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Zahl der Pendler auf Rekordhoch: Lieber Homeoffice als auf der Straße?

Bundesumweltministerin Hendricks will mit Blick auf den Umweltschutz Betriebe unterstützen, die auf umweltfreundliche Varianten für den Arbeitsweg setzen. Kritiker monieren, das dies nicht ausreiche.

Warum das Homeoffice die bessere Alternative zum Pendeln ist

Harald R. Fortmann
  • Bundesumweltministerin Hendricks will Pendler von der Straße locken
  • Das einzige Potenzial bietet die Förderung von Homeoffice-Angeboten
  • Homeoffice würde die Straßen von Hunderttausenden Pendlern befreien

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Die Zahl der Pendler in Deutschland bewegt sich auf Rekordniveau. Nach Angaben des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) pendelten 2016 bundesweit 60 Prozent aller Arbeitnehmer zum Job in eine andere Gemeinde, im Jahr 2000 waren es noch 53 Prozent. Pendeln zur Arbeit bedeutet volle Straßen und Autobahnen, grimmige Gesichter in den S- und U-Bahnen und schlechte Luft. Ein Start in den Tag könnte deutlich besser aussehen. Besonders belastend für die meisten Pendler ist nicht nur die Fahrt zur Arbeit an sich, sondern die vertane Zeit. Statt im Stau auf den Auspuff des Vordermanns zu schauen, könnten Arbeitnehmer die ersten ein bis zwei Arbeitsstunden mit einem Kaffee am heimischen Schreibtisch produktiv verbringen und zwischendurch aus dem Fenster auf grüne Bäume blicken.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks will nun mit Blick auf den Umweltschutz die Betriebe unterstützen, die auf umweltfreundliche Varianten für den Arbeitsweg setzen. Eine dringliche und gute Aktion. Hendricks setzt zu diesem Zweck auf bessere Mobilitätsbedingungen wie Jobtickets, die gemeinsame Nutzung von Autos, Fahrradstellplätze und flexible Homeoffice-Angebote. 25 Millionen Euro will das Bundesverkehrsministerium in Fahrradschnellwege investieren, um Pendler auf das Fahrrad zu locken. Aber reicht das aus?

Vorschläge wie Fahrradschnellwege und Jobtickets bringen nichts

Ein Tropfen auf den heißen Stein – denn die Fahrradwege und Straßen in den bundesdeutschen Innenstädten befinden sich in einem schlechten Zustand. Wenn potenzielle Radfahrer von den modernen Fahrradschnellwegen auf die maroden Wege in den Städten stoßen, steigen die meisten schnell wieder auf Auto und öffentliche Verkehrsmittel um. Gerade Menschen, die sich mit dem E-Bike auf den Weg zur Arbeit machen würden, nähmen davon schnell wieder Abstand, weil sie Angst haben müssten, über Schlaglöcher und hohe Kantsteine zu stürzen. Bund, Länder und Städte müssen bei der Verbesserung der Infrastruktur enger zusammenarbeiten.

Auch bei den Jobtickets wundert mich der Vorstoß. Viele Unternehmen bieten bereits Jobtickets an. Kein Wunder, sind diese doch steuerlich vergünstigt. Hier sind vor allem die Verkehrsbetriebe gefragt. Jobtickets sollten auch für Unternehmen angeboten werden können, die nicht mit der Masse an Ticketnutzern punkten können. Das Thema Fahrradstellplätze ist ebenfalls nicht nur Unternehmensthema. Die Städte müssen zügig weitere Fahrradständer aufstellen. Auch sollte das Thema Dienstfahrrad – sei es E-Bike oder muskelbetrieben – weiter unterstützt werden.

Bis die Hendricks-Maßnahmen in Bezug auf Infrastrukturverbesserung zünden, sehe ich nur eine Alternative, um Umwelt und Menschen zu entlasten: das Homeoffice.

