Problems logging in

Digitalisierung: Sind wir gerüstet für die Zukunft?

Kaum ein Lebensbereich, der nicht von der Digitalisierung betroffen ist. Besonders Unternehmen müssen sich der Transformation stellen, um zukunftsfähig zu bleiben. Wie kann das am besten gelingen?

Vier Schritte, mit denen Deutschland innovativ bleibt

Deepa Gautam-Nigge
  • Deutschland ist deutlich innovativer, als viele glauben
  • Aber noch immer gibt es zu viel Potenzial, das wir nicht nutzen
  • Von Unternehmen bis Hochschulen – in vier Bereichen muss sich etwas ändern

4,709 responses

Ja, Themen wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz stellen unsere Schlüsselindustrien vor große Herausforderungen. Ja, Plattformanbieter wie Google, Alibaba oder Uber überholen in punkto Marktkapitalisierung in Lichtgeschwindigkeit manches DAX-Unternehmen. Aber wenn mich jemand fragt, ob Deutschland noch immer ein innovatives Land ist, antworte ich mit einem selbstbewussten „Ja“.

Nach wie vor sind wir eine erfolgreiche Exportnation – trotz Konkurrenten mit viel größeren Binnenmärkten wie den USA oder planwirtschaftlicher Innovationsförderung wie China. Dazu trägt neben unseren global agierenden Großkonzernen vor allem unser starkes Fundament aus Familienunternehmen und mittelständischen Weltmarktführern bei. Gleichzeitig sehen wir immer mehr Erfolgsgeschichten von deutschen Start-ups. Durch die Kombination dieser beiden Welten können wir selbstbewusst im globalen Wettbewerb auftreten. Dazu müssen wir vier Handlungsfelder systematisch ausbauen und miteinander verzahnen.

1. Innovationscluster müssen den Austausch zwischen Unternehmen fördern

Daimler und BMW haben es mit dem Bündeln ihrer Carsharing-Services vorgemacht: Coopetition, die Kombination von Konkurrenz und Kooperation. In der Softwarebranche seit jeher gelebte Praxis, setzt dieses Konzept nicht nur Innovationspotenzial frei, sondern schafft zudem in diesem Beispiel für beide Unternehmen die Möglichkeit, sich international neue Zielgruppen zu erschließen. Gleichzeitig stehen die Kooperationspartner weiterhin beim Absatz von Fahrzeugen im Wettbewerb.

Damit Konkurrenten von heute die Partner von morgen sein können, müssen Innovationscluster etabliert und gefördert werden. So wie bereits heute durch die Digital-Hub-Initiative der Bundesregierung. Ich selbst vertrete SAP in diesem Rahmen als einen der Gründungspartner des „Digital Hub Mobility“ in München. In diesem entwickeln wir Lösungen für Smart-City- und Mobility-Unternehmen. So entstand in einem Projekt mit Nokia und Infineon ein Marktplatz für Verkehrsdaten– und ganz nebenbei auch der Prototyp eines Sensors, mit dem Marktteilnehmer Daten wie Verkehrsaufkommen oder Luftverschmutzung selbst erfassen können. Möglich war dies nur, weil Mitarbeiter aus verschiedenen Unternehmen ihre Expertise bündeln konnten.

2. Die Industrie muss Innovationen aus Forschung systematisch nutzen

Ein zweites Feld ist die Innovationskraft der Wissenschaft. Ideen, die in Abschlussarbeiten oder Promotionen und Habilitationen stecken, müssten stärker von der Industrie aufgegriffen und weiterentwickelt werden, vor allem in den Bereichen künstliche Intelligenz, Internet der Dinge und Robotik. In meinem Mentoring-Programm, welches sich gezielt an Gründerinnen richtet, habe ich gesehen, wie aus Forschungsergebnissen erfolgreiche Geschäftsmodelle entstehen können. Beispiele dafür sind etwa die Technologie-Start-ups Franck.AI und Kumovis.

Eine in Europa einmalige Blaupause für die industriell gestützte Förderung von Lehre und Forschung zeigt die Technische Universität München (TUM). Anders als in Gründerkollegs, die oft nur Unterstützung für möglichst ausgereifte Ideen bieten, setzt die TUM seit 18 Jahren gemeinsam mit dem Innovations- und Gründungszentrum „UnternehmerTUM“ darauf, das Berufsbild des Gründers früh als Karriereoption bei Studenten zu verankern. Diese finden dort unter einem Dach vielfältige Unterstützung: bei der Ausarbeitung ihrer Idee, der Entwicklung von Prototypen, der Suche nach Mitgründern oder Unternehmenspartnern bis hin zur Finanzierung durch einen eigenen Fonds. Das beeindruckende Ergebnis: Mittlerweile entsteht so durchschnittlich eine Neugründung pro Woche.

