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CO2-Steuer vs. Emissionshandel: Was bringt den meisten Erfolg?

Was ist die Erfolgsstrategie im Kampf gegen CO2: eine Steuer auf den Ausstoß von Kohlendioxid oder ein CO2-Ausgleich durch den Handel mit Emissionszertifikaten? Oder brauchen wir eine andere Lösung?

Warum die CO2-Steuer unsere Probleme nicht lösen wird

Franz Josef Radermacher

Professor, digit. Transformation, Zeppelin Universität Friedrichshafen

Franz Josef Radermacher
  • Derzeit wird über eine nationale CO2-Besteuerung diskutiert
  • Was wir jedoch brauchen, sind weltweit einsetzbare neue Technologien
  • Die Methanolökonomie und der Emissionshandel sind wichtige Bausteine

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Wirkliche Fortschritte bei Energie und Klima erzielen? Ganz offenbar ist das nicht unsere Stärke. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind die CO2-Emissionen bei uns in Deutschland besonders hoch. Und das, obwohl sehr viel Geld für die Energiewende aufgebracht wird. Ein Teil unseres Problems ist, dass Politik sowie viele NGOs sich auf ausschließlich nationale Lösungen fixieren. All unser Geld und all unser Know-how wird so für nur geringe Klimaeffekte investiert, während die Entwicklungs- und Schwellenländer allein gelassen werden.

In Indien oder Afrika sind aber in den nächsten Jahrzehnten zusätzliche CO2-Emissionen zu erwarten, die wegen der enormen Bevölkerungszahlen mehr als zehnmal so groß sein werden wie die Gesamtemissionen in Deutschland. Auch China emittiert bereits heute mehr CO2 als die USA und Europa zusammen. Die Pro-Kopf-Emissionen in China liegen derzeit schon über denen in Europa, doch leben in China dreimal mehr Menschen als auf unserem Kontinent. In Indien und Afrika zusammengenommen sind es bald zwei- bis dreimal mehr Menschen als in China. Was wollen wir da bei uns in Deutschland groß bewirken?

Fossile Energieträger werden noch über Jahrzehnte unser Rückgrat sein

Auch eine deutsche CO2-Steuer als Vorbild wird nicht helfen. Denn etwa die Hälfte der europäischen Wirtschaft arbeitet ohnehin schon mit dem Handel von Emissionszertifikaten. Nach allgemeiner wissenschaftlicher Einschätzung ist eine Zertifikatelösung einer Steuer überlegen, weil sie ein gesetztes Mindestziel sicher erreicht und außerdem die geringsten Kosten verursacht. Für eine Steuer werden zu Beginn 30 Euro pro Tonne CO2 diskutiert – für Autofahrer beispielsweise hat das kaum Lenkungswirkung. Denn der Literpreis Kraftstoff wird dadurch nur um wenige Cent teurer. Gibt man die Steuer aus sozialen Gründen an die Bevölkerung zurück, wird die Wirkung noch einmal reduziert. Treibt man die Steuer in große Höhen wie 100 Euro oder gar 200 Euro pro Tonne, bedroht das die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft und den sozialen Frieden.

Im Jahr 2050 wird unsere Welt zehn Milliarden Menschen zählen. All diese Menschen brauchen Lebensmittel, Strom und zumindest einen bescheidenen Wohlstand. Das dafür erforderliche wirtschaftliche Wachstum wirft aber viele Fragen auf: Wie wollen wir diese Grundbedürfnisse erfüllen, ohne das Klima und die Umwelt zusätzlich zu belasten? Wie soll der daraus resultierende Energiehunger primär über erneuerbare Energien abgedeckt werden? Insbesondere ärmere Staaten können das nicht finanzieren. Deshalb werden fossile Energieträger noch über Jahrzehnte das Rückgrat der Weltenergieversorgung bleiben. So sieht das auch die International Energy Agency, eine Organisation der OECD.

Eine Lösung: CO2 mehrfach nutzen

Die Schaffung einer kohlenstofffreien Weltökonomie würde zu einem ökonomischen Kollaps führen – vor allem im Bereich der Mineralölwirtschaft. Eine folgende Weltwirtschaftskrise wäre nicht zu vermeiden. Denn: Gibt es keinen günstigen Strom von fossilen Energieträgern mehr, würde das nicht nur viele große Unternehmen in die Insolvenz treiben, sondern ganze Staaten. Angesichts der Wachstumserfordernisse braucht die Welt sogar noch mehr karbonbasierte Energieflüssigkeiten als heute. Das alles verlangt nach neuen emissionsarmen Technologien und einer großen Transformation unserer weltweiten ökonomischen Prozesse: Wir sollten auf synthetische Kraftstoffe, insbesondre Methanol im Rahmen einer Methanol-Ökonomie umsteigen. Ein wichtiger Hebel ist dabei die Mehrfachnutzung von CO2. Wie geht das?