Arbeitgeber müssen endlich umdenken

Noch liegt Deutschland beim Anteil der Personen im Homeoffice unter dem EU-Durchschnitt und deutlich hinter Frankreich, dem Vereinigten Königreich oder den skandinavischen Ländern zurück. Laut „DIW Wochenbericht“ (5/2016) arbeiten nur zwölf Prozent aller abhängig Beschäftigten in Deutschland überwiegend oder gelegentlich von zu Hause aus. Oft scheitert der Wunsch nach Heimarbeit an den Arbeitgebern. Würden sie umdenken, könnte der Anteil auf über 30 Prozent steigen. Das könnte die deutschen Straßen von Hunderttausenden Pendlern befreien.

Gerade im Rahmen der digitalen Transformation unserer Wirtschaft bieten sich eine Vielzahl von technischen Möglichkeiten, um Menschen im Homeoffice besser in den Unternehmensalltag einzubinden. Kollaborationstools wie Cloudlösungen und Slack ermöglichen, dass von unterschiedlichen Standorten gleichzeitig an Dokumenten gearbeitet und in einer größeren Gruppe kommuniziert werden kann. Videocalls machen Meetings oftmals überflüssig, ohne dass man sich fremd ist.

Und auch wenn wir uns die Entwicklung der Arbeitswelt anschauen, kann das Homeoffice eine sinnvolle Lösung darstellen: Der Anteil ortsgebundener und einfacherer Tätigkeiten wie Kassierer, Paketbote und Co. wird zwar eher zurückgehen, doch steigt dafür der Anteil der qualifizierten Beschäftigungen. Und diese lassen sich auch zu Hause flexibel erledigen. Insbesondere bei Routinearbeiten sind die Menschen im heimischen Büro oft effizienter. Einer Studie des Stanford-Ökonomen Nicholas Bloom zufolge stieg die Produktivität bei Beschäftigten, die Kundenanfragen zu Hause am Telefon bearbeiten, um 13 Prozent. Im Büro werden Tätigkeiten nicht unbedingt besser erledigt. Es droht Ablenkung, die im Homeoffice fehlt. Außerdem ist nicht gesagt, dass Menschen, die in einem Unternehmen auf zwei unterschiedlichen Etagen sitzen, sich öfter sehen als der Homeworker und sein Kollege im Büro.

Bei Yahoo ging es nach der Kehrtwende zurück zum Büro erst richtig bergab

Bessere Homeoffice-Angebote nutzen den Unternehmen, weil sie gesündere und motivierte Mitarbeiter hervorbringen. Der Stresslevel durch die fehlende Fahrzeit wird reduziert und kann produktiv eingesetzt werden. Gerade für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bietet die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, einen enormen Vorteil, denn so können die Erziehenden eine höhere Stundenzahl zur Verfügung stellen.

Um weniger Nachteile hinsichtlich der Karriere und Aufstiegsmöglichkeiten zu haben, sollte das Homeoffice aber nicht für jeden Tag gelten. Zumindest ein bis zwei Präsenztage im Büro helfen den Heimarbeitern, in die Unternehmenskultur gut eingebunden zu sein, und den Unternehmen, die Mitarbeiter auch direkt führen zu können. Von einer Kehrtwende zurück zum Büro, wie IBM es gerade vollzieht und auch Yahoo es schon vorgelebt hat, halte ich nichts. Gerade bei Yahoo ging es danach erst richtig bergab.

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Harald R. Fortmann
© D-Level
Harald R. Fortmann

Geschäftsführender Gesellschafter, D-Level

Der Geschäftsführer der Personalberatung D-Level ist insbesondere für die Beratung von Konzernen und mittelständischen Unternehmen bei der Neubesetzung von Führungsgremien zuständig. Zudem begleitet er diese bei der strategischen Planung ihrer digitalen Transformation. Fortmann unterstützt den Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) als Botschafter für das Thema Arbeitswelt der Zukunft und hat unter anderem mit dem Bundesarbeitsministerium an den Entwürfen zu Arbeit 4.0 gearbeitet.

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