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Ist das Silicon Valley überbewertet?

Es gilt als globales Zentrum der digitalen Welt: Google, Apple oder Facebook – sie alle sind dort zu Weltmarken geworden. Aber ist das Image als innovatives Schaffenszentrum noch gerechtfertigt?

Vier Dinge, die wir vom Silicon Valley nicht lernen sollten

Dr. Andreas Boes

Vorstandsmitglied, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung

Dr. Andreas Boes
  • Wir führten Feldstudien in der amerikanischen Digitalwirtschaft durch
  • Die Wucht der Veränderung und ihrer Folgen hat uns überrascht
  • Bei aller Inspiration gibt es allerdings auch bedenkliche Faktoren

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Always on: Das Prinzip „Always on“ ist im Silicon Valley gelebte Praxis. Arbeit und Freizeit verschwimmen hier zu kaum noch auseinanderzuhaltenden Lebensaktivitäten. Die kompromisslose Flexibilität von Zeit und Raum bis hin zur Selbstaufgabe ist der Treibstoff für den Erfolg der amerikanischen Digitalwirtschaft.

Hohe Kosten als Antrieb: Es ist dabei nicht nur die Aussicht auf Erfolg, die die Menschen anspornt. Mit Blick auf die hohen Lebenshaltungskosten im Silicon Valley steht hinter der Leistungskultur (auch) ein harter materieller Druck. Bei den hier üblichen „at will contracts“ gibt es keinen Kündigungsschutz. Unternehmen können ihre Mitarbeiter jederzeit und „ohne Umstände“ entlassen. Was wir im Valley in der Folge beobachten, ist ein „System permanenter Bewährung“ ohne Auffangnetz.

Working on My Own: Statt mit fest angestellten Beschäftigten zu arbeiten, greifen Unternehmen immer mehr bedarfsgerecht auf flexible und über die Cloud global verfügbare Freelancer zurück. Damit revolutionieren sie auch die Organisation hoch qualifizierter Wissensarbeit; klassische soziale Bindungen im Job werden im Silicon Valley dadurch aber häufig ab- und aufgelöst. Es gibt jedoch auch andere Varianten, zum Beispiel abgeschottete Campus-Strukturen nach dem Vorbild Googles, eines Kosmos, dem die Mitarbeiter – belohnt durch lukrative Aktienbeteiligungen – während ihres Beschäftigungsverhältnisses kaum entkommen können.

Die junge Konkurrenz schläft nicht: Selbst „Professionals“, die gut im Geschäft sind, stehen unter ständiger Beobachtung und müssen sich ihre Position immer wieder neu erkämpfen. Sie zahlen zum Teil einen hohen Preis für ihren Erfolg. Trendsetter dieser neuen Form von Leistungskultur sind die Start-ups, die im Schichtensystem des Silicon Valley die Funktion des „Basis-Layer“ übernehmen. Sie machen mit viel Idealismus die Kärrnerarbeit für die Big Player, halten den Gründergeist am Leben und sich selbst aufrecht durch ihre Vision vom „Next Big Thing“. Dabei sind sie auch ohne eigene finanzielle Sicherheiten schnell handlungsfähig, vorausgesetzt, sie können ihre potenziellen Geldgeber mit einer guten Reputation und stets disruptiven Geschäftsideen überzeugen – dies aber nach jeder Entwicklungsetappe von Neuem.

Unser Fazit: Das Innovationssystem Silicon Valley funktioniert, aber vermutlich nur so lange der Boom anhält. In Deutschland müssen wir einen eigenen und nachhaltigeren Weg einschlagen, um den durch die digitale Revolution hervorgerufenen historischen Umbruch zu bewältigen. Dabei gilt es, die neuen Produktions- und Arbeitsmodelle auf Basis unserer gewachsenen industriellen Strukturen zu gestalten, ohne dabei unser bewährtes Sozialmodell zur Disposition zu stellen. Statt auf blinden Technizismus setzen wir auf die Menschen. Deswegen ist es entscheidend, Beschäftigte und Führungskräfte in die neue Ökonomie mitzunehmen und sie zu befähigen, sich selbstbewusst und kompetent in die Gestaltung der digitalen Gesellschaft und Arbeitswelt einzumischen.

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Dr. Andreas Boes
© ISF
Dr. Andreas Boes

Vorstandsmitglied, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung

Dr. Andreas Boes ist führender Experte für das Thema „Informatisierung der Gesellschaft und Zukunft der Arbeit“ und leitet die gleichnamige Forschungsgruppe, die er seit 2007 am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München (ISF) aufgebaut hat. Er gehört dem Vorstand und Institutsrat des ISF sowie dem Direktorium des Munich Center for Internet Research (MCIR) an und ist Privatdozent an der Technischen Universität Darmstadt. Er ist Mitglied der Kommission „Zukunft der Arbeit“ des Gewerkschaftsbunds.

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