Durch preiswerten Wüstenstrom wird Wasserstoff erzeugt und mit CO2 zu Methanol verbunden. Derzeit wird dieses vorwiegend aus Erdgas gewonnen. Das hilft dem Klima nicht (sogenanntes schwarzes Methanol). Zukünftig könnte der Kohlenstoff jedoch in der Großindustrie, in Kraftwerken und in der Chemie abgefangen und über Methanol rezykliert werden (Carbon Capture and Usage/CCU). Das würde dem Klima helfen (grünes Methanol). Über eine Mehrfachnutzung von CO2 könnten die weltweiten Emissionen massiv abgesenkt werden: von heute 34 Milliarden Tonnen pro Jahr auf nur noch 10 Milliarden Tonnen – obwohl sich die Menge an CO2-basierten Energieflüssigkeiten bis 2050 verdoppelt. Will man Methanol erzeugen, treten normalerweise hohe Energiekosten auf. Nicht aber, wenn man die Energie in den sonnenreichen Wüsten der Welt produziert. Denn hier generieren Photovoltaikmodule inzwischen Grünstrom zu Preisen von 2 bis 3 Cent pro Kilowattstunde, dies unter anderem wegen der hohen Sonneneinstrahlung und weil der Boden nichts kostet.

Es kommt aber nicht nur auf neue Technologien vom Typ „synthetische Kraftstoffe“ an. Auf Hunderten Millionen Hektar degradierter Böden und landwirtschaftlicher Flächen müssen wir wieder Wälder und Humus aufbauen, um CO2 biologisch aus der Atmosphäre zu holen.

Bosch will bis 2020 klimaneutral agieren

Diese großflächigen biologischen Programme verlangen allerdings Investitionen in Milliardenhöhe und Zuschüsse – Letzteres auch durch den Kauf von hochwertigen (also zum Beispiel Goldstandards entsprechenden) Klimazertifikaten, die zusätzlich Benefits in der Entwicklung anderer Länder erzeugen. So können Firmen Zertifikate für die Emissionen kaufen, die in ihrem Unternehmen durch Produktion, Transport und durch den Einsatz von Energie entstehen. Diese Zertifikate stammen aus Klimaschutzprojekten, die irgendwo anders auf der Welt die gleiche Menge an Emissionen wieder einsparen – etwa durch den Einsatz von Solarenergie oder Wasserkraft, statt eines bisherigen Kohlekraftwerks.

Unternehmen wie Munich Re, SAP, Ritter Sport und Robert Bosch haben sich bereits dafür ausgesprochen, klimabewusster zu handeln, und gehören zur „Allianz für Entwicklung und Klima“, einer Initiative der Bundesregierung. So hat Bosch angekündigt, bis 2020 klimaneutral zu agieren – ein Durchbruch im Bereich freiwillige Anstrengungen großer Industrieunternehmen. Nur wenn diesem Beispiel weitere Unternehmen folgen, können wir wirklich etwas bewegen. Aber auch auf jeden Einzelnen kommt es an. Jeder kann sein Leben klimaneutral gestalten, also die CO2-Emissionen kompensieren, die in seinem Haushalt, bei seinen Einkäufen, an seinem Auto und bei seinem Urlaub entstehen.


Ergänzender Hinweis: In dem Text „Die internationale Energie- und Klimakrise überwinden – Methanol-Ökonomie und Bodenverbesserung schließen den Kohlenstoffzyklus“ (abrufbar unter www.fawn-ulm.de) finden sich weitere Details zu den hier aufgezeigten Ansätzen sowie Hinweise zu weiterführender Literatur.


Diskutieren Sie mit: Brauchen wir einen größeren Plan als eine nationale CO2-Steuer? Was denken Sie über den Handel von Emissionszertifikaten?

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Franz Josef Radermacher
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Franz Josef Radermacher

Professor, digit. Transformation, Zeppelin Universität Friedrichshafen

Der Mathematiker, Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler (Jg. 1950) war von 2000 bis 2018 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Seit 2010 ist Franz Josef Radermacher Präsident des Senats der Wirtschaft e.V. Zudem ist er Mitglied des Club of Rome, Redner und Autor. In seinem neuesten Buch, „Der Milliarden-Joker“ (Murmann), rechnet Radermacher vor, wie Klimarettung durch Kompensation gelingen kann – wenn jeder Einzelne seinen Beitrag leistet.

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