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Großraumbüros: Fluch oder Segen?

Das Konzept des Großraumbüros ist unangefochtener Spitzenreiter bei den Bürolandschaften. Es soll die Kommunikation und Teamarbeit erleichtern, kann aber auch zur Belastung für die Mitarbeiter werden.

Wann der Traum der offenen Bürolandschaft zum Irrweg wird

Prof. Dr. Christian Scholz

BWL-Professor und Autor, Universität des Saarlandes

Prof. Dr. Christian Scholz
  • „Desk-Sharing“ und Großraum-Strukturen sind heute in Unternehmen gefragt
  • Dabei wird jedoch übersehen, dass diese für die Mitarbeiter nachteilig sind
  • Besser wäre es, auf eigene Schreibtische und „alternative Zonen“ zu setzen

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Im „ARD-Morgenmagazin“ war die Story schnell erzählt: Ein Berater kommt ins Büro, sucht sich einen freien Tisch, öffnet seinen Laptop und fängt an zu arbeiten. Jetzt kann das Ganze extrapoliert werden und ergibt – egal ob Microsoft, Lufthansa, Siemens oder Adidas – die „Deutsche Standard-Bürolandschaft“ mit ihren drei Standardelementen:

Erstens „Desk-Sharing“: Mitarbeiter haben grundsätzlich keine eigenen Schreibtische. Sie müssen sich entweder jeden Tag selbst einen suchen oder bekommen diesen zugewiesen. Eng verbunden damit ist die Clean-Desk-Policy: Allabendlich ist der Schreibtisch leer zu hinterlassen. Vorteil: weniger Quadratmeter pro Mitarbeiter. Nachteil: „Unwohlsein“, denn Menschen sind keine Nomaden, und niemand sucht gern jeden Tag (s)einen Arbeitsplatz. Und: Eigenkündigungen und Demotivation von verärgerten Mitarbeitern. Dabei geht es auch um Symbolik: Mitarbeiter sind dem Unternehmen keinen eigenen Schreibtisch mehr wert. Das Abschaffen eigener Schreibtische ist eine gefährliche Modeerscheinung, die an den Bedürfnissen der Mitarbeiter vorbeigeht. Also: eigener Schreibtisch für alle Mitarbeiter, außer für solche, die weniger als drei Tage pro Woche im Büro sind.

Zweitens „Open Office“: Trennwände entfallen, und im Extremfall arbeiten Hunderte Mitarbeiter in einem einzigen Raum. Großraumstrukturen ohne eigene Schreibtische führen zu einer extremen Kontrolle durch Transparenz. Angeblich führen sie auch zu erhöhter Kommunikation, über deren Produktivität man aber trefflich streiten kann. Vorteil: vielleicht etwas erzwungene Interaktion, definitiv aber perfekte Kontrolle für Führungskräfte, aber auch Sozialkontrolle durch Kollegen (ein wirklicher Vorteil?). Klarer Nachteil: Belästigungen, unter anderem durch Lärm, reduzieren Konzentration und produzieren Stress, letztlich also Fehlzeiten und Fluktuation.

In einer Großraumstruktur mit Geräuschbelästigung und permanenter Ablenkung können die Mitarbeiter nur begrenzt Leistung erbringen. Also: Von Ausnahmen abgesehen, sollten nie mehr als sechs Personen in einem Raum arbeiten.

Drittens „alternative Zonen“: Hierzu gehören Besprechungsräume, Bereiche zur spontanen Interaktion, Ruhebereiche, Cafeteria-Ecken und Kaffeeautomaten, Sportgeräte (Kicker, Tischtennis), Kreativfelder und vor allem Orte, „an denen Ungeplantes entsteht“. Gerade für dieses dritte Element gibt es erfreulicherweise wirklich interessante Varianten, die von autistischer Isolation bis hin zur extremen Massenagilität alles abdecken. Vorteil: unbegrenzt. Nachteil: teuer und deshalb letztlich nicht der Regelfall.

Alternative Zonen sind selten und werden allenfalls zur Kompensation der Nachteile von Desk-Sharing und Open Office initiiert, was aber nicht funktioniert. Also: mehr eigenständiger Mut zu alternativen Zonen!

Es ist naiv, wenn Befürworter von Desk-Sharing und Großraum-Strukturen lapidar darauf hinweisen, man müsse Mitarbeiter einfach besser mitnehmen. Deshalb ist von den ersten beiden Elementen der „Deutschen Standard-Bürolandschaft“ eindeutig abzuraten.

Natürlich können Unternehmen den Traum von wunderschön offenen Bürolandschaften mit ihrer grenzenlosen Kommunikation und ihrer angeblich so beeindruckenden Kostenkalkulation träumen. Zumindest aber Unternehmen, die sich zurzeit in der Planungsphase für neue Bürokonzepte befinden, sollten auf eigene Schreibtische für ihre Mitarbeiter setzen und diese mit flexiblen, architektonisch-schönen „alternativen Zonen“ kombinieren und in Bürolandschaften integrieren: zum Wohle der Mitarbeiter und zum Wohle des Unternehmens.

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Prof. Dr. Christian Scholz
© Sarah Mack
Prof. Dr. Christian Scholz

BWL-Professor und Autor, Universität des Saarlandes

Prof. Dr. Christian Scholz wurde 1986 an die Universität des Saarlandes berufen. Er publiziert in wissenschaftlichen Zeitschriften, schreibt aber auch Kolumnen in Zeitungen und bloggt seit 2006 als „Per Anhalter durch die Arbeitswelt“. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen zwei Lehrbücher zum Personalmanagement sowie die Trendstudien zum Darwiportunismus (2003) und zur „Generation Z“ (2014).

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