Wie sieht die Beschäftigung der Zukunft aus?

Die Coronakrise verändert den Arbeitsmarkt, gerade hat die Bundesregierung das Kurzarbeitergeld verlängert. Doch wie halten wir langfristig Menschen in Arbeit?

Frank Rechsteiner
  • Die Debatte um eine kürzere Arbeitswoche ist wieder in vollem Gange
  • Dabei ist längst bekannt, dass viele Angestellte durch sie produktiver werden
  • Viele Beispiele können das belegen – inklusive meiner eigenen Erfahrungen

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Das Konzept der Viertagewoche erfährt in den vergangenen Tagen viel Zuspruch. Die Gewerkschaft IG Metall fordert sie, um in der Coronakrise Jobs zu retten. Arbeitsminister Hubertus Heil zeigt sich der Idee gegenüber offen. Und die Linke ist sowieso dafür.

Dabei geht die Debatte, ob wir uns eine Viertagewoche überhaupt leisten können, voll am Thema vorbei. Wir könnten uns in vielen Berufen eine verkürzte Arbeitszeit nicht nur leisten, sondern würden davon profitieren. Auch wirtschaftlich. Doch diese Möglichkeiten übersehen fast alle, die an dieser Diskussion teilnehmen.

Wer weniger arbeitet, schafft mehr

Es klingt wie ein schlechter Witz für die meisten Deutschen, dass ausgerechnet diejenigen mehr schaffen sollen, die weniger arbeiten. Das zeigen auch aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts. Ein Großteil der Arbeitnehmer wünscht sich sogar, mehr zu arbeiten.

Im Jahr 2018 wünschten sich rund 2,2 Millionen Erwerbstätige im Alter von 15 bis 74 Jahren eine längere Arbeitszeit (Unterbeschäftigte), während gut 1,4 Millionen kürzer arbeiten wollten (Überbeschäftigte). Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, hatten unterbeschäftigte Personen im Durchschnitt eine gewöhnlich geleistete Wochenarbeitszeit von 28,9 Stunden und wünschten sich Mehrarbeit von 10,6 Stunden. Überbeschäftigte arbeiteten dagegen durchschnittlich 41,6 Stunden pro Woche und wünschten sich eine Verkürzung um 10,8 Stunden.

Verwirrt? So ging es auch mir, als ich in meiner Analyse zu diesem Artikel genau auf diesen Widerspruch gestoßen bin. Doch es gibt jede Menge Beispiele von Menschen und Firmen, die genau diese Erfahrung durch ihr neues Arbeitsmodell machten:

Wer an einem Freitag beim Berliner Softwarehersteller Planio anruft, erreicht nur den Anrufbeantworter. Eine männliche Stimme erklärt dann, warum niemand abhebt: „Freitags arbeiten wir nicht, da das ganze Team bei Planio nur eine Viertagewoche hat.“ Wer die Taste „4“ drückt, kann von Gründer Jan Schulz-Hofen mehr zur Idee und Motivation erfahren.

In Japan hat Microsoft die Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich mit seinen 2300 Mitarbeitern getestet. Dem Unternehmen zufolge stieg die Produktivität der Beschäftigten um 40 Prozent.

Frische Fische: Seit vier Jahren gibt es bei Frische Fische das Modell der Viertagewoche. Anscheinend hat das Unternehmen damit viele Dinge richtig gemacht, denn auf kununu gibt es für die Agentur eine Durchschnittsbewertung von 4,62.

Vor- und Nachteile

Ach ja, wieder ein Artikel, in dem alles so easy dargestellt wird. Wie sieht es denn mit den tatsächlichen Vor- und Nachteilen aus?

Die Vorteile:

  • Mehr Zeit fürs Privatleben und ein gewonnener, freier Tag

  • Weniger gesundheitliche Probleme: Wie eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz zeigt, sorgt eine kürzere Arbeitswoche für weniger Rückenschmerzen, Herzinfarkte und Schlafstörungen, für einen niedrigeren Blutdruck – und letztlich auch für weniger Krankheitstage.

  • Leistung und Stimmungsbarometer steigen: Während der Anwesenheit im Unternehmen legst du den Fokus nach wie vor auf deine Tages-, Wochen- oder Monatsziele und womöglich arbeitest du sogar konzentrierter als in einer weniger komprimierten Arbeitswoche.

Die Nachteile:

  • Mehr Arbeit an den Arbeitstagen: Wenn die Stunden nicht verringert werden, aber ein ganzer Arbeitstag gestrichen wird, bedeutet das selbstverständlich mehr Workload an den übrigen Tagen. Bei einer guten Einteilung und einer effizienten Arbeitsweise kann dieser gut bewältigt werden, aber dennoch bedeutet das höchstwahrscheinlich, dass die Tage länger dauern und Pausen zu kurz kommen.

  • Freitagsumsätze fallen weg: Für Dienstleister würde eine Reduzierung der Arbeitstage bedeuten, dass Umsätze wegfallen und Kundenanfragen möglicherweise später beantwortet werden.

Was hältst du von dieser Aufstellung der Vor- und Nachteile? Wie bewertest du diese für dein eigenes Leben? Ich habe vor knapp acht Jahren meinen Selbsttest gestartet und auf meine 4-Tage-Woche umgestellt. Es gab anfangs natürlich Ups and Downs, und meine Eingewöhnungsphase in den ersten Monaten war nicht einfach. Doch ich habe es geschafft – weil ich es schaffen wollte. Heute profitieren meine Mitarbeiter und meine Kunden von diesem Modell. Und in der Tat: Ich schaffe in vier Tagen mehr als vorher in fünf.

Warum ist das so? Wenn du genau weißt, dass du weniger Zeit hast, dann konzentrierst du dich automatisch auf die wesentlichen Punkte und die unwesentlichen lässt du einfach weg. Auf diese Weise vergeudest du nicht deine Zeit mit Dingen, die deinen Arbeitszielen nicht dienen.

Kein Mensch kann acht Stunden hochkonzentriert arbeiten

„Wer lange arbeitet, arbeitet nicht zwangsläufig effizienter“, sagt auch Tim Hagemann, Professor für Arbeitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie Bielefeld. „Kein Mensch kann am Tag acht Stunden hochkonzentriert durcharbeiten – auch nicht mit viel Selbstdisziplin.“ Große Zeitfresser im Berufsalltag: E-Mails, Kaffeepausen oder lange Meetings.

Sobald sich Unternehmen darauf einlassen, kann eine Viertagewoche viele Vorteile haben: gesündere und zufriedenere Mitarbeiter, mehr Freiheiten und vieles mehr. Kürzere Arbeitszeiten bedeuten zwar nicht zwangsläufig, dass Mitarbeiter gleich deutlich produktiver arbeiten. Sich aber von starren Arbeitszeiten zu lösen, ist zumindest schon einmal ein Eingeständnis, dass niemand nur deshalb mehr Aufträge schafft, weil man länger als andere am Schreibtisch hockt.

Wenn du als Bewerber oder Interessent die Wahl hättest, zu einem Unternehmen mit einer Vier- oder einer Fünftagewoche bei gleichem Gehalt zu gehen – wie würdest du entscheiden?

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Frank Rechsteiner
© Frank Rechsteiner
Frank Rechsteiner

Gründer und Geschäftsführer, Hype Group

for Transformation, Recruiting, Mindsets

Frank Rechsteiner ist Inhaber der Hype Group, die auf Executive-Recruiting und Strategieberatung für IT-Unternehmen spezialisiert ist. Zuvor hatte er langjährige Führungspositionen bei internationalen IT-Anbietern inne. Mit regelmäßigen Umfragen und Studien ermittelt er Trends im IT-Arbeits- und -Bewerbermarkt. Er schreibt als Autor für den Verlag Springer Gabler, zuletzt 2017 das Fachbuch „Kulturbasiertes IT-Recruiting“, und publiziert laufend Beiträge in Wirtschafts-, IT-Fach- und sozialen Medien.

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