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Kontogebühren und Strafzinsen – Sind nun wir privaten Sparer dran?

Als erstes Geldinstitut in Deutschland verlangt die Raiffaisenbank Gmud künftig Strafzinsen von Privatkunden. Experten erwarten, dass angesichts der Niedrigzinsen bald andere Banken folgen werden.

Viele Banker sind in der Niedrigzinswelt überfordert

Prof. Dr. Bernd Nolte
  • Zwei Drittel aller Volksbanken und Sparkassen sind nicht überlebensfähig
  • Viele Banker sind mit dem Niedrigzins schlicht überfordert
  • Institute leiden überproportional unter den steigenden Regulierungskosten

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Natürlich ist das ärgerlich. Wenn das Girokonto plötzlich nicht mehr 5 Euro im Monat kostet, sondern 10. Wenn die Großmutter, die ihre Geldgeschäfte immer noch in der Filiale erledigt, plötzlich 1,50 Euro pro Überweisung zahlen soll. Und wenn der Sparkassen-Präsident nicht einmal mehr ausschließen kann, dass einige seiner Institute demnächst einen Strafzins erheben – die Sparer für ihre Einlagen also kein Geld mehr bekommen, sondern für die sichere Verwahrung welches zahlen sollen.

Bloß: Die Klagen von Kunden und Verbraucherschützern, so verständlich sie auch sein mögen, führen am eigentlichen Problem vorbei. Die Zeiten, in denen Banken und Sparkassen aus Gier handelten, sind nämlich lange vorbei. Wenn jetzt auf breiter Flur die Gebühren erhöht werden, dann hat das weniger mit Abzocke zu tun – sondern eher mit Notwehr. Viele Bankvorstände sind mit den Folgen der niedrigen Zinsen schlicht überfordert. Sie wissen sich nicht mehr anders zu helfen.

In diesen Zeiten profitieren nur die Vermögenden

Die Zinskrise trifft vor allem die Kleinen. Aber nicht nur die kleinen Sparer. Sondern auch die kleinen Banken. Sie trifft Tante Erna. Und die Sparkasse Hintertupfingen. Wenn Tante Erna früher zu ihrer Bank ging, dann entschied sie sich meistens für die klassischen Sparprodukte. Also für das Sparbuch (man kann es auch Tagesgeldkonto nennen). Für den Ratensparvertrag. Für den Bausparvertrag. Und für die Lebensversicherung. Diese Produkte mögen nicht immer optimal gewesen sein. Aber im Kern erfüllten sie doch ihren Zweck. Und heute? Sind alle diese Produkte mehr oder weniger tot. Sparen lohnt sich nicht mehr. Nicht für Tante Erna, die auch mit vergleichsweise bescheidenen Zinsen, aber einem Höchstmaß an Berechenbarkeit und Sicherheit zufrieden war. Und auch nicht für die Bank.

Die Vermögenden wissen sich zu helfen. Sie schichten um. Gehen in Sachwerte. Und erfreuen sich der steigenden Aktienkurse und des boomenden Immobilienmarkts. An den kleinen Sparern gehen diese Trends weitgehend vorbei. Und auch an der Sparkasse Hintertupfingen. Denn deren Kernklientel sind die Tante Ernas. Und nicht die Vermögenden, mit denen sich auch in Niedrigzins-Zeiten noch lukrative Geschäfte machen lassen.

Das Zinstief ist nur eines von vielen Problemen, mit denen Banken kämpfen

Klar, den Bankberatern wird gesagt, sie sollen jetzt auch Tante Erna Sachwerte näherbringen. Doch viele Berater wollen das gar nicht – sie wissen doch um die Sparpräferenz und die Aktienängste ihrer überwiegend älteren Kunden. Und: Sie kennen sich mit solchen Produkten oft nicht mal selbst aus. Schließlich haben sie die gleichen Präferenzen und Einstellungen wie ihre Kunden. Würden sie sonst in einer Sparkasse arbeiten? Zudem scheuen sie den regulatorischen Aufwand. Denn: Das Zinstief ist ja nur eines von vielen Problemen, mit denen Banken momentan kämpfen. Hinzu kommen die Anforderungen der Regulierer – und dazu gehört auch, jedes Beratungsgespräch auf mehreren Seiten rechtssicher zu dokumentieren. Manchmal, wenn ich mit dem Vorstandschef einer kleinen Bank spreche, dann kriege ich zu hören: „Gestern Abend habe ich schon wieder bis halb zehn in meinem Büro gesessen und mich durch einen englischsprachigen Regulierungstext gekämpft.“ So sieht Bankgeschäft anno 2016 aus.

Zwei Drittel aller Volksbanken und Sparkassen haben eine Bilanzsumme von weniger als 1 Milliarde Euro. Viele dieser Institute sind in dieser neuen Welt kaum überlebensfähig – schließlich leiden sie nicht nur unter dem Zinsverfall, sondern auch überproportional unter den steigenden Regulierungskosten. Die steigenden Kontogebühren sind, bei allem nachvollziehbaren Ärger, lediglich ein Symptom dieses Problems. Die nächsten Jahre werden sehr, sehr bitter werden. Nicht nur für die Kunden. Sondern auch und gerade für die kleinen Geldinstitute vor Ort, die alle in den letzten Finanzkrisen so geschätzt haben. Nicht weil diese Banken von ihren Kunden weniger gebraucht würden. Sondern weil das System sie und ihre Produkte gekillt hat.

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Prof. Dr. Bernd Nolte
© 4P Consulting
Prof. Dr. Bernd Nolte

Vorsitzender der Geschäftsführung, 4P Consulting

Prof. Dr. Bernd Nolte ist Vorsitzender der Geschäftsführung der 4P Consulting GmbH. Nach den Lehrjahren bei der Landesgirokasse Mitte der 80er-Jahre, die ihn als Stipendiaten bis zur Promotion zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften förderte, trat er 1995 ins Bank-Consulting ein. Dort machte er über zwei Berufsstationen eine Karriere vom Berater bis zum Vorstand. 2001 – mitten in der New-Economy-Krise – gründete er zusammen mit Dirk Hörner und einem Startteam von zehn Mitarbeitern die 4P in Stuttgart.

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