesamtwirtschaft. Offensichtlich stehen Preise und Risiken noch immer nicht in einem angemessenen Verhältnis.

Wenn wir Kapazitäten ausbauen sollen, brauchen wir Planungssicherheit

Die Bauwirtschaft ist bereit, ihre personellen und maschinellen Kapazitäten an die steigende Baunachfrage anzupassen. Dies setzt jedoch voraus, dass die finanzpolitischen Rahmenbedingungen verlässlich bleiben. Doch die Politik sendet angesichts des gewaltigen öffentlichen Investitionsstaus ein beunruhigendes Signal, wenn sie bereits ab 2020 wieder von sinkenden Investitionen ausgeht. Unsere Firmen brauchen Planungssicherheit, wenn sie ihre Kapazitäten ausweiten sollen. Wir brauchen ein klares Signal, dass die Investitionswende auf der Ebene des Bundes auch über das Jahr 2020 hinaus Bestand hat.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Haben Sie selbst Ärger mit Handwerkern? Oder bekommen Sie einfach keinen Termin? Wir sind gespannt auf Ihre Erfahrungen und Erlebnisse!

Veröffentlicht:

Peter Hübner
© Stockberg
Peter Hübner

Präsident, Hauptverband der Deutschen Bauindustrie

Der Diplombauingenieur ist seit 2016 Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie. Peter Hübner ist seit 2013 zudem Deutschlandchef der Strabag AG. Zuvor war er als Technischer Direktionsleiter der Strabag-Direktion Großprojekte Nord tätig und geschäftsführend für Tochtergesellschaften der Strabag AG in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark verantwortlich.

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren