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Bedroht die Digitalisierung unsere Werte?

Die Wirtschaftsskandale der vergangenen Monate haben das Vertrauen der Bürger in die Unternehmen zerrüttet. Das Vorbild des ehrbaren Kaufmanns müsse modern interpretiert werden, fordern nun Experten.

Warum die Digitalisierung nicht unsere Werte bedroht

Mario Springer
  • Wirtschaftsskandale haben das Vertrauen der Bürger in Unternehmen zerrüttet
  • Tatsächlich hat sich das Vorbild des ehrbaren Kaufmanns überlebt – zum Glück!
  • Ich glaube: Unsere Werte verfallen nicht, sondern sie verändern sich

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Gehen unsere Werte im Zuge der Digitalisierung wirklich verloren? Oder überwiegt nicht einfach die Unsicherheit? Schließlich stecken wir mitten in einer Phase eines gewaltigen wirtschaftlichen Übergangs, den es in diesem Umfang zuletzt im 19. Jahrhundert – während der Industrialisierung – gegeben hatte.

„Wir dürfen Werte nicht an der digitalen Garderobe abgeben“, warnte an dieser Stelle kürzlich Alexander Birken, der Vorstandsvorsitzende der Otto Group. Ich möchte widersprechen: Anstatt der technischen Entwicklung und damit dem Fortschritt die Schuld am angeblichen Werteverfall in den Unternehmen anzulasten, sollten wir die Digitalisierung, diesen gewaltigen Umwälzungsprozess, dazu nutzen, um unser Bild von der modernen Unternehmenskultur zurechtzurücken.

Den „ehrbaren Kaufmann“ gibt’s nicht mehr? Wunderbar!

Es stimmt, dass die Zeiten des „ehrbaren Kaufmanns“ vorbei sind – wenn man damit den unantastbaren und unumstrittenen „Kapitän“ verbindet, der alles im Alleingang entscheidet, der morgens als Erster das Kontor betritt und abends als Letzter das Licht ausmacht. Denn statt starrer Strukturen sind heute Flexibilität und Agilität in den Unternehmenshierarchien gefragt.

Umso erstaunlicher, dass Capgemini kürzlich in einer Studie herausfand, dass die bestehenden Verhältnisse oftmals vehement verteidigt werden, obwohl 72 Prozent der deutschen Befragungsteilnehmer die etablierte Unternehmenskultur als eines der größten Hemmnisse auf dem Weg zu einer digitalen Organisation betrachten. Doch die Unternehmenskultur muss heutzutage verändert werden, damit Führungskompetenzen sowie Einstellung und Verhalten der Mitarbeiter in den digitalen Kontext passen. Die Studie fordert einen „Top-down“-Ansatz, in der der Führungsstil angeglichen und eine Vertrauenskultur zugelassen wird, die Fehler zulässt und die Mitarbeiter früh in die Veränderungsprozesse innerhalb der Firma einbindet.

Wissensmanagement: Erfolg durch Teilen

Kaum zu fassen: Jedem vierten Mitarbeiter in Deutschland fehlen notwendige Informationen für seine Arbeit, wie das MIFM München herausfand. Doch die Ursache ist noch erstaunlicher – viele Kollegen sind nicht bereit, ihr Know-how zu teilen. Eitelkeiten und Abschottungsmechanismen kosten unsere Unternehmen also richtig viel Umsatz. Auch hier wird die Digitalisierung helfen und damit unsere Firmenkultur Stück für Stück verwandeln.

Denn die IT-Branche bietet immer mehr Softwarelösungen für das Wissensmanagement und für eine reibungsärmere Zusammenarbeit unter den Kollegen an. Immer wichtiger werden auch Coaches, die den Wissenstransfer begleiten. Vereinfacht gesagt: Der „Einzelkämpfer“ wird langsam abgeschafft, aber trotzdem erhält jeder Einzelne mehr Eigenverantwortung als früher.

Digitalkompetenz ist Veränderungskompetenz

Fachliches Know-how und Durchsetzungsfähigkeit reichen nicht mehr. Die modernen Führungskräfte brauchen Digitalkompetenz, um die Anpassung ihrer Geschäftsbereiche an die Industrie 4.0 zu gewährleisten. Dies äußert sich durch offenes – um nicht zu sagen: transparentes – Agieren und Medienkompetenz.

Diese modernen Führungskräfte strukturieren Abläufe um, sie führen neue, hierarchiearme Programme ein und motivieren ihre Mitarbeiter zur permanenten Innovation. Kurz: Diese Frauen und Männer müssen für den Wandel begeistern können. Im digitalen Zeitalter ist Digitalkompetenz also Veränderungskompetenz.

Schwer zu sagen, wie viel noch von dem „ehrbaren Kaufmann“ in solch einer modernen Führungspersönlichkeit steckt. Doch dies heißt nicht automatisch, dass die Unternehmer 4.0 unsere Werte gefährden – wenn zu „unseren Werten“ Anpassungsfähigkeit, Offenheit und die Bereitschaft zum permanenten Dazulernen zählen.

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Mario Springer
© Tradico
Mario Springer

Geschäftsführer, Deutsche Warenlager GmbH

Mario Springer ist Geschäftsführer der Deutschen Warenlager GmbH, die sich auf die Digitalisierung von Warenlagern spezialisiert hat. Zudem leitet er den Digital-Think-Tank „Agility – Denkfabrik für Industrie und Handel“ in Garmisch-Partenkirchen (www.agilitygmbh.de). Zuvor hatte er die Tradico AG gegründet und geführt. Der Sales- und Consulting-Spezialist beriet die KPMG Consulting und die Gildemeister AG.

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