3. Die Politik muss Investoren stärker fördern

Drittes Handlungsfeld ist die Innovationsfinanzierung. Auch wenn sich die Situation für Start-ups in der Startphase erfreulich entwickelt, gibt es weiterhin eine eklatante Lücke, wenn es um zwei- bis dreistellige Millionenbeträge für die Wachstumsfinanzierung geht. So lange es in Deutschland keine Wachstumsfonds gibt, müssen wir Bedingungen für Finanzierungen schaffen, die über die klassischen Investments durch Risikokapitalgeber und deren systemimmanente Ungeduld hinausgehen.

In den USA werden Wachstumsfonds überwiegend aus Geldern von Pensionskassen gespeist. Hierzulande dürfen diese Gelder jedoch kaum bis gar nicht in diese Art der Risikokapital-Anlage investiert werden. Alternativ gäbe es jedoch Family Offices, Stiftungen oder Hidden Champions im Mittelstand, die zu solchen Finanzierungen in der Lage wären. Warum gibt es für solche potenziellen Investoren nicht bessere Anreize, etwa in Form einer Art steuerlichen Gutschrift? Würde in einer Verlustsituation die Förderung als Zuschuss ausgezahlt, könnten davon gleichzeitig Start-ups profitieren. Darüber hinaus würden auch Einzelpersonen Kapital bereitstellen, wenn man ihnen entsprechende steuerliche Anreize böte, wie es in Frankreich seit 1997 der Fall ist.

Ein Beispiel für Innovationsförderung aus dem Mittelstand ist die Firma EOS, ein Hidden Champion für 3D-Druck, der gemeinsam mit AM Ventures einen Fonds aufgelegt hat, der in junge Unternehmen im Bereich Additive Manufacturing investiert. So fördert EOS Innovationen – und hat gleichzeitig einen Indikator für Entwicklungen in seiner Branche sowie potenzielle Kooperationspartner.

4. Unternehmen müssen mit Start-ups zusammenarbeiten

Das führt mich zum vierten und vielleicht entscheidenden Punkt: unsere Innovationskultur. Erfreulicherweise ist das Thema Gründen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, nicht zuletzt durch Fernsehsendungen, in denen Gründer die neuen „Topmodels“ sind. Auch wenn ich solchen Formaten keinesfalls vorbehaltlos gegenüber stehe, schaffen sie Bewusstsein für Gründergeist und die Akzeptanz dafür, dass Scheitern dazu gehört.

Die Digitalisierung zwingt auch alteingesessene Unternehmen dazu, eine neue Denkweise zu etablieren, die sich nicht nur über Abteilungsgrenzen hinwegsetzt, sondern auch offen ist für die Zusammenarbeit von etablierten Unternehmen mit Start-ups. Letztere bringen innovative Produkte und agile Entwicklungsmöglichkeiten mit, erstere stabile Kundenbeziehungen und ein Distributionsnetzwerk. Ein Beispiel für diese Win-Win-Situation ist die Allianz, die sich an dem Gebrauchtwagenportal Instamotion beteiligt hat, um ein neues Geschäftsfeld zu erschließen, statt es von Grund auf neu zu entwickeln.

Victor Hugo sagte: „Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte. Für die Tapferen ist sie die Chance.“ Dem schließe ich mich vorbehaltlos an.

Was denken Sie?


Deepa Gautam-Nigge ist Rednerin auf dem ersten Emotion Women’s Day, der am 6. Mai im Hamburger Curio-Haus stattfindet. Das internationale Event rund um Karriere, New Work und Netzwerken wird in Kooperation mit den OMR ausgerichtet, XING ist Medienpartner der Veranstaltung.

Posted:

Deepa Gautam-Nigge
© Gautam-Nigge
Deepa Gautam-Nigge

Next-Gen Innovation Network Manager, SAP

Deepa Gautam-Nigge (Jg. 1973) studierte BWL mit Schwerpunkt Technologie- und Innovationsmanagement. Seit rund 20 Jahren ist sie in der Software-Branche tätig, insbesondere im Business Development. Beim Softwareunternehmen SAP bringt sie als „SAP Next-Gen Innovation Network Manager“ Start-ups mit wissenschaftlichen Einrichtungen, Unternehmen und Investoren zusammen. Sie unterstützt junge Gründerinnen durch ein eigenes Mentoring-Programm und ist Beraterin beim Venture-Capitalist Earlybird.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more