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Rezo und die Volksparteien: Scheitern sie an der Digitalisierung?

Nach einem Video des Youtubers Rezo forderte CDU-Chefin AKK Regeln für „Meinungsmache“ im Internet - und zeigte der jungen Generation damit ihr eigenes Unverständnis. Wie kann es nun weitergehen?

Warum der Fall Rezo Union und Journalisten überfordert

Dirk Benninghoff
  • Journalisten wie Politiker begegneten Youtube bisher vor allem im Kinderzimmer
  • Beide Gruppen eint ihre Ratlosigkeit
  • Wer nicht selbst zeitgemäße Influencer aufbaut, hat verloren

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Der Angriff war plötzlich und bunt. Ein blau-orangener Jungmensch am Mikro vor einem Flipchart und Instrumenten sorgte für Panikattacken bei alten Männern. Die Wutlitanei des Youtubers Rezo, betitelt mit „Zerstörung der CDU“, ist im Grunde ein Angriff auf ein ganzes System, das einst mit Bonner Republik betitelt war. Wie ratlos das Establishment versucht, darauf zu regieren, sieht man dieser Tage beileibe nicht nur bei der CDU-Parteivorsitzenden AKK.

In den guten alten Zeiten gab es den Politiker, der mit viel Augenmaß und langer Weile Politik machte. Gut ausverhandelt und nicht zu hastig, denn Disruption und Klimawandel gab es noch nicht. Dafür den Journalisten, der diese Politik erklärte, damit der Politiker das selbst nicht musste. Beide pflegten ein enges Verhältnis, man ernährte sich ja gegenseitig. Der eine konnte ohne den anderen nicht bestehen. Das Zweigestirn regierte auch in der Berliner Republik noch lange. Nach einigen Jahren aber kamen Zweifel auf. Die Menschen hatten immer weniger Lust auf die Politikerklärer, und so mancher Politiker machte das dann lieber selbst. Wozu gab es schließlich dieses Internet?

Youtuber – spöttisches Schmunzeln war gestern

Einer rabiaten Newcomertruppe namens AfD gelang es gar, komplett ohne geneigte Journalisten auszukommen und dennoch rasant Stimmen zu gewinnen. Die mit üblen Begriffen wie „Lügenpresse“ und „Mainstreammedien“ garnierte Öffentlichkeitsarbeit der Rechtsausleger, die ihre Attacken auf das System in erster Linie über Social Media fuhren, zeigte, dass eine erfolgreiche Partei Journalisten mittlerweile nicht nur nicht mehr „brauchte“, sondern sie sogar zum Gegner haben konnte.

Und jetzt also Rezo. Die distinguierten, grau melierten, hoch gebildeten Politikerklärer mit Lebensziel Hauptstadtbüroleiter begegneten Youtube bislang nur in den Zimmern ihrer Sprösslinge. Gönnerhaft lächelnd schmückten sie sich gern mit der Unkenntnis über die ganzen jungen Leute, die zwar den eigenen Nachwuchs begeisterten, ihnen selbst aber gänzlich fremd blieben. Einfluss auf das System, wie sie, hatten die komischen Vögel aus dem Internet ja schließlich nicht. Wie auch? Quatschten ja den ganzen Tag nur über Videospiele, Klamotten und Musik. Ihre Welt war das Kinderzimmer, nicht das Borchardt.

Die junge Generation liest keine Faktenchecks

Und nun quatscht da auf einmal einer über Politik. Darf der das? Schaut man sich die Reaktionen der Politikerklärer an, so lautet die Antwort: Nein. Sie heißen Deppendorf (mehr „außer Dienst“ in einer Vita geht eigentlich kaum) oder Altenbockum. Und sie kommen einfach nicht damit klar, dass Millionen Menschen sich jetzt von so einem Politik erklären lassen. Am Anfang twitterten sie noch spöttisch schmunzelnd „Googelt Rezo…“, bevor sie sein 55-Minuten-Epos dann verzweifelt einem Faktencheck unterzogen.

Natürlich gab’s dabei einiges zu beanstanden. Denn Rezos Machwerk ist ein zorniger Weckruf und keine Analyse. Natürlich ist er populistisch und zeugt hier und da nicht von überragender Sachkenntnis. Der Vorwurf, es sei unjournalistisch, ist aber schlichtweg lächerlich, denn Rezo ist kein Journalist und wird auch nicht vorhaben, einer zu werden. Welcher junge Mensch hat das überhaupt noch vor? Und so wird kaum einer der von Rezo Angesprochenen die Faktenchecks von „FAZ“ und Co. überhaupt lesen. Die Arbeit der Politikerklärer führte mal wieder ins Leere. Wie so oft in der vergangenen Zeit.

Ziemiak hatte schon den richtigen Weg eingeschlagen

Noch hilfloser als die Erklärer zeigten sich die Politiker. Über die Versuche der CDU, Rezo zu begegnen oder ihn und die Meinungsfreiheit zu diskreditieren, soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Doch wie begegnet man einem wie Rezo richtig? Die Diskussionseinladung von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak war eigentlich der richtige Weg. Ein Streitgespräch auf Youtube könnte bei den Jungen (und mittlerweile auch bei Mittelalten) die Aufmerksamkeit für die Union kreieren, die ein Faktencheck der „FAZ“ nicht hat. Müsste Rezo halt noch mitspielen …

Es klingt banal, ist aber ganz einfach richtig: Die etablierten Parteien müssen endlich Lösungen und Strategien für ihre Kommunikation der Zukunft finden, wollen sie nicht gemeinsam mit ihren alten Erklärern untergehen. Wenn sie schon keine Glaubwürdigkeit bei den Themen haben, die junge Menschen umtreiben, wie das Klima, und keine Protagonisten mit jugendlicher Strahlkraft, wie Robert Habeck von den Grünen. Hintergrundkreise, Schnitzel im Borchardt, Sommerinterview mit dem ZDF – das ist Bonner Republik mit Berliner Einschlag. Für den nachwachsenden Wähler wird das zunehmend irrelevanter. Ihn interessiert nicht, ob Peter Frey im ZDF die Wahl erklärt oder Peter Schilling. Wer künftig nicht selbst (zeitgemäße!) Influencer aufbaut, hat verloren.


Diskutieren Sie mit: Wie stehen Sie zu den Reaktionen und Äußerungen der CDU? Wird hier die Meinungsfreiheit infrage gestellt?

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Dirk Benninghoff
© Fischer Appelt
Dirk Benninghoff

Chefredakteur, Fischer Appelt

for Medien und Marketing

Dirk Benninghoff ist Chefredakteur von Fischer Appelt. Bevor er zu der PR-Agentur wechselte, war er als Chef vom Dienst für „Bild.de“ aus Berlin und Los Angeles tätig, wo er die Nachtredaktion der Boulevardplattform mit aufgebaut hatte. Zuvor war er News-Chef des Magazins „Stern“ und „stern.de“ und schrieb auch bei den Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien, bei denen er von 2002 bis 2008 Börsenkorrespondent der „Financial Times Deutschland“ war.

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