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Anonyme Bewerbungen – Eine Patentlösung gegen Diskriminierung?

Herkunft, Alter, Geschlecht – um Bewerber nicht nach Vorurteilen zu bewerten, setzen Unternehmen und Landesregierungen auf eine Anonymisierung. Doch wie sinnvoll ist das Mittel in der Praxis?

Vielfalt eine Chance geben – mit anonymisierten Bewerbungen

Christine Lüders

Leiterin, Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS)

Christine Lüders
  • PersonalerInnen diskriminieren unbewusst und erschweren so den fairen Prozess
  • Dass NRW die anonymisierten Verfahren abschafft, ist unverständlich für mich
  • Diese Verfahren ermöglichen Vielfalt und sichern gleichzeitig die Qualität

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Wozu benötigen Personalverantwortliche eigentlich Informationen zu Familienstand, Alter, Herkunft oder Aussehen? Und was sagt ein Bewerbungsfoto wirklich über den sich Bewerbenden aus?

Ich kann das Argument nicht mehr hören, das Foto zeige seine Persönlichkeit – nur so könne eine ideale Passung ins Team besser vorbereitet werden. Nein, so wird schnell aussortiert, wer nicht ins gewohnte Bild passt.

Studien haben es wiederholt gezeigt: Wenn Sie Yilmaz heißen, dann müssen Sie in Deutschland deutlich mehr Bewerbungen schreiben als mit dem Namen Müller – uns das bei exakt gleicher Qualifikation. Das liegt übrigens nicht daran, dass die Personalerinnen und Personaler bewusst diskriminieren würden. Das tun sie in der Regel nicht – weder in der ersten noch in der zweiten Runde. Unbewusste Vorurteile sorgen dafür, dass sich Bewerbende aussortiert werden. Und die haben dann keine Chance, sich im Bewerbungsgespräch zu präsentieren.

Wir können Vielfalt nur eine Chance geben, wenn wir auch unbewusste Vorurteile überwinden.

Eine Rolle rückwärts in NRW

Nordrhein-Westfalen tut das leider nicht – und macht gerade die Rolle rückwärts ins Bewerbungsmittelalter. Es macht Schluss mit den seit Jahren im Land erprobten anonymisierten Bewerbungsverfahren. Aus Sicht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist das ein unverständlicher Schritt – besonders deshalb, weil der Ausstieg damit begründet wurde, Migrantinnen und Migranten müssten sich in anonymisierten Bewerbungsverfahren „verstecken“.

Wenn Menschen aber erleben, dass sie viermal so viele Bewerbungen schreiben müssen, dann ist das für sie ein Schlag ins Gesicht. Es geht hier nicht ums Verstecken, sondern gerade um das Gegenteil. Anonymisierte Bewerbungsverfahren erhöhen die Chancen für Migrantinnen und Migranten auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch – und auch für Frauen, wie unser Pilotprojekt gezeigt hat.

Wir müssen endlich in der Gegenwart ankommen

Und: Anonymisierte Bewerbungsverfahren sind leicht umsetzbar. Sie erhöhen nachweislich die Qualität der Bewerbungen. Sie lassen zielgenaue Abfragen zur Motivation und zur Qualifikation zu. Und sie machen es vielen Menschen überhaupt erst möglich, im Bewerbungsgespräch mit ihrer Persönlichkeit zu punkten.

Es gibt zum Glück viele Unternehmen und Verwaltungen, die das erkennen. Zwei Beispiele: Die Berliner Verwaltung stellt gerade komplett auf anonymisierte Verfahren um. Siemens, ein Weltkonzern, hat den Verzicht auf Fotos kürzlich ganz bewusst zum Standard gemacht. International ist das längst üblich, private Informationen haben hier zu Recht nichts zu suchen, denn mit der Qualifikation haben sie rein gar nichts zu tun.

Es ist an der Zeit, auch bei Bewerbungsverfahren endlich in der Gegenwart anzukommen, die längst von einer vielfältigen Gesellschaft geprägt ist. Und eine solche Gesellschaft braucht faire Chancen – für alle.

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Christine Lüders
© Christine Lüders
Christine Lüders

Leiterin, Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS)

Christine Lüders (Jg. 1953) ist Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Zuvor war sie unter anderem als Vorstandsreferentin und Abteilungsleiterin bei Lufthansa tätig und leitete das Referat Presse, Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration in Nordrhein-Westfalen. Zuletzt war sie Referatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Beauftragte für Stiftungen im Kultusministerium in Hessen.

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