Problems logging in

Freiwillige Entwicklungshelfer: Ein Benefit für beide Seiten?

Ob nach dem Abi, während der Semesterferien oder im Sabbatical – immer mehr verbinden ihren Urlaub mit Entwicklungshilfe. Doch Experten kritisieren: Voluntouristen schaden mehr, als sie helfen.

Prof. Dr. Axel Dreher
  • Junge Menschen setzen vermehrt auf Freiwilligenarbeit in ihrem Urlaub
  • Statt zu helfen, geht es hier mehr um das eigene Erlebnis und Gewissen
  • Geldzahlungen und multilaterale Organisationen sind die bessere Hilfe

729 responses

Sie haben das Abi in der Tasche oder suchen nach einer sinnvollen Beschäftigung für die Sommerferien: junge Menschen, die ihren Urlaub an exotischen Orten verbringen und gleichzeitig helfen wollen. Es geht ihnen jedoch mehr um das eigene Erlebnis und das eigene Gewissen als wirklich darum, zu helfen. Eine Woche lang im Süden Kapstadts ein Haus aufzubauen kostet häufig mehr als 2000 Euro. Mit jeder weiteren Woche sinkt der Preis. Ab vier Wochen fällt er zwar unter 1000 Euro. Die Kosten für Flüge und Visum sind hier aber noch nicht dabei.

Es werden also mehrere Tausend Euro dafür bezahlt, ein Haus aufzubauen, in einer Schule auszuhelfen oder Waisenkinder zu betreuen. Dinge, die man genau genommen nicht gut kann und nicht gelernt hat. Damit ist niemandem geholfen. Es sollte sich niemand einreden, dass diese Tätigkeiten als Entwicklungshilfe durchgehen. Würden wir unsere Kinder etwa von jemandem unterrichten lassen, der nie pädagogisch ausgebildet wurde? Oder würden wir Waisenkinder von jungen Menschen betreuen lassen, die nach wenigen Wochen wieder weg sind?

Keiner weiß, ob unsere bisherigen Hilfen sinnvoll waren

Das System erinnert stark an das Denken in der Kolonialzeit: „Der weiße Mann hat zwar nichts gelernt, aber hilft euch und sagt euch, wie es geht.“ Leider sind viele Helfer nie ganz von dieser bevormundenden Haltung des Missionars weggekommen. Nach wie vor baut die Hilfe auf der Annahme auf, dass Entwicklungsländer sich nicht selbst helfen können. Es heißt, auch demokratisch legitimierte Regierungen würden die finanziellen Mittel fehlinvestieren, beispielsweise indem sie ihre Geburtsregion oder Menschen ihrer eigenen Ethnie fördern oder Prestigeprojekte umsetzen. Daher zwingen wir ihnen unsere Bedingungen auf. Und der Voluntourismus – auch in der besten Absicht – fördert überkommene Muster: Die Weißen als Helfer, die Schwarzen als Empfänger.

Ob das derzeitige Vorgehen in der Entwicklungszusammenarbeit zu nachhaltigem Wirtschaftswachstum führt, weiß keiner. Schon die Folgen der offiziellen Entwicklungshilfe lassen sich nicht so einfach messen. Man kann zwar die Kapitalflüsse nachvollziehen und einzelne Projekte bewerten, die vielen positiven und negativen Nebeneffekte dieser Mittel lassen sich mit den verwendeten statistischen Methoden aber nicht präzise bewerten. Die Wissenschaft ist uneins, ob die offizielle Hilfe insgesamt Positives bewirkt. Noch viel weniger lassen sich die Folgen des Voluntourismus seriös beurteilen. Vergleicht man die hohen Kosten mit dem oft geringen Nutzen, fällt es aber schwer, zu glauben, es könne keine besseren Alternativen geben.

Es gibt bessere Alternativen

Was kann man also tun, um zu helfen? Statt als Entwicklungstourist in arme Länder zu reisen, können Projekte aus der Ferne finanziell unterstützt werden. Die Nichtregierungsorganisation Give Directly beispielsweise vergibt direkt Gelder an die Bedürftigen. Sie hilft in den armen Regionen Kenias. Ihre Mitarbeiter identifizieren vor Ort die armen Haushalte, beispielsweise basierend auf der Bauweise der Häuser. Den Armen wird dann mit Geld geholfen – sie können selbst entscheiden, wofür sie es einsetzen. Das hat sich als effektiv erwiesen.

Insgesamt ist die Entwicklungszusammenarbeit aber eine staatliche Aufgabe. Statt mit Spenden das eigene Gewissen zu beruhigen, sollte über den demokratischen Prozess darauf hingewirkt werden, dass unsere Steuergelder sinnvoller eingesetzt werden. In Demokratien sollte die Hilfe als Budgethilfe gegeben werden, anstatt gewählten Regierungen vorzuschreiben, wo und wie sie das Geld verwenden sollen. Die Gelder sollten über mehrere Jahrzehnte fixiert und langsam reduziert werden. Auch die offizielle Entwicklungszusammenarbeit bevorzugt die Bevormundung. Aber wenn die Hilfe schon für konkrete Projekte gegeben werden muss, sollte sie über multilaterale Organisationen fließen, um so den bürokratischen Aufwand der Empfänger aus der Interaktion mit einer Vielzahl bilateraler Geber im Zaum zu halten. Die bilaterale Projekthilfe sollte keine Zukunft haben.

Stattdessen wird weiterhin bilaterale Hilfe in ausgewählte Projekte fließen. Denn die Geberregierungen verfolgen mit den Hilfen auch eigene Interessen. Sie setzen die Gelder ein, um Stimmen in internationalen Organisationen zu kaufen, den Handel und die eigene Wirtschaft anzukurbeln, den weltweiten Terrorismus zu bekämpfen und die Flut von Migranten nach Europa zu stoppen. Diese Gelder sollten nicht als Entwicklungshilfe verbucht werden, denn ihr primäres Ziel ist nicht die Entwicklung der Empfängerländer. Dass sie in der Summe kein nachweisbares Wirtschaftswachstum erzeugen, überrascht nicht. Wenn die Hilfe der Entwicklung dienen soll, muss sie für Entwicklung gegeben werden. Es wird Zeit, die Motive aus der Kolonialzeit hinter uns zu lassen.


Auch interessant:

„Ein ‘Marshallplan’ für Afrika – Wer profitiert wirklich?“

Posted:

Prof. Dr. Axel Dreher
© Universität Heidelberg
Prof. Dr. Axel Dreher

Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik, Uni Heidelberg

Seit 2015 ist Axel Dreher Professor für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Vorherige Stationen waren die Georg-August-Universität Göttingen, die ETH Zürich, die Universität Konstanz und die Universität Exeter. Seinen Forschungsschwerpunkt legt Dreher unter anderem auf die Entwicklungspolitik.

Show more

Get a free XING profile and read regular "Klartext" articles.

As a XING member you'll be part of a community of over 14 million business professionals in German-speaking countries alone. You'll also be provided with a free profile along with access to interesting news, jobs, groups and events.

Learn more