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Selbstständig oder angestellt: Welche Arbeitsform macht zufriedener?

Selbstständiges Arbeiten verbinden viele mit Freiheit und Eigenverantwortung. Unwägbarkeiten und Unsicherheiten werden dabei oft ausgeblendet. Mehr Freiheit bedeutet oft auch: mehr Risiken!

Unternehmer, zeigt mehr Mut gegenüber Freelancern

Luuk Houtepen
  • Die Hemmschwelle zum Einsatz von Selbstständigen ist in Deutschland sehr hoch
  • Rechtliche Grauzonen wie Scheinselbstständigkeit verunsichern Unternehmer
  • Die fehlenden Rahmenbedingungen fördern jedoch eine Zweiklassengesellschaft

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Wer hat’s besser – Freelancer oder Festangestellte? Da ich beruflich viel mit beiden Arbeitsformen zu tun habe, wird mir diese Frage häufig gestellt. Manche bezeichnen das Verhältnis sogar als Zweiklassengesellschaft. In meinen Augen ist das, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Die Unterschiede zwischen der „Arbeitnehmergesellschaft“ und der „Unternehmergesellschaft“ – die sich auch in Deutschland immer mehr entwickeln – sind zu groß, um Vergleiche zu ziehen. Das beginnt bereits bei der Mentalität: Menschen der Unternehmergesellschaft sind häufig risikofreudiger als andere, möchten unabhängiger und selbstbestimmter arbeiten. Diese Freiheit hat viele Vorteile, wie beispielsweise höhere Stundensätze als bei vergleichbaren Festangestellten oder mehr wechselnde Aufgaben. Die Kehrseite aber ist eine höhere Eigenverantwortung: Freelancer müssen sich allein um ihr Einkommen, sämtliche Sozialleistungen sowie ihre Vorsorge kümmern.

Trotzdem: In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Menschen, die so arbeiten wollen, deutlich angestiegen. Unternehmen hingegen suchen verstärkt Mitarbeiter in Festanstellung. Nicht verwunderlich, schließlich will man in Zeiten des Fachkräftemangels kostbares Know-how so lange es geht im Unternehmen halten. Das zumindest ist die Theorie. Die Realität sieht jedoch anders aus: Durch die gleichzeitig steigende Zahl der freien Stellen – beispielsweise im Bereich der IT-Experten – und die steigende Anzahl von IT-Freelancern bleibt Unternehmen häufig nichts anderes übrig, als Freiberufler zu beauftragen.

Bei der rechtlichen Absicherung hinkt Deutschland hinterher

Die Hemmschwelle zum Einsatz von Selbstständigen ist aber gerade in Deutschland noch sehr hoch. Auch im Jahr 2017, in dem Freelancer längst zu einem wichtigen Teil der deutschen Wirtschaft geworden sind, gibt es nach wie vor einige Grauzonen, die Unternehmen verunsichern. Das große Wort „Scheinselbstständigkeit“ schwebt als Damoklesschwert über deutschen Arbeitgebern. Gerade was die rechtliche Absicherung von Arbeitgebern und Freiberuflern betrifft, sind viele europäische Länder deutlich weiter. In meiner alten Heimat, den Niederlanden, regelt die sogenannte Verklaring arbeidsrelatie (VAR) die Arbeitsbeziehung mithilfe eines zweiseitigen Fragebogens, anhand dessen das Finanzamt die selbstständige Tätigkeit bestätigt – oder eben nicht. Außerdem gibt es klare Musterverträge, die dafür sorgen, dass jeder sich seiner Rechte und Pflichten bewusst ist. Für Behörden, Arbeitgeber und Selbstständige eine verbindliche Basis. In Großbritannien testen wir derzeit sogar ein Onlinetool, das diesen Vorgang noch weiter vereinfachen soll. Deutschland hat hier noch einiges aufzuholen und sollte nicht versäumen, endlich entsprechende Rahmenbedingungen auf den Weg zu bringen.

Meiner Erfahrung nach versuchen Unternehmen in Deutschland – vor allem im Mittelstand –, die Beauftragung von Freelancern größtenteils zu vermeiden, um juristischen Fallstricken aus dem Weg zu gehen. Dadurch verpassen sie wichtiges Know-how, das in Zeiten immer kürzer werdender Innovationszyklen wettbewerbsentscheidend sein kann. Denn im Unterschied zu Arbeitnehmern müssen sich Freelancer noch stärker immer wieder neu beweisen. Und das geht nur, wenn sie technisch immer auf dem neuesten Stand sind.

Die Frage „Festangestellte oder Freelancer?“ sollte sich kein Unternehmen stellen

Zudem herrscht in Deutschland nach wie vor große Verunsicherung durch die immer noch unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen bei der Beauftragung von Freelancern. Das und der Hang zu traditionellen Beschäftigungsformen im Mittelstand – aber auch einigen DAX-Unternehmen – führt häufig zur strikten Trennung von Freelancern und Festangestellten im Arbeitsalltag: Arbeitskleidung, die die Zugehörigkeit zu Fremdfirmen deutlich macht, höhere Preise in der Betriebskantine oder sogar getrennte Arbeitsräume für beide Gruppen sind übliche Methoden bei einigen deutschen Unternehmen. Grund dafür ist nicht das fehlende Vertrauen gegenüber Freelancern. Vielmehr ist es ein Versuch, jegliche rechtlichen Grauzonen zu umgehen. Die Ironie dabei: Gerade das führt zu einer Zweiklassengesellschaft bei Freelancern und Festangestellten. Für die Unternehmenskultur und die Integration von Freelancern ins Team ist diese Methode fatal – und wäre mit dem richtigen juristischen Hintergrund schlicht nicht notwendig.

Die Frage „Festangestellte oder Freelancer?“ ist keine, die sich Unternehmen stellen sollten. Denn beide Arten von Fachkräften bringen Vorteile: Die Planungssicherheit, das interne Know-how und natürlich auch die kalkulierbaren Kosten werden die Ressource „Festangestellte“ für Unternehmen immer unabdingbar machen. Die Ergänzung der Manpower durch Freelancer aber bietet die Möglichkeit, flexibler zu planen und beinahe tagesaktuelles Wissen ins Unternehmen zu holen – natürlich zu einem höheren Preis, der sich in Spitzenzeiten aber lohnt. Mein Plädoyer für Unternehmen ist deshalb: Mehr Mut zu Freelancern!

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Luuk Houtepen
© SThree
Luuk Houtepen

Director Business Development, SThree

Luuk Houtepen ist seit 2012 bei der international agierenden Personalberatung SThree in der DACH-Region tätig und seit 2016 als Director Business Development für die Key-Clients sowie die Business-Development-Strategie zuständig. Houtepen kann auf zehn Jahre Erfahrung im Recruitment sowie in den Branchen IT, Life Sciences, Engineering und Finance blicken. Er kennt die Herausforderungen der aktuellen Arbeitsmarktsituation – sowohl aus Arbeitnehmer- als auch aus Arbeitgeberperspektive.

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