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Nach dem Durchbruch: Ist die Leiharbeit-Reform mehr Schein als Sein?

Seit sich die Union und SPD auf eine Reform für den besseren Schutz von Arbeitnehmern geeinigt haben, herrscht eine rege Debatte: Wer profitiert? Und wer hat das Nachsehen?

Unter den neuen Regeln leiden vor allem wir Interim-Manager

Michael Schmid
  • Interim-Manager werden mit anderen Leiharbeitern in einen Topf geworfen
  • Für mich und weitere Kollegen ist der neue Gesetzesentwurf ein Rückschritt
  • Wir brauchen eine Differenzierung zwischen Leiharbeitern und Spezialisten

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Der ganze Eiertanz der Politik um Leiharbeit ist ein Skandal. Ich bin Interim-Manager und arbeite freiberuflich. Obwohl ich einen vollkommen anderen Hintergrund habe als Leiharbeiter, werde ich pauschal mit ihnen in einen Topf geworfen. Wenn ich mich nicht den Vorgaben der Politik beugen würde, wäre ich auftragslos. Das heißt für mich: Ich muss mich mit Scheinanstellung und Arbeitnehmerüberlassung beziehungsweise Leiharbeit arrangieren.

Kaum ein Politiker geht auf die wahnwitzige Pauschalisierung ein

Als Interim-Manager komme ich dann ins Spiel, wenn im Unternehmen dringend Handlungsbedarf besteht. Manchmal steht ein Projekt kurz vor dem Kollaps, manchmal fällt jemand aus der Führungsetage einer Firma krankheitsbedingt aus. Ich muss in einer Ausnahmesituation kurzfristig das Steuer übernehmen und ein Unternehmen oder ein Projekt wieder auf Kurs bringen. Und zwar so schnell wie möglich. Danach möchte ich im Unterschied zu Festangestellten in neuen Aufträgen wieder andere Unternehmen unterstützen.

Laut dem neuen Gesetzesentwurf darf ich keinen Tag länger als 18 Monate an einem Projekt arbeiten, sonst muss mich das Unternehmen anstellen. Wie soll ein Beteiligter die benötigte Zeit für das Vorhaben im Voraus wissen? Die Politik führt also ein unnötiges Risiko für Auftraggeber und Auftragnehmern ein. Nach neun Monaten muss mich das Unternehmen so bezahlen wie einen „vergleichbaren“ Mitarbeiter, den es nicht gibt, sonst wäre ich ja nicht da. Mein Tagessatz beinhaltet Leerzeiten, Akquise, Buchhaltung, Krankheits- sowie Altersvorsorge, Versicherungen und auch mal Urlaub. Dies fällt bei Leiharbeitern in der Regel alles weg.

Interessanterweise geht kaum ein Politiker auf das wahnwitzige und wirtschaftsschädliche Treiben dieser Pauschalisierung ein. Mehr als 100.000 Anschreiben an die Politik verpuffen. Wir brauchen endlich eine Differenzierung zwischen Leiharbeitern und Experten sowie Interim-Managern.

Angestoßen haben das Problem die Autobauer

Das Problem gibt es seit 2003. Als dann Daimlers Leiharbeitsverfehlungen in Talkshows durch die Republik gezerrt wurden, entstand heimlich still und leise der GAU für Freiberufler vieler Couleur. Es entwickelte sich ein völlig verbogener Markt. Nicht nur Daimler, auch andere Autobauer warfen über Nacht quasi alle Freiberufler raus, um diese nur dann zu akzeptieren, wenn sie sich über Arbeitnehmerüberlassung als temporäre Festangestellte verdingen. Die so entstandene Schwemme auf dem Spezialistenmarkt führte dann weiter zu Preisverfällen und Aufbrauchen der eisernen Reserven unserer Experten.

Wir Freiberufler werden im Grunde ausgehungert. Bis wir uns beugen müssen.

Veröffentlicht:

Michael Schmid
© Cool-Design
Michael Schmid

Interim-Manager und Inhaber, It-Dialog e.K.

Michael Schmid (Jg. 1953) ist Interim-Manager und Inhaber der Unternehmensberatung It-Dialog. Er hat verschiedene Firmen gegründet und mitgegründet – vor allem in Gefilden, die für viele Menschen Neuland sind. Daher ist er auch Ratgeber und Inkubator für die Jugend. Schmid engagiert sich zudem im politischen Umfeld. So war er zum Beispiel von 2003 bis Ende 2010 Mitglied der Wettbewerbskommission der Familienunternehmer – ASU e. V. Außerdem ist er Mitglied der DDIM und der DDIM-Arbeitsgruppe Industrie 4.0.

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