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Staus, Stress, Stickoxide: Wie muss sich der Stadtverkehr ändern?

In den Großstädten stöhnen die Menschen über den zunehmenden Autoverkehr, der die Straßen verstopft und die Umwelt verpestet. Experten fordern schon lange eine Verkehrswende. Wie kann die gelingen?

Warum einfach mehr Radwege zu bauen keine Lösung ist

Aljoscha Hofmann

Stadtforscher, Aktivist und stadtentwicklungspolitischer Berater

Aljoscha Hofmann
  • Gerade für die Städte brauchen wir Konzepte einer Mobilitätswende
  • Die Trennung der Verkehrsarten folgt einer autogerechten Logik von gestern
  • Sie ist Hauptursache für fehlende Rücksichtnahme und mangelnde Toleranz

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Eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit ist es, in den kommenden Jahren eine Mobilitätswende zu vollziehen. Einigkeit besteht darüber, dass diese neue Mobilität nachhaltig sein soll und weitgehend ohne fossile Brennstoffe auskommen muss. Wie genau diese postfossile Mobilität aussehen wird und wie sie ländliche Regionen und Städte verändern wird, darüber herrscht große Uneinigkeit. Einige stellen sich eine im Vergleich zu heute weitgehend gleichartige Mobilität mit lediglich elektrifizierten Fahrzeugen vor. Andere sehen bereits das Ende des privaten PKW herannahen. Vor allem stellt sich die Frage, wie Mobilität für alle gewährleistet werden kann.

Fokussieren wir uns auf die Innenstädte. Dort zeigt sich ein Trend: Das Fahrrad gewinnt an Bedeutung. Der hierdurch entbrannte Streit über die „richtige“ Aufteilung des Stadtraums auf die verschiedenen Verkehrsarten wird vor allem zwischen den Interessengruppen Rad und Auto erbittert geführt. Prominentes Beispiel: die Initiative Volksentscheid Fahrrad in Berlin. Diese forderte unter anderem mindestens zwei Meter breite und möglichst baulich getrennte Radwege entlang der Hauptstraßen und drängte den Berliner Senat schließlich zur Erarbeitung eines Mobilitätsgesetzes. So richtig und berechtigt die Forderung nach mehr Flächen für den Radverkehr ist, so häufig folgt sie der Logik, die tief in der autogerechten Stadt verwurzelt ist: der Trennung der Verkehrsarten.

Eine Mobilitätswende sieht anders aus

Diese Fixierung auf ausschließlich für eine Verkehrsart zugelassene Trassen ist schon heute eine der Hauptursachen für fehlende Rücksichtnahme und mangelnde Toleranz im Straßenverkehr. Wer auf dem Rad(schnell)weg unterwegs ist, duldet keine Fußgänger oder Kraftfahrzeuge auf seinem Weg. Für viele Menschen im Auto gehören Radfahrer ohne Ausnahme auf die zumeist nicht benutzungspflichtigen Radwege auf den Gehwegen.

Wer separierte Radwege fordert, erweist den auf der Straße Fahrenden einen Bärendienst. Radelnde Berufspendler werden sich freuen, wenn sie zwischen langsamen Lastenrädern und einbetonierten Pollern, die die Radelnden vom Autoverkehr schützen sollen, durchschlüpfen müssen. Und Autofahrer werden darin bestärkt, dass Radfahrer auf ihren Spuren nichts zu suchen haben.

Eine Mobilitätswende sieht anders aus. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Um ein selbstverständliches Miteinander auf der Straße. Eine geteilte rechte Fahrspur mit gleichen Rechten für alle Verkehrsteilnehmer könnte zu mehr Toleranz und gegenseitiger Rücksichtnahme führen. Die Einrichtung wäre ohne bauliche Maßnahmen flexibler und kostengünstiger als die Schaffung abgetrennter und alsbald wohl zu schmaler Radwege, die dann wieder teuer umgebaut werden müssen.

Jedes Fahrrad mehr bedeutet weniger Autos

Alle im gemeinsamen Verkehr unterzubringen ist ohne Frage ambitioniert. Das Wichtigste dabei: Rücksichtnahme von allen. Autofahrer und Lastwagenfahrer müssen mit mehr Vorsicht fahren und lernen, Radfahrer und deren Infrastrukturen zu respektieren. Radfahrer selbstverständlich ebenso, und besonders müssen sie gern als Bagatelle empfundene Regelüberschreitung unterlassen: etwa rote Ampeln zu überfahren oder bei Dunkelheit ohne Licht unterwegs zu sein. Als Radfahrer stur auf das eigene Recht zu pochen bedeutet oft schlimmere Folgen als lediglich einen Blechschaden. Ein Stück mehr Gelassenheit würde allen guttun, auch wenn dies bedeutet, mal kurz zu warten, egal ob man im Recht ist oder nicht.

Und diejenigen, die auf das Auto angewiesen sind, sollten sich bewusst machen, dass der Umstieg möglichst vieler auf das Fahrrad auch ihnen nutzt. Denn jedes Zweirad mehr auf der Straße bedeutet in der Regel auch weniger Autos und damit mehr Platz. Dafür eine Spur zu teilen sollte das sicherlich wert sein.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Wie kann eine Verkehrswende in den Städten gelingen?

Veröffentlicht:

Aljoscha Hofmann
© Christian von Oppen
Aljoscha Hofmann

Stadtforscher, Aktivist und stadtentwicklungspolitischer Berater

Aljoscha Hofmann (Jg. 1980) engagiert sich seit seinem Studium an der TU Berlin als Stadtforscher, Aktivist und Berater mit den Schwerpunkten Städtebau, Partizipation und urbane Mobilität. 2009 gründete er mit anderen die Initiative Think Berl!n. Seit 2012 ist er Mitglied am Runden Tisch für die Neuausrichtung der Berliner Liegenschaftspolitik. Derzeit ist er assoziierter Doktorand am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin und Generalsekretär des Council for European Urbanism Deutschland e.V.

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