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Neue Arbeitswelt: Ist New Work wirklich ein Heilsbringer?

Flexibilität, Homeoffice und Shared Leadership: Immer mehr Unternehmen setzen auf neue Arbeitsmethoden. Was vielfach als Gewinn für die Mitarbeiter gefeiert wird, hat aber auch seine Schattenseiten.

Warum der Traum von New Work zum Albtraum werden kann

Markus Albers
  • Neues Arbeiten ist inzwischen selbst in Großunternehmen Mainstream
  • Sein erhofftes Emanzipationspotenzial hat es aber bisher nicht eingelöst
  • Im Gegenteil: Die Auflösung von Arbeits- und Privatsphäre erschöpft uns

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In Vorträgen erzähle ich gern, dass ich zwei kleine Töchter habe. Und dass wenn die beiden in vielleicht 15 Jahren ins Berufsleben eintreten werden, sie mich bestimmt fragen: „Papa, was war eigentlich dieser Feierabend?“ Das gibt meistens einen Schmunzler, zumindest aber besorgt gerunzelte Augenbrauen im Publikum. Aber ich meine das ernst: Konzepte wie der regelmäßige Weg zur Arbeit, der Nine-to-five-Tag, das Büro als Ort, wo Aktenschränke und Kopierer stehen – oder eben der für alle gleiche und verbindliche Feierabend mit all den kulturellen Konnotationen, die daran hängen –, werden dann nur noch Nostalgie sein. Ich habe das immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge gesehen, habe die Vorteile der Selbstbestimmtheit betont. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht ist der Feierabend gar nicht altmodisch, sondern im Gegenteil hochmodern. Vielleicht brauchen wir ihn dringend zurück. Vielleicht lohnt es sich, für ihn zu kämpfen.

Die Zukunft der Arbeit ist schon da – aber ist sie ein riesiger Fehler? Noch vor wenigen Jahren wurde diskutiert, ob mobile und flexible Arbeitsmodelle auch für Festangestellte eine Modeerscheinung sind, ein Phänomen aus dem Silicon Valley, das hierzulande höchstens Technologieunternehmen adaptieren. Das Bild hat sich radikal gewandelt: Die Frage, ob die neue Arbeitswelt kommt, ist eindeutig beantwortet: Ja, sie kommt. Die Frage, die sich Unternehmen jetzt stellen, ist: Wie kommt sie? Was müssen wir tun, damit wir mitspielen können?

Die Frage, die wir uns alle stellen müssten, lautet: Wollen wir das wirklich? Wie können wir die Entwicklung so gestalten, dass unser Leben, wie wir es kennen, nicht fundamentalen Schaden nimmt?

Und zwar nicht nur das Arbeitsleben, denn wenn alles Arbeit wird, bleibt auch im Privaten nichts, wie es ist. Wir sehen das in Ansätzen schon heute: Es gibt keinen Feierabend mehr. Wir schalten nie ab. Wir arbeiten immer und überall. Arbeit sickert nicht nur zunehmend in alle Lebensbereiche ein – sie wird das Leben.

Ein Rädchen in der Effizienzmaschine

Jeder kennt es: dieses ständige Gefühl des Gehetztseins. Nie fertig zu werden. Immer alles nur „gerade so“ hinzubekommen. Nie mal abschalten zu können. Keine Zeit für sich zu haben, fürs Nachdenken, Träumen. Für Genuss, Zweisamkeit, Familie. Denn da ist immer schon die nächste E-Mail, die nächste Telko, der nächste Punkt auf der To-do-Liste, die nächste Deadline. Wir funktionieren als Teil dieser Kommunikations- und Effizienzmaschine – aber leben wir? Steuern wir noch die Maschinen und Algorithmen, oder steuern sie uns bereits? Es ist eine schmerzhafte, aber nicht von der Hand zu weisende Erkenntnis: Die technologisch getriebene Arbeitsrevolution, die uns von Anwesenheitspflicht und Schreibtischzwang befreien und uns mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheit und Lebensqualität bringen sollte – sie versklavt uns nun auch jenseits des Büros.

Drei Gründe

  1. Ökonomisch/arbeitsorganisatorisch: Unternehmen müssen verstehen, dass sie nicht das Neue einführen und das Alte trotzdem beibehalten können. Wenn Arbeitgeber erwarten, dass ihre Mitarbeiter noch mal den Rechner aufklappen, wenn die Kinder im Bett sind, und am Wochenende Mails beantworten, dann können sie nicht gleichzeitig verlangen, dass dieselben Mitarbeiter am nächsten Morgen wieder um 9 im Büro sind und bis 18 Uhr bleiben. Die Versuche, das Thema mit Regeln einzugrenzen, wirken bislang gestrig und naiv: Wenn bei Volkswagen abends die E-Mail-Server ausgehen, mailen die Mitarbeiter eben vom Privataccount weiter. Wenn Daimler alle im Urlaub eingegangenen Nachrichten automatisch in den Papierkorb des E-Mail-Programms verschiebt, dann sagen selbst die Teilnehmer eines vom Autor geleiteten Führungskräfteseminars, dass sie das keineswegs entspannter macht, im Gegenteil.

  2. Menschlich/psychologisch: Wir erleben gerade einen massiven Kulturwandel. Es gibt ganz neue Werkzeuge, mit denen wir über Raum und Zeit hinweg mit anderen kommunizieren und zusammenarbeiten können. Uns fehlen aber die Absprachen, wie wir mit diesen Werkzeugen umgehen wollen. Wir haben schlicht nicht genug Zeit, Konventionen zu entwickeln. Denn die digitale Transformation schreitet nicht langsam fort, sie reißt uns förmlich mit sich. Während Angestellte in großen Unternehmen noch darüber diskutieren, wie viele Empfänger man bei E-Mails CC nehmen sollte, kaufen ihre Chefs bei Technologieanbietern längst digitale Kollaborationsplattformen, mit denen man von überall Dokumente austauschen, Projekte managen und sich über die Arbeit unterhalten kann. Die, gerade weil sie so praktisch und allgegenwärtig sind, ihre global vernetzten Tentakel noch fester um unser Privatleben schlingen. (Zwei der populärsten, Basecamp und Slack, tragen übrigens in ihren je aktuellen Versionen erstmals dem Problem Rechnung, indem sie Nutzern die Möglichkeit bieten, die ständige Flut an Benachrichtigungen zeitweise auch mal auszuschalten. Bei Slack heißt dieses neue Feature ganz prosaisch „Bitte nicht stören!“, bei Basecamp hat es den sprechenden Titel „Work can wait“.)

  3. Gesellschaftlich/politisch: Der Gesetzgeber hinkt der Debatte permanent hinterher. Während das Arbeitsministerium versucht, sich dem Thema unter dem Stichwort Arbeiten 4.0 mit live im Netz übertragenen Diskussionsrunden und Positionspapieren voller Buzzwords wohlwollend zu nähern, während Gesetzesinitiativen gegen Arbeitsstress versanden und die Arbeitgeberlobby zugleich am Arbeitszeitgesetz sägt, schafft die ökonomische Macht des Faktischen in Form neuer IT und Arbeitsabsprachen in Unternehmen ständig neue Fakten (wie etwa die Betriebsvereinbarung zum Vertrauensarbeitsort bei Microsoft Deutschland, dank der Mitarbeiter ganz offiziell von überall arbeiten dürfen). Die Frage ist ja: Welche Weichen müssen jetzt – auch in politischer Regulierung und gesellschaftlichen Werten – gestellt werden, damit die nächste Generation nicht in einer Welt aufwächst, die so keiner wollte, die einfach passiert ist?

Neulich habe ich wieder einmal einen Vortrag zum Thema „Neue Arbeit“ gehalten. Am Ende gibt es immer eine Diskussionsrunde, und die meisten Fragen habe ich schon hundertmal gehört, spule die Antworten freundlich, aber routiniert ab. Diesmal stand ein Herr auf, räusperte sich und sagte: „Herr Albers, das ist ja alles schön und gut, nur: Wird es die Menschen eigentlich glücklicher machen?“ Früher hätte ich ausgeholt, von Selbstverwirklichung und Flow, Kontrolle über die eigene Zeit und der Macht des Selfbranding gesprochen. Dieses Mal bekam ich eine Weile kein Wort heraus und murmelte dann nur: „Ehrlich? Ich weiß es nicht.“ Der Raum war still. Die Veranstaltung zu Ende. Die Gäste schauten mich etwas betreten an. Und ich wusste: Ich muss die Antwort finden.


Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus dem aktuellen Buch des Autors, „Digitale Erschöpfung. Wie wir die Kontrolle über unser Leben wiedergewinnen“ (Hanser).

Markus Albers ist einer von mehr als 60 Experten, die bei der New Work Experience von XING über die Arbeitswelt der Zukunft sprechen werden. Die NWX18 in der Hamburger Elbphilharmonie ist mittlerweile restlos ausverkauft. Die Veranstaltung kann am 6. März über newworkexperience.xing.com im Livestream mitverfolgt werden.

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Markus Albers
© Tobias Kruse
Markus Albers

Autor, Berater und Unternehmer

Markus Albers (Jg. 1969) lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Er ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Rethink. Zuvor war er unter anderem Autor bei „Brand Eins“, Managing Editor der „Vanity Fair“, Redakteur der „Welt am Sonntag“ und beim „SZ-Magazin“. Markus Albers’ Bücher „Meconomy“, „Rethinking Luxury“, „Morgen komm ich später rein“ und „Digitale Erschöpfung“ wurden vielfach besprochen und in fünf Sprachen übersetzt. Zudem hält er Vorträge und moderiert Panels und Workshops.

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