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Ist die Sorge gegenüber dem Freihandelsabkommen TTIP berechtigt?

Bei seinem Deutschland-Besuch wirbt US-Präsident Barack Obama für einen schnellen Abschluss des Transatlantischen Freihandelsabkommens (TTIP). Doch viele Bürger bleiben skeptisch.

Unserem Traditionsbetrieb droht große Gefahr

Gottfried Härle
  • TTIP verwässert die Kennzeichnungspflicht von genmanipulierten Produkten
  • Konsumenten könnten nicht mehr erkennen, welche Produkte „sauber“ sind
  • Die Amerikaner wollen den Schutz unserer Regionallabels nicht akzeptieren

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Seit Jahren kämpfe ich gegen Gentechnik und für die Pflicht, genmanipulierte Produkte auf ihren Verpackungen zu kennzeichnen. Ich verbündete mich mit anderen Brauereibesitzern aus dem Allgäu und startete Unterschriftenaktionen. Es war nicht mühelos, doch waren wir erfolgreich. Sollte TTIP kommen, ist alles, was wir erreicht haben, in großer Gefahr, und wir Kleinunternehmer müssen damit rechnen, dass wir keine Chance gegen die großen Unternehmen aus Übersee haben.

Nachhaltiges Wirtschaften könnte unsere Existenz gefährden

Die Bundesregierung und die Europäische Kommission behaupten, dass das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA dem Mittelstand nutzen wird. Aber das Gegenteil wird der Fall sein. Ich führe in vierter Generation einen Familienbetrieb mit 30 Mitarbeitern. Mein Urgroßvater Clemens Härle war es, der vor 118 Jahren die gleichnamige Brauerei gründete. Heute bewahren meine Mitarbeiter und ich das Erbe von damals und sind bestrebt, diese Tradition in der heutigen Zeit immer wieder neu zu beleben und weiterzuführen. Doch genau das könnte uns nun zum Verhängnis werden.

Vor 20 Jahren haben wir angefangen, die Brauerei auf Nachhaltigkeit auszurichten: Auf den Dächern der Brauereihallen haben wir Fotovoltaikanlagen installiert, geheizt wird mit Holzhackschnitzel, den restlichen Strom beziehen wir aus Wasser- und Windkraft. Damit produzieren wir unser Bier seit 2009 zu 100 Prozent klimaneutral. Und auch bei den Zutaten achten wir auf umweltfreundliche Standards. Unsere Brauereigerste beziehen wir daher nur aus regionalem und gentechnikfreiem Anbau. Und hier liegt das Problem: Denn sollte TTIP wirklich kommen, könnte das, was uns ausmacht und was unsere Kunden so enorm schätzen, unsere Existenz gefährden.

Hersteller müssten genmanipulierte Ware nicht kennzeichnen

Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada, CETA, gibt uns einen Ausblick auf TTIP. Es ist bereits in der juristischen Prüfung und soll laut EU-Kommission nicht mehr geändert werden. Darin verpflichten sich beide Parteien, Handelshemmnisse abzubauen und somit unter anderem Kennzeichnungspflichten zu verwässern. Derzeit müssen Brauereien die Verbraucher noch darüber informieren, wenn sie genmanipulierte Zutaten verwenden. Diese Kennzeichnungspflicht wird im Abkommen jedoch als Handelshemmnis eingestuft und würde dadurch möglicherweise wegfallen.

Dieses Ziel verfolgen auch amerikanische Produzenten, denn dort ist Genmanipulation in der Landwirtschaft keine Seltenheit. Die Brauereien aus Übersee wären durch TTIP nicht in der Pflicht, dem Verbraucher mitzuteilen, dass ihr Produkt aus genmanipulierten Zutaten besteht. Die Konsumenten könnten also nicht mehr erkennen, welche Zutaten gentechnikfrei und welche dies nicht sind. Im Zweifel greift der Kunde also zu dem günstigeren Bier aus Übersee. Wir kleinen Betriebe, die umweltfreundlich produzieren, könnten mit den niedrigen Preisen nicht mithalten. Ich kann nicht ausschließen, dass viele Betriebe sich dem Druck beugen und ebenfalls kostengünstig produzieren müssten.

Das würde bedeuten, dass der genmanipulierte Anbau zunimmt, und je mehr Gentechnik es in unserer Region gibt, desto mehr steigt auch die Gefahr, dass die „sauberen“ Felder kontaminiert werden. Es wird dann immer schwieriger werden, den gentechnikfreien Anbau zu möglichst geringen Kosten zu gewährleisten.

Unsere regionalen Labels stehen auf dem Spiel

Doch nicht nur die mangelnde Kennzeichnungspflicht wird uns schwer zu schaffen machen. Die Amerikaner werden uns auch unsere regionalen Labels streitig machen. Noch kann man die eigenen Produkte mit einem geschützten regionalen Produktsiegel branden. Doch die amerikanischen Betriebe wollen den Schutz von Regionallabels nicht akzeptieren. Wenn es nach ihnen ginge, dürften sie Emmentaler Käse oder Allgäuer Bier in Amerika herstellen und unter diesem Namen verkaufen und bewerben. Die Qualitätsmerkmale unserer Produkte wären damit hinfällig.

Sollte sich TTIP tatsächlich durchsetzen, bleibt uns nichts anderes übrig, als den Markt zu beobachten und zu hoffen, dass die Verbraucher weiterhin Wert auf unsere gute Qualität legen.

Veröffentlicht:

Gottfried Härle
© Gottfried Härle
Gottfried Härle

Geschäftsführer, Brauerei Clemens Härle KG

Gottfried Härle ist Geschäftsführer der Clemens Härle Brauerei aus dem Allgäu. Er führt das Familienunternehmen bereits in vierter Generation und beschäftigt 30 Mitarbeiter. Sein Bier produziert er seit jeher mit gentechnikfreien Zutaten und das soll auch so bleiben. Daher setzt er sich zusammen mit anderen klein- und mittelständischen Unternehmen in der Initiative „KMU gegen TTIP“ gegen das geplante Handelsabkommen ein.